Im Stuttgarter Hospitalhof reden Museumsdirektoren aus aller Welt darüber, wie ihre Häuser in Zukunft aussehen sollen.
Stuttgart - Wer schon einmal im Winter im Stuttgarter Linden-Museum zu Besuch war, hat vielleicht die zugefrorenen Fenster gesehen. Das klassizistische Gebäude, das 1911 eingeweiht wurde, ist in die Jahre gekommen und erfüllt nicht annähernd mehr die Ansprüche an ein modernes, besucherfreundliches Museum. Deshalb dringt die Direktorin Inés de Castro schon lange auf einen Neubau, was die meisten politischen Vertreter von Stadt und Land auch für die beste Lösung halten für die ethnologische Sammlung, die zu den größten der Republik gehört. Inés de Castro wünscht sich einen Standort in der Innenstadt – zum Beispiel auf der Fläche des Züblin-Parkhauses. Andere sehen einen Neubau eher im Rosensteinquartier, das durch den Bau des unterirdischen Bahnhofs entsteht.
Vielstimmigkeit ist wichtiger als Expertenmeinung
Wie aber könnte eine zeitgemäße Museumsarchitektur ausschauen? Das ist eine der Fragen, um die es bei der Tagung „Das neue Museum. Neue Ideen für das ethnologische Museum der Zukunft“ gehen wird, die am Freitag und Samstag im Hospitalhof in Stuttgart stattfindet. Das Linden-Museum will gemeinsam mit der Bevölkerung und Gästen aus aller Welt diskutieren, was es bei einem solchen Neubau zu beachten gibt. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Architektur, über die unter anderem Andreas Hofer, der Leiter der IBA27, diskutieren wird mit Marieke van Bommel. Sie leitet in Antwerpen das Museum aan den Stroom, das in einem imposanten Neubau untergebracht ist, der 2011 im Hafenviertel eröffnet wurde.
Eine entscheidende Frage wird bei der Ausschreibung eines Wettbewerbs sein, ob und wie stark die Architektur auf das Ausstellungskonzept reagieren soll, schließlich sollen die Objekte künftig so präsentiert werden, dass verschiedene Perspektiven auf sie möglich sind. Im Hamburger Museum am Rothenbaum versucht man bereits gezielt, Kulturen zu vergleichen und dem Publikum Zugänge zu verschiedenen Verständnissen von Welt zu geben. Wie das genau geht, wird die Direktorin Barbara Plankensteiner bei der Tagung erklären. Ziel der Ausstellung ist hier Vielstimmigkeit – und nicht mehr eine unumstößliche Wahrheit und Expertenmeinung.
Museum soll in Stadt und Gesellschaft hineinwirken
Im vergangenem Jahr machte das neue Museum der schwarzen Zivilisationen Schlagzeilen, das im vergangenen Jahr in Senegals Hauptstadt Dakar eingeweiht wurde und „ein Museum von Afrika, der Diaspora und der Welt“ ist, wie der Direktor Hamady Bocoum es nennt. Er wird in Stuttgart über neue Museumskonzepte sprechen, die viele verschiedene Partner einbinden, um den kolonialen Blick zu überwinden. In ethnografischen Museen westlicher Konzeption gehe man immer vom Anderen aus, meint Bocoum. Das Museum in Dakar will dagegen vermitteln, dass wir alle Menschen sind, unabhängig von unserer Herkunft.
In Kapstadt lebten im sechsten Stadtbezirk einst freigelassene Sklaven, Arbeiter und Immigranten zusammen – bis sie infolge der Apartheidsgesetze brutal vertrieben wurden. Heute erinnert das District Museum 6 an die Ereignisse. Mandy Sanger ist Kulturvermittlerin an dem Kapstadter Museum – und wird in Stuttgart Einblicke geben, wie Museen in die Stadt und die Gesellschaft hineinwirken können. Denn das neue Linden-Museum soll nicht nur ein Ort für die ethnologische Sammlung sein, sondern ein offenes Haus werden, in dem es auch um das gesellschaftliche Miteinander geht.