Die südbulgarische Stadt Plowdiw ist eine der europäischen Kulturhauptstädte 2019. Die quirlige Metropole zieht Boombranchen genauso an wie Touristen. Doch sie hat einige düstere Seiten.
Plowdiw - Gemächlich schlendern die Müßiggänger über das Kopfsteinpflaster der Innenstadt von Plowdiw. Als wären sie von Bulgariens Verhüllungskünstler Christo verpackt, trotzen die in dicke Plastikfolien gewickelten Palmen vor der Dschumaja-Moschee der frostigen Morgensonne. Plowdiw, im Süden Bulgariens gelegene Vielvölkermetropole, ist vom 12. Januar an eine der Weltkulturhauptstädte Europas. Schon zu sozialistischen Zeiten sei die Atmosphäre in Plowdiw „immer etwas offener und liberaler“ als in der Hauptstadt Sofia gewesen, berichtet im Moschee-Café der Journalist Ruslan Jordanow, während er an einer Tasse frisch aufgebrühten Kaffees nippt: „Bisher hat Sofia im Land immer alles bestimmt. Doch der Trend hat sich umgekehrt: Plowdiw ist der aufsteigende Stern in Bulgarien.“
Der Redakteur der Lokalzeitung „Maritza“ weiß, wovon er spricht: Bereits vor zweieinhalb Jahren ist der in Sofia geborene Journalist bewusst aus der hektischen Hauptstadt ins „viel entspanntere und schöne“ Plowdiw umgezogen. Viele Sofioter würden sich für Wochenendtrips oder Konzerte nach Plowdiw aufmachen – und träumten davon, in Bulgariens zweitgrößte Stadt zu ziehen. Selbst habe er seinen Umzug „nie bereut“: „Plowdiw ist schon lange Bulgariens Kulturhauptstadt. Ich würde nie mehr nach Sofia zurückziehen.“
Die Marketingexperten der Stadt jubeln
Ein Einzelfall ist der in Bulgariens Boomstadt zugewanderte Jordanow keineswegs. Über die nach Jahren der Abwanderung in die Emigration wieder wachsende Bevölkerung und die stark anziehende Zahl von Touristen, Auslandsinvestoren und Arbeitsplätzen freut sich der stellvertretende Bürgermeister Stefan Stojanow. Die Nominierung zur europäischen Kulturhauptstadt habe sich für Plowdiw „als enormes Marketinginstrument“ erwiesen: „Es hat uns geholfen, das Image der Stadt positiv zu ändern. Plowdiw ist heute der beste Ort in Bulgarien, um zu leben, zu arbeiten – und zu investieren.“
Über eine halbe Million Menschen leben im Großraum Plowdiw. Nicht nur der Tourismus, sondern auch die Internet-Branche wächst. Doch in Stoliponowo hat der im Rathaus gepriesene Aufschwung keinerlei Spuren hinterlassen. 15 Minuten Fahrt vom Zentrum entfernt holpern in dem Roma-Viertel Autos und Pferdefuhrwerke durch knöcheltiefe Schlaglöcher und Abwasserlachen. Einsam ragt zwischen heruntergekommenen Wohnblocks ein verrostetes Klettergerüst über eine mit Müll übersäte Spielplatzbrache.
Bei den Roma sieht es düster aus
Schon seit Jahrzehnten sei in dem mit rund 50 000 Einwohnern größten Roma-Viertel Europas „so gut wie nichts in die Infrastruktur investiert worden“, berichtet Anton Karagjosow, Gründer der Stiftung Roma Plowdiw. Zwei an Stoliponowo angrenzende Elendsviertel hätten noch nicht einmal eine Kanalisation.
Zu sozialistischen Zeiten seien die Roma von Stoliponowo meist in den staatlichen Tabak- oder Fleischkombinaten beschäftigt gewesen, erzählt der ergraute Familienvater: „1989 kam die Demokratie – aber nicht für die Roma. Sie waren die Ersten, die entlassen wurden und auf der Straße landeten.“ Nur noch ein kleiner Teil der Viertelbewohner lebe vom traditionellen Kunstschmiedehandwerk oder vom Handel mit türkischer Importkleidung: „Die meisten sind arbeitslos, beziehen Sozialhilfe oder werden von den ausgewanderten Verwandten im Westen unterstützt.“
Neben ihrer schlechten Ausbildung und oft mangelhaften Sprachkenntnissen mache den meist türkischsprachigen Viertelbewohnern die „stille Diskriminierung“ bei der Arbeitssuche zu schaffen. „Sobald Arbeitgeber ihre Hautfarbe sehen, sagen sie, dass die ausgeschriebene Stelle vergeben sei.“ Die einzige Hoffnung, dass „Ghetto“ verlassen zu können, sei für viele die Emigration. Sie siedelten sich oft in den türkischen Hochburgen Frankfurt, Dortmund oder Duisburg an. Die Zeiten, als den Frauen aus Stoliponowo nur die Straßenprostitution der Ruhrgebietsstädte als Gelderwerb blieb, sei zwar vorbei. Doch Geld müsse verdient werden, irgendwie. „Nur wer im Westen genug verdient, kann sich außerhalb des Roma-Viertels eine Wohnung kaufen“, sagt Anton Karagjosow.
„Bürger zweiter Klasse“
„Zaedno – gemeinsam“ lautet das Motto des Kulturjahrs. Es prangt in goldenen Lettern auf den Kalendern, die sich im Büro von „Plowdiw 2019“ stapeln. Das Programm für die Kulturhauptstadt solle nicht zuletzt „die vielen Farben und Kulturen“ der Vielvölkermetropole widerspiegeln, sagt die stellvertretende Programmdirektorin Gina Kafedschijan, die selbst einer Familie der armenischen Minderheit entstammt. Kultur könne zwar keine Straßen ausbessern, aber Probleme aufzeigen und Sichtweisen verändern: „Wenn deutsche und bulgarische Schauspieler ein Theaterprojekt mit Roma-Kindern in Stoliponowo verwirklichen, erhöht das auch die Aufmerksamkeit für das Viertel.“
Stolz verweist Kafedschijan auf das zentrumsnahe Handwerkerviertel Kapana, das sich nach jahrzehntelanger Agonie dank einer von „Plowdiw 2019“ angestoßenen Stadtteilerneuerung zu einem pulsierenden Ausgeh- und Künstlerviertel gemausert habe: „Ganz Plowdiw ist heute stolz auf die Kapana. Und hoffentlich werden wir dank des Kulturjahrs auch bald stolz auf unser Stoliponowo-Viertel sein.“ Von einem multikulturellen Idyll ist Plowdiw indes weit entfernt: Das am Südufer des Flusses Maritza gelegene Stoliponowo wird von Einheimischen meist gemieden. Die über eine Million Touristen, die jährlich die von der Unesco geschützte Altstadt erkunden, verirren sich ohnehin nicht in das Problemviertel.
„Get-to Stoliponowo“ fordert das Plakat des Verbands der Roma-Jugendclubs mit einem Wortspiel die Gäste des Kulturjahrs zum Besuch auf. Die Bulgaren würden auf Roma als „Bürger zweiter Klasse“ blicken, sagt Clubdirektor Assen Karagiasow. Früher hätten sich Bulgaren und Roma zumindest noch bei der Arbeit in den Fabriken getroffen: „Jetzt will keine Seite mehr die andere kennenlernen.“
Von seinem Vater Anton war der studierte Ökonom in den 90er Jahren als erstes Roma-Kind in Stoliponowo auf eine bulgarische Schule außerhalb des Viertels geschickt worden. „Plowdiw war lange eine sehr tolerante Stadt, ein bunter Strauß unterschiedlicher Völker. Doch bewusst gesäter Hass hat diese Vielfalt zerstört.“ Wegen der zunehmenden Übergriffe von Rechtsextremisten empfehle er Jugendlichen, abends nur noch in Gruppen von mindestens vier oder fünf Personen das Zentrum zu besuchen: „Aus Angst vor gewalttätigen Attacken trauen sich viele Roma gar nicht mehr aus dem Viertel.“
Angst vor rechten Schlägern
Seitdem vor über einem Jahrzehnt rassistische Bürgerwehren und rechtsextreme Parteien an Zulauf gewannen und es in ganz Bulgarien wiederholt zu Anti-Roma-Ausschreitungen kam, ist das Klima laut Assen Karagiasow immer feindseliger geworden. Nachdem die Nationalisten der Partei Vereinigte Patrioten 2017 in die Regierung eingetreten seien, seien Roma selbst „offenen Hassreden im Parlament“ ausgesetzt. „Die Roma-Hasser manipulieren die Jugendlichen, schaffen eine Atmosphäre des Hasses. Und die Lage verbessert sich nicht – sie verschlechtert sich.“
Für fatal hält es Assen Karagiasow, dass die von privaten Stiftungen initiierten Versuche, mehr Roma-Kinder auf Schulen außerhalb ihrer Viertel zu schicken, unter der neuen Regierung praktisch völlig zum Erliegen gekommen sind. In dem neuen, von der Regierung verabschiedeten Schulgesetz hänge die finanzielle Ausstattung einer Schule nur noch von der Zahl ihrer Schüler ab. Die Macht der Eltern gegenüber den Lehrern sei erheblich gestärkt worden, so der Wirtschaftswissenschaftler. „Viele bulgarische Eltern melden ihre Kinder sofort von der Schule ab, wenn Roma-Kinder am Unterricht teilnehmen.“
Die Angst vor rückläufigen Schülerzahlen führe dazu, dass immer weniger Schuldirektoren noch Roma-Schüler akzeptierten – und dass selbst Roma, die sich die Schultransportkosten eigentlich leisten können, ihre Kinder aus Angst vor Diskriminierung nicht mehr auf Schulen außerhalb des Viertels schicken. „Doch Kinder, die nicht richtig Bulgarisch lernen, fehlt das Selbstbewusstsein, um sich außerhalb des Viertels frei zu bewegen – sie können dort später allenfalls einen Job als Straßenkehrer finden.“
Es sei natürlich schön, dass Plowdiw dank des Kulturjahrs „noch schöner“ geworden sei, sagt der Mann mit der Lederjacke beim Abschied. „Doch in Stoliponowo wurde bisher nichts verschönert.“ Selbst wenn im Laufe des Jahres kurzfristig noch einige zusätzliche Kulturprojekte bewilligt werden sollten, werde sich für die Bewohner kaum etwas verbessern: „An der Lage der Roma wird auch der Titel Kulturhauptstadt nichts ändern.“