Massimiliano De Simone trifft zum ersten Mal seine Gastfamilie. Die 14 angeworbenen italienischen Pflegekräfte werden die nächsten vier Monate in privaten Unterkünften verbringen, um besser Deutsch zu lernen Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Deutschland braucht Fachkräfte. Die Unternehmen suchen intensiv – auch im Ausland. Die Stuttgarter Nachrichten begleiten eine solche Anwerbung und die beteiligten Menschen ein Jahr lang. Diesmal treffen 14 Krankenpfleger aus Italien ihre neuen Familien.

Stuttgart - Kurz könnte man meinen, man sei in Italien. Menschen wuseln durcheinander, Sitzplätze werden getauscht, Namen aufgerufen, es wird geredet mit Worten, mit Händen und mit Füßen. Ein buntes Chaos, das sich erst nach einigen Minuten lichtet. Schließlich haben sich alle gefunden im IB-Hotel in Stuttgart-Vaihingen.

Soeben sind die 14 studierten Pflegekräfte aus ganz Italien, die sich seit Sonntag in Stuttgart befinden, ihren künftigen Gastfamilien vorgestellt worden. Mit Kind und Kegel sind die angerückt. Bei ihnen werden die neun jungen Italienerinnen und fünf Italiener von diesem Wochenende an vier Monate lang leben. In dieser Zeit absolvieren sie einen intensiven Sprachkurs. Erst danach ziehen sie in Wohnheime ihres neuen Arbeitgebers, des Klinikverbundes Südwest. Der wird die jungen Leute später in seinen Krankenhäusern in Böblingen, Sindelfingen und Leonberg einsetzen. Auch ihre genauen Arbeitsorte haben die Neuankömmlinge jetzt erfahren.

Massimiliano De Simone sitzt am Tisch und gestikuliert mit den Händen. Er spricht schon ein bisschen Deutsch, kommt mit seiner Gastfamilie aus Gärtringen bereits gut klar. „Er macht einen guten Eindruck“, sagt Doris Reichle und lacht. Ihr Mann und einer der Söhne sitzen mit am Tisch und beäugen das neue Familienmitglied. „Einer unserer Söhne studiert auswärts, das Zimmer war frei“, sagt die Gastmutter. Also warum nicht eine Fachkraft aus Italien aufnehmen.

Das Wohnen in Gastfamilien war ein ausdrücklicher Wunsch des Klinikverbundes. „Wir müssen schauen, dass die Leute schnell die Sprache lernen und sich gut integrieren“, sagt Personalchef Roland Ott. Andere Projekte haben gezeigt, dass es besser ist, die jungen Leute wohnen nicht die ganze Zeit des zehnmonatigen Anwerbeprogramms gemeinsam im Hotel. Das erschwert den Kontakt zu Einheimischen.

Die Familien hat der Internationale Bund (IB) als Vermittler der Fachkräfte sorgfältig ausgesucht. Jede Familie ist vorher besucht worden. Die meisten sprechen kein Italienisch, was ausdrücklich so gewollt ist. Manche haben schon mehrmals bei ähnlichen Projekten mitgemacht, pflegen bis heute Kontakte zu früheren Gastkindern. Andere sind zum ersten Mal dabei. „Eine Freundin hat uns gefragt, ob wir nicht mitmachen wollen“, erzählt Sybille Frentz aus Sindelfingen. Sie zeigt sich zuversichtlich, dass die Gasttochter „zu unserer Familie gehören wird“.

Neugierig beschnuppern sich alle Beteiligten. Fotos werden gezeigt und Telefonnummern ausgetauscht. Und Gemeinsamkeiten entdeckt. Welche deutsche Familie hat einen Hund wie die eigene italienische Verwandtschaft zu Hause? Wer kommt in der nächsten Woche wie und mit wem zur Sprachschule in Böblingen? Die Gastfamilie von Paola d’Angelo hat sogar schon weiter gedacht: Sie hat für die 24-jährige Römerin bereits eine Begleiterin im selben Alter für die abendliche Erkundung der Gegend gefunden.

„Deutschland ist eine Entscheidung fürs Leben“, sagt Paola d’Angelo voller Überzeugung. In Italien einen Arbeitsvertrag zu bekommen, sei „eine Illusion“. Jetzt hat sie einen deutschen in der Hand. Auch den haben die jungen Leute in den vergangenen Tagen unterschrieben. Sie wissen, dass viel Verantwortung auf sie zukommt. „Ich hoffe, wir beginnen damit eine gute und langandauernde Zusammenarbeit“, hat ihnen Personalchef Ott mit auf den Weg gegeben. Und ergänzt: „Wir werden alles dafür tun, dass dies gelingt, und vertrauen darauf, dass auch Sie Ihren Teil dazu beitragen.“

Dazu sind alle bereit. Überhaupt sind die ersten Tage in der neuen Heimat spannend gewesen. Noch vom Hotel aus hat die Gruppe gemeinsam Stuttgart erkundet, Böblingen und Sindelfingen besichtigt. Und Bekanntschaft mit äußerst bizarren Phänomenen gemacht. „Pfandflaschensystem“, sagt Paola. Alle brechen in Gelächter aus. Lange Gesichter gibt es dagegen bei einem anderen Thema: Der Kaffee in Deutschland will nicht so richtig schmecken. Anders als der Bienenstich beim Bäcker. Ein kompliziertes Wort, das auch schon ganz gut auf Deutsch über die Lippen kommt.

Ums Verhungern macht sich Massimiliano jedenfalls keine Sorgen. „Brezel mit Butter“, sagt der 33-Jährige und hebt den Daumen. Beim Willkommensabend erklärt ihm Pflegedirektor Joachim Erhardt, er habe gelesen, dass Brezeln glücklich machen. „Dann werde ich immer glücklich sein“, sagt Massimiliano und lacht. Der Deutschkurs wird die erste Bewährungsprobe dafür.

StN-Projekt „Nordwärts

Der Fachkräftemangel in Deutschland bringt viele Unternehmen dazu, auch im Ausland nach Personal zu suchen. Italien, Spanien, Portugal, aber auch Länder in Asien sind Ziele. Gebraucht werden Ingenieure, Erzieher, Pflegekräfte und viele andere Berufe.

Auf dem Markt tummeln sich inzwischen diverse Anbieter, die Kandidaten nach Deutschland vermitteln. Der Internationale Bund (IB), ein großer Anbieter aus dem Sozialbereich, hat sich auf die Anwerbung von Pflegekräften und Erziehern in Italien spezialisiert. Dort gibt es viele studierte Fachkräfte, die keine Festanstellung finden.

Unsere Zeitung begleitet den IB und den Klinikverbund Südwest in Sindelfingen unter dem Titel „Nordwärts“ ein Jahr lang von der Kandidatensuche bis zur Anerkennung der Fachkräfte in Deutschland. Das Einleben in einem fremden Land, Sprachkurse, Arbeitserfahrungen und schließlich die Prüfung durch das Regierungspräsidium stehen in dieser Zeit auf dem Programm. Der Arbeitgeber und die italienischen Pflegekräfte kommen regelmäßig zu Wort und schildern ihre Erfahrungen mit dem Projekt.

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