Die amerikanischen Justizbehörden räumen schwere Pannen ein. Jahrzehntelang lieferten FBI-Experten vor Gericht fehlerhaften forensische Analysen. Die kriminaltechnischen Experten des FBI hätten an Tatorten gefundene Haaranalysen nach fehlerhaften Methoden den Angeklagten zugeordnet Foto: dpa

Experten der US-Bundespolizei haben mit schlampiger Forensik möglicherweise Hunderte unschuldig hinter Gitter gebracht – einige auch in die Todeszelle.

Washington - Mord, Vergewaltigung, Totschlag – wenn Augenzeugen fehlen und Staatsanwälte versuchen, die mutmaßlichen Täter zu überführen, spielen forensischeBeweismittel meist eine Schlüsselrolle. Die Labore der amerikanischen Bundespolizei FBI lieferten nicht nur in Prozessen vorBundesgerichten Hilfestellungen, sondern auch bei Verfahren vor Gerichten der ­Bundesstaaten.

Ganz oben auf der Liste steht dabei der Vergleich von Haarproben, die an Tatorten gefunden wurden. Zwischen 1972 und dem Jahr 2000 gingen beim FBI mehr als 21 000 Anfragen auf Untersuchungen von Haarproben ein. In 2500 Fällen stellten die Forensik-Experten der Bundespolizei eine Übereinstimmung fest.

Darauf zu wetten, dass sie mit ihren Analysen fast immer danebenlagen, ist chancenreich. Das legen die ersten Ergebnisse einer systematischen Überprüfung nahe, die das Justizministerium und das FBI durchführen.

14 der Verurteilten sind hingerichtet worden

Unterstützt wird das Projekt von der Juristenvereinigung National Association of Criminal Defense Lawyers, dem Innocence Project und der „Washington Post“. Das Blatt berichtet, in 95 Prozent der ersten 268 Prozesse, die nachträglich überprüft worden sind, seien die Labore zu fehlerhaften Ergebnissen gekommen.

Aufgrund dieser falschen Beweise konnten die Staatsanwaltschaften Jurys davon überzeugen, in 32 Fällen die Todesstrafe zu verhängen. 14 der Verurteilten sind später hingerichtet worden oder verstarben im Gefängnis.

Das Justizministerium und das FBI räumen die Probleme ein und versprechen, alle notwendigen Mittel einzusetzen, „dass alle betroffenen Angeklagten über Fehler in der Vergangenheit informiert werden und in jedem einzelnen Fall Recht geschieht“.

Die Folgen der Enthüllungen sind noch nicht absehbar. Müssen jetzt zahlreiche Prozesse neu aufgerollt, müssen Dutzende verurteilte Mörder und Vergewaltiger auf freien Fuß gesetzt werden?

"Ein massenhaftes Desaster"

Experten fürchten, die bisherigen Ergebnisse seien nur die Spitze des Eisberges. Nach Auswertung aller Gerichtsakten erwarten sie potenziell Hunderte Gefangener, die zu Unrecht wegen schwerster Straftaten hinter Gittern sitzen. „Das ist ein massenhaftes Desaster“, meint der Strafrechtler Brandon Garrett von der University of Virginia, der mit Sorge beobachtet, wie Gerichtsurteile auf forensischen Methoden basieren, die längst nicht mehr haltbar seien.

Bei den Haaranalysen gibt es keine wissenschaftlichen Erkenntnisse darüber, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass Haare von zwei verschiedenen Personen unter dem Mikroskop gleich aussehen. Tatsächlich beruhen die Gutachten des FBI in den zurückliegenden Jahrzehnten auf solchen visuellen Befunden. Eine zweifelsfreie Übereinstimmung ließe sich dagegen nur durch einen Vergleich der DNA beweisen.

Darüber hinaus besteht die Sorge, dass diese Fehler nicht nur in den Laboren das FBI begangen wurden. „Wir brauchen eine erschöpfende Untersuchung, die überprüft, inwieweit vom FBI ausgebildete Experten in den Bundesstaaten ihrerseits falsche Analysen erstellt haben“, fordert Peter Neufeld, der Mitbegründer des Innocence Project.

26 der 28 Forensik-Experten lagen falsch

Zumal 26 der 28 beim FBI beschäftigten Forensik-Experten für Haaranalysen falsche Gutachten geschrieben haben. Strafrechtler Garrett weist darauf hin, dass die Befunde nicht automatisch zu einer Wiederaufnahme bereits abgeschlossener Verfahren führten. Es gebe „zu wenige Richter, Staatsanwälte oder Verteidiger, die dazu in der Lage oder willens sind, etwas zu tun“.

Nur die Bundesstaaten Kalifornien und Texas haben einen Berufungsweg, der nach Abschluss eines Strafrechtsverfahrens beschritten werden kann, wenn Experten ihre Meinungen zurückziehen oder wissenschaftliche Erkenntnisse vorhandene Forensik infrage stellen.

Die beiden führenden Senatoren im Justizausschuss des Senats, Charles Grassley und Patrick Leahy, drängten den Chef des FBI, James Comey, „an die Wurzel des Übels zu gehen“, um solche Probleme für die Zukunft auszuschließen. „Es ist von zentraler Bedeutung, dass die Bundespolizei systematische Faktoren ausmacht, die über mehr als ein Jahrzehnt erlaubt haben, dass dieses Problem entstand und fortging“.

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