Heute ist Thomas Hitzlsperger unter anderem Vielfaltsbotschafter des DFB. Foto: imago//Pressefoto Rudel

Etwa zwei Jahre vergingen bei Thomas Hitzlsperger zwischen dem Outing vor seiner Familie und der Öffentlichkeit. Was ihn große Überwindung gekostet hat und andere daraus für ein Coming-out am Arbeitsplatz mitnehmen können, erklärt er im Interview.

Bei Thomas Hitzlsperger ist es gerade frühmorgens, als er sich aus dem Hotelzimmer zuschaltet. Er ist in den USA unterwegs, unter anderem bei dem Freundschaftsspiel Deutschland-Mexiko. Gut gelaunt blickt der 41-Jährige in die Kamera, obwohl er noch nicht mal ein Frühstück hatte. Das Thema, um das es gehen soll, ist ihm ein persönliches Anliegen: Ein Coming-out im Job. Hitzlsperger war Anfang 2014 der erste – und bisher letzte – bekannte deutsche Fußballer, der öffentlich über seine Homosexualität gesprochen hat. Er ist hier, um zu erklären, warum er es wichtig findet, darüber am Arbeitsplatz zu reden – unabhängig davon, ob der Arbeitsplatz ein Fußballverein ist.

 

Herr Hitzlsperger, es gibt immer noch kaum Profi-Fußballer, die offen schwul leben. Sie haben sich damals nach ihrer Karriere geoutet. Wie hat sich das angefühlt?

Es war der richtige Schritt und hat sich gut angefühlt. Ich habe festgestellt, dass es im Arbeitsumfeld immer eine Verbindung zum Privaten gibt. Irgendwann wird man gefragt: „Hey, hast du eigentlich eine Freundin?“ Ich hatte gerade vor ein paar Tagen die Situation. Als wir zum zweiten Mal bei diesem Thema angekommen sind, habe ich gesagt, was Sache ist. Weil ich das mit dem offiziellen Outing einmal ausgesprochen habe, fällt es mir im Arbeitsalltag leichter, weil ich weiß, ich muss nicht darüber sprechen. Aber wenn es zum Thema wird, habe ich überhaupt keine Hemmungen, über mein Privatleben zu sprechen.

Sie haben mal erwähnt, dass zwei Jahre zwischen dem Coming-out vor Ihrer Familie und der Öffentlichkeit lagen. Was ist in dieser Zeit passiert?

Ich war lange nicht bereit, über meine Homosexualität zu sprechen, ich hatte Angst, weil das Thema damals so groß war. Mir war klar, ich verändere damit total viel in dieser Gruppe, also im Verein. Und wenn ich das Thema dort reinbringe, verändert das wahrscheinlich auch die Dynamik im gesamten Team. Aber ich hatte mich entschlossen, nach und nach darüber zu reden, weil es ein wichtiger Teil von mir ist. Zunächst stellte sich die Frage: Mit wem spreche ich darüber? Dann habe ich mich vorangetastet, habe geschaut, zu wem habe ich großes Vertrauen, bei wem glaube ich, dass eine Akzeptanz da ist, ohne dass es große Diskussionen gibt. Und je mehr es wussten, desto klarer wurde mir: Ich habe auch eine große Chance, anderen Menschen zu helfen, wenn ich es öffentlich mache. Vorurteile abzubauen etwa, und einfach mal sachlicher zu diskutieren, wie es sich anfühlt, im Profi-Fußball zu sein und zu einer Minderheit zu gehören.

Hat der Fußball ein Problem mit Homophobie?

Ich bin zurückhaltend, wenn es darum geht, ob die Fußball-Community homophob ist. Wir können es nicht sagen, weil es in Deutschland in der Bundesliga keinen Spieler gibt, der in der Öffentlichkeit darüber spricht. Erst wenn es einen oder mehrere gibt, die sich outen, können wir sagen, wie haben das Publikum, die Vereine und die Verbände reagiert. Erst dann würde sich zeigen, ob das, was man versucht hat zu vermitteln – indem man die Regenbogenflagge gehisst hat, beim CSD dabei war – auch wirklich vertritt. Ich habe keine Sorgen, dass der Verein das super managen würde, aber der Fall existiert halt nicht. Grundsätzlich vermute ich aber, dass es im Fußball ähnlich ist, wie im Rest der Gesellschaft.

Wenn man sagt, man ist schwul, wird einem manchmal die Männlichkeitabgesprochen. Glauben Sie, dass sich manche Männer im Job nicht outen,weil es diese Vorstellung von Männlichkeit gibt?

Was hat das für eine Bedeutung, Männlichkeit unter Beweis zu stellen? Wenn ich in der Arbeit bin, brauche ich keinen bestimmten Grad an Männlichkeit, das ist irrelevant. Leute kommen am Arbeitsplatz in erster Linie zusammen, um zu arbeiten, um ihre Qualitäten einzubringen. Dafür muss der Arbeitskontext auch ein geschützter Raum sein, damit sich die Menschen wohlfühlen. Und da fließt das Private ab und zu mit ein. Ich muss wissen, dass ich akzeptiert werde, wie ich bin, dass ich frei von Diskriminierung an meinem Arbeitsplatz arbeiten kann. Aber das hat für mich nichts mit Männlichkeit oder Weiblichkeit zu tun, sondern eher mit Menschlichkeit.

Wenn jemand ein Outing in seinem Unternehmen plant, und manim Umfeld das Gefühl hat, es könnte unangenehm werden: Wie könnteman sich rantasten?

Ich muss mir dabei immer bewusst sein: Ich habe nichts falsch gemacht, wenn ich homosexuell bin. Ich habe mir das nicht ausgesucht. Für mich gilt: Ich bin mit mir im Reinen, ich möchte es auch gar nicht anders, aber ich habe das eben nicht gewählt. Es gibt daher keinen Grund, dass mich Menschen dafür kritisieren. Man muss aber erst mal an den Punkt kommen, dass ich mir sage, das ist für mich Normalität, und es sollte auch für euch Normalität sein. Ihr habt gar keinen Grund, mich zu diskriminieren oder zu beleidigen. Wenn ich feststelle, ich bin in einer Gruppe, wo es die wenigsten akzeptieren, dann ist es klar schwieriger. Dann muss man sich im privaten Umfeld seinen Raum suchen, wo man sich wohlfühlt, und sich so vorantasten. Bei mir ging es darum, erst mal abzuklopfen, wo kann ich mich sicher äußern. Je mehr Sicherheit ich habe, desto mehr Selbstvertrauen entwickle ich. Um dann kann ich irgendwann auch in einem Umfeld, das zunächst mal nicht so homofreundlich ist, das Thema offen aussprechen.

Was müssen Arbeitgeber beitragen, dass ein sicheres Umfeld für diese Offenheit, für ein Outing geschaffen wird?

Es sollte schon gegeben sein, dass man sich an jemanden wenden kann, wenn ich in meinem Arbeitsumfeld diskriminiert werde. Denn wenn es diese Ansprechpersonen nicht gibt, ist man echt verloren. Dann kann ein Unternehmen auch nicht pauschal ein Coming-out empfehlen, denn das ist ja nicht easy, vor allem wenn man im Kolleginnen- und Kollegenkreis merkt, dass die Stimmung dafür hier gerade nicht gut ist.

Was können Unternehmen noch tun?

Es beginnt schon damit, wie ich Menschen in Jobausschreibungen anspreche. Es ist also auch ökonomisch sinnvoll, nicht auszugrenzen, und wenn Unternehmen das verstehen, dann ist das ein guter Schritt. Dazu geht es um klare öffentliche Bekenntnisse von Firmen, um zu sagen, dass hier nicht ausgegrenzt wird, man kann Foren schaffen, um Menschen aus dieser Gruppe die Möglichkeit zu geben, sich auszutauschen. Leider gibt es dafür auch immer noch Kritik – aber wenn Unternehmen bereit sind, das auch auszuhalten, dann ist schon sehr viel geschafft.

Stuttgarter Meister und Vorreiter

Karriere
Thomas Hitzlsperger spielte nach ersten Schritten beim VfB Forstinning in den Nachwuchsmannschaften des FC Bayern München. Im Jahr 2000 wechselte er zu Aston Villa in die englische Premier League. 2007 holte er mit dem VfB Stuttgart den Meistertitel, insgesamt spielte er von 2005 bis 2010 bei den Cannstattern.

Coming-out
Hitzlsperger verkündete im September 2013 mit nur 31 Jahren sein Karriereende. Wenige Monate später, im Januar 2014, outete er sich als erster deutscher Fußball-Profi in einem Interview mit der „Zeit“ als schwul. Ab 2016 war er in verschiedenen Funktionen für den VfB Stuttgart tätig, von Oktober 2019 bis März 2022 war er Vorstandsvorsitzender. Heute ist er unter anderem als TV-Experte und Vielfaltsbotschafter des DFB tätig.