Verkehrsminister Winfried Hermann (4. v.l.) mit seinem Fahrradhelm „Ohne Helm fühle ich mich nackt“ Foto: Verkehrsministerium

Ehrensache, dass bei der ersten Radsternfahrt des Verkehrsministeriums am Sonntag auch der Chef im Sattel sitzt. Wir fahren dort, sagt Minister Hermann, wo sonst nur Autos rollen.

Stuttgart - Ehrensache, dass bei der ersten Radsternfahrt des Verkehrsministeriums am Sonntag auch der Chef im Sattel sitzt. Wir fahren dort, sagt Minister Winfried Hermann, wo sonst nur Autos rollen.


Herr Minister Hermann, wann saßen Sie zum letzten Mal auf einem Fahrrad?
Gestern.

Beruflich oder privat?
Ich bin zum Abgeordnetenhaus geradelt. Auf einer Abendveranstaltung war ich anschließend auch mit dem Rad.

Das heißt, Sie setzen sich nicht nur für Foto­termine aufs Rad.
So ist es. Als Minister habe ich so viele Sitzungszeiten, da bin ich froh, wenn ich mich mal etwas bewegen kann. Ich bedauere, dass ich in Stuttgart nicht mehr annähernd so viel zum Radfahren komme wie als Abgeordneter in Berlin. In Berlin bin ich täglich von meiner Wohnung in den Reichstag geradelt, das waren 35 bis 40 Minuten pro Strecke. In Stuttgart fällt das aus, weil ich zu Fuß ins Ministerium komme.

Beliebte Frage unter Radlern: Wie viele Kilometer haben Sie dieses Jahr schon auf der Uhr?
Keine Ahnung, das habe ich nie gemessen.

Das heißt, Sie sind weder Rennradfahrer noch Mountainbiker.
Ja, ich bin City-Biker. Ich hatte immer Räder mit kräftigen Reifen, die dem schlechten ­Zustand der Straßen gerecht werden. Jetzt habe ich das Privileg, dass ich als Verkehrsminister ein wunderschönes, superschnelles Dienst-Pedelec habe.

Das Sie mit Atomstrom betanken.
Nein, ich bin noch nie mit Atomstrom gefahren, weil ich meinen Akku daheim mit Ökostrom lade. Auch im Ministerium haben wir Strom, der aus regenerierbaren Energiequellen kommt.

Richten wir den Blick nach vorn, auf die Radsternfahrt am Sonntag: eine gute Möglichkeit, auch mal auf einer sonst vielbefahrenen Autostraße zu radeln.
Sicher, das ist eine Idee, die dahinter steckt. Wir wollten dort Rad fahren, wo man sonst als Radfahrer allenfalls todesmutig fahren kann. Radler sollen auch mal vielbefahrene Straßen exklusiv für sich nutzen können.

Fürchten Sie nicht, damit Auto fahrende Grünwähler zu vergraulen?
Nein, die meisten Autofahrer sind auch Radfahrer. Das ist heute zum Glück anders als noch vor 20 Jahren. Außerdem ist auf den Straßen, auf denen wir uns bewegen werden, am Sonntagmorgen vergleichsweise wenig los. Die Anwohner sind informiert, und die Straßen sind ja nicht stundenlang gesperrt. Wenn der Pulk durch ist, sind sie wieder frei.

Mit wie vielen Teilnehmern rechnen Sie?
Wir hoffen auf 5000 Radlerinnen und Radler, wissen es aber nicht genau, da die Leute sich nicht anmelden mussten. Wichtig ist, dass die Wetterprognosen gut sind. Es hätte nach diesem Frühjahr auch anders kommen ­können.

Christdemokraten können sich bei Freiluftveranstaltungen auf ihren guten Draht zum ­lieben Gott berufen. Was machen die Grünen?
Wir haben seit Monaten Fürbitte geleistet, dass das Wetter hält. Offenbar hat es ­genützt.

Wäre man böswillig, könnte man sagen, die Radsternfahrt ist aus Berlin abgekupfert.
Mit dem Vorwurf kann ich leben. In Berlin ­fahren jedes Mal 150 000 bis 250 000 Radler mit. Das ist eine andere Dimension. Da werden ganze Autobahnen gesperrt. Aber die Berliner Sternfahrt war der Anstoß für uns.

Bei manchen Grünenpolitikern bekommt man den Eindruck, dass das Rad vor allem Pose ist.
Das ist nicht so. Wenn es etwas gibt, das die Grünen eint, dann ist es die Leidenschaft zum Radfahren. Ich kenne kaum einen Grünen, der nicht gern Rad fährt. Das Fahrrad ist schon fast so etwas wie ein identitätsstiftendes Transportmittel. Ich habe mir mein ­erstes richtiges Fahrrad von dem Geld gekauft, das ich zur Erstkommunion bekam. Es war ein NSU-Rad, das ich bis zum Abitur gefahren habe. Ich fuhr meine Räder eigentlich immer ziemlich lang, meist 10 bis 20 Jahre.

Viele Radler sind auch Schrauber.
Schrauben hat mich nie interessiert. Wo immer ich gelebt habe, hatte ich schnell Kontakt zu einem guten Radladen. Zu meinem 40. habe ich mir in Stuttgart ein Rad geschenkt. Als ich den Händler Jahrzehnte später traf, hat er sich noch genau an das Modell erinnert. Hängt wohl damit zusammen, dass ich ein guter Kunde von ihm war.

Radfahrer duzen sich meist. Sitzen Sie am Wochenende als Herr Minister oder als Winne Hermann im Sattel?
Bei dieser Tour werde ich wahrscheinlich überwiegend als der Herr Minister wahrgenommen. Aber für meine Freunde und Bekannten bin ich nach wie vor der Winne. Mir ist es wichtig, dass die Leute wissen, was man als Minister leistet. Aber dazu brauche ich keinen Königsthron.

Politiker erlassen Gesetze und Verordnungen. Warum verordnen sie sich selbst nicht ein Recht auf Leibesübungen?
Ich kann nur für mich sprechen und muss Ihnen sagen, dass ich für mich schon einiges in der Richtung bewegt habe. Ich bin überzeugt davon, dass man nur dann einen guten Job machen kann, wenn man sich sowohl geistig als auch körperlich fit hält. In meinem Büro gibt es einen Nebenraum mit Liege und Heimtrainer. Außerdem gehe ich samstagabends ins Studio, sonntagmorgens laufe ich. Soweit am Wochenende kein Parteitag ist. Dann fällt das Training leider flach.

Auf dem Foto auf dieser Seite tragen Sie einen Helm, der nicht ausschaut wie ein Modell von der Stange.
Ich bin überzeugter Helmträger und will damit zeigen, dass nicht jede Kopfbedeckung wie ein Radhelm aussehen muss. Helme können auch chic sein, so dass die Leute sie freiwillig aufsetzen. Das Model hier ist einem Reithelm nachempfunden. Es gibt Helme, die sehen wie irische Kappen aus oder wie Bollenhüte aus dem Schwarzwald.

Sie sind für die Helmpflicht?
Ja. Ich kenne die Argumente der Gegner, die sagen, dass eine Helmpflicht manche Leute vom Radfahren abhalten würde. Mich überzeugt das nicht. Das Autofahren hat auch nicht abgenommen, nur weil die Leute einen Sicherheitsgurt anlegen mussten. Wenn ich ohne Helm aufs Rad sitze, fühle ich mich nackt. Das Problem ist, dass die Studien, die bei der Diskussion herangezogen werden, oft alt sind oder gar aus Südwestaustralien stammen. Wir brauchen aktuelles Daten­material. Aus diesem Grund werde ich in diesem Jahr noch mit Christian Carius, dem CDU-Verkehrsminister aus Thüringen, eine Studie in Auftrag geben, die in der Frage des Helmtragens neue Erkenntnis einholen soll. Die Schutzwirkung für den Kopf ist freilich offenkundig.

Herr Minister, Sie haben jetzt die Gelegenheit, unseren Leserinnen und Lesern die Teilnahme an der Radsternfahrt schmackhaft zu machen.
Nun, wir fahren auf schönen, breiten Straßen, wo Sie sonst nicht Rad fahren können oder wollen. Es werden nette Leute dabei sein. Und es gibt auf dem Schlossplatz ein tolles Angebot. Man kann sich von Fachleuten Rat holen, sein Rad checken lassen. Es gibt Musik, Rad-Artistik und selbstverständlich, nicht unwichtig für Radfahrer, ­etwas zu essen und zu trinken und vieles ­andere mehr.