Dieter Overath ist ein Experte für Fair-Trade-Städte. Foto: privat

Einige Kommunen haben es bereits, viele wollen es: Das Siegel, das sie offiziell zur Fairtrade-Town macht. Doch laut Dieter Overath von Fairtrade Deutschland blockieren in den Bundesländern auch nach wie vor Gesetze die Unterstützung des fairen Handels.

Ditzingen – - Einige Kommunen haben es bereits, viele wollen es: Das Siegel, das sie offiziell zur Fairtrade-Town macht. Doch laut Dieter Overath von Fairtrade Deutschland blockieren in den Bundesländern auch nach wie vor Gesetze die Unterstützung des fairen Handels.
Haben Kommunen eine Vorbildfunktion, um den Fairtrade-Gedanken im Bewusstsein der Bürger zu verankern?
Für eine Kommune gibt es viele Möglichkeiten, sich für den fairen Handel zu engagieren und eine Vorbildfunktion einzunehmen. Das Schlüsselelement der Kampagne Fairtrade-Towns ist die Vernetzung verschiedener Akteure aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft für das gemeinsame Ziel, den fairen Handel in der eigenen Heimat zu stärken. Mit der Kommune kann der faire Handel in viele Bereiche integriert werden und somit das Bewusstsein der Bürger für das Thema stärken.
Müssten die Kriterien für das Siegel Fairtrade-Town dann aber nicht viel strenger sein?
Jede Stadt startet auf ihrem eigenen Niveau. Für einige ist die Auszeichnung leichter zu erreichen, für andere sind die Kriterien schon sehr herausfordernd. Die Fairtrade-Towns Kampagne geht weit über die Erfüllung der fünf Kriterien hinaus, sie bringt die Menschen über ihr gemeinsames Engagement für den fairen Handel zusammen. Daraus entsteht eine ganz eigene Dynamik, die eine Kommune bereichert und sich auf vielfältige Weise zeigt: Mit der Vernetzung und gemeinsamen Aktionen auf lokaler bis hin zur internationalen Ebene. Oder mit der gelungenen Einbindung des fairen Handels in kommunale Ereignisse und Veranstaltungen, mit Projekten in Schulen und Vereinen, mit Initiativen für mehr Fairen Handel im Einzelhandel und der Gastronomie bis hin zum kreativen Stadtmarketing. Dem Ideenreichtum der zahlreichen Engagierten in Fairtrade-Towns sind keine Grenzen gesetzt.
Andererseits. Wenn eine Kommune den Fairtrade-Gedanken leben will, wird sie ausgebremst: Grabsteine aus Kinderarbeit etwa kann sie nicht verbieten, weil ein Nachweis über ihre Herkunft nicht zu erbringen ist...
Die faire öffentliche Beschaffung ist eines der entscheidenden Kriterien bei der Fairtrade-Towns-Kampagne. Der geforderte Ausschank von fair gehandeltem Kaffee in der kommunalen Verwaltung öffnet häufig die Rathaustüren für ein weitgreifendes Umdenken bei Beschaffungskonzepten. Zahlreiche Fairtrade-Towns stellen in Betriebskantinen auf ein breites Sortiment an fair gehandelten Lebensmitteln um, führen fair gehandelte Fußbälle in öffentlichen Schulen ein, stellen auf Arbeitsbekleidung aus Fairtrade-Baumwolle für Mitarbeiter im öffentlichen Dienst um, nutzen fairen Blumenschmuck und Präsentkörbe und unterstützen städtische Einrichtungen wie Krankenhäuser beim fairen Einkauf.
Aber, nochmals, Grabsteine aus Kinderarbeit sind nach wie vor zulässig.
In Deutschland wurden die Vergaberegeln auf Bundesebene in das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkung und eine neue Vergabeordnung integriert. Die Beschaffungsregelungen der einzelnen Bundesländer werden in deren Vergabegesetzen festgelegt. In zwölf von 16 Bundesländern spielen soziale Kriterien wie Menschen- und Arbeitsrechte beim Einkauf eine Rolle und Kommunen dürfen bei der Ausschreibung nach entsprechenden Nachweisen fragen. Keine Anwendung finden sie bisher in den Bundesländern Sachsen, Bayern, Hessen und Baden-Württemberg.
Neben den Kommunen ist jeder einzelne in der Pflicht. Doch die Vielzahl der Siegel verwirrt. An welchen Kriterien soll sich der Kunde orientieren, wenn er Gutes tun will?
Ich empfehle das blau-grün-schwarze Fairtrade-Siegel. In ihrer Mai-Ausgabe 2016 bewertete die Stiftung Warentest das Fairtrade-Siegel als besonders vertrauenswürdiges Label mit hoher Aussagekraft. In ihrem Fazit schreibt die Stiftung Warentest, Fairtrade weise sehr stark übergreifende Standard-Kriterien auf. Besonders positiv bewertet wurden die stabilen Mindestpreise für Rohwaren und zusätzliche Prämien, die gute Rückverfolgbarkeit bis zum Ursprung, die guten Kontrollmechanismen und vielfältige Wirkungsanalysen.
Wer kontrolliert wie häufig, dass die Kleinbauern tatsächlich profitieren?
Die unabhängige Zertifizierungsgesellschaft Flocert ist damit beauftragt, in regelmäßigen Abständen vor Ort zu überprüfen, ob Produzenten und Händler die Fairtrade-Standards einhalten und die sozialen, ökonomischen und ökologischen Standards erfüllen. Sie kontrolliert auch, ob die Produzentenorganisationen den festgelegten Mindestpreis und die Fairtrade-Prämie ausgezahlt bekommen.
Allein die Einhaltung von ethischen, sozialen Kriterien bei der Produktion macht eine Ware am Markt aber nicht erfolgreich. Man muss sie haben wollen. Es genügt nicht, die Discounter im Boot zu haben, die angesagten Marken müssen dabei sein. Doch diese sind zurückhaltend. Wie wollen Sie das ändern?
Wir haben mehr als 300 Unternehmen, die bundesweit mehr als 3000 Fairtrade-Produkte in den Markt bringen, darunter auch angesagte Marken wie Ben&Jerry’s,und Lemonaid oder Armed Angels. Aber es können ruhig noch mehr werden, daran arbeiten unsere Kollegen täglich. Sie reden mit den Fairtrade-Partnerunternehmen, um sie in der Entwicklung attraktiver Fairtrade-Produkte zu unterstützen. Gleichzeitig suchen wir kontinuierlich das Gespräch mit neuen Firmen, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen und deren Produkte auf Fairtrade umgestellt werden könnten.
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