Vor zwei Jahren hat die Esslinger Festo AG bei einer „Nacht der Bewerber“ noch um den Nachwuchs gebuhlt. Jetzt hat das Unternehmen die Zahl der Ausbildungsplätze im Landkreis von 90 auf 62 zurückgefahren. Foto: Horst Rudel

Die IG Metall im Kreis Esslingen wirft den Industriebetrieben eine Doppelmoral vor. Sie würden einerseits über den Fachkräftemangel klagen und andererseits ihre Ausbildungskapazitäten zurückfahren.

Esslingen - Große Industrieunternehmen, wie die Esslinger Betriebe Festo und Index, haben ihre Ausbildungskapazitäten drastisch zurückgefahren. Die Kürzung um durchschnittlich rund 30 Prozent stößt auf die Kritik der Industriegewerkschaft (IG) Metall. Aber auch bei Markus Grupp, dem Wirtschaftsförderer im Kreis Esslingen, löst der Sparkurs Unverständnis aus. Die betroffenen Unternehmen bestätigen zwar die Zahlen der Gewerkschaft, verweisen aber darauf, dass die Kürzungen entweder im Einvernehmen mit dem Betriebsrat oder im Sinne der Auszubildenden beschlossen worden seien.

Das ändert nichts an der Einschätzung der IG Metall, die das Gebaren der Unternehmen als kurzsichtig bezeichnet. „Da wird über Fachkräftemangel lamentiert und gleichzeitig an der Ausbildung des Nachwuchses gespart. Das passt irgendwie nicht zusammen“, sagt Gerhard Wick, der Geschäftsführer der IG Metall im Landkreis Esslingen.

Zahl der Ausbildungsplätze von 601 auf 413 gesunken

Einer Statistik der Gewerkschaft zufolge geht die Zahl der Auszubildenden und der jungen Menschen, die unter dem Dach eines Industriebetriebes ein Duales Studium aufnehmen, seit dem Jahr 2013 ständig zurück. Hatten die Landkreis-Unternehmen vor vier Jahren noch 601 Ausbildungsplätze angeboten, so sind es in diesem Jahr nur noch 413. Allein das in Esslingen-Berkheim beheimatete Unternehmen Festo, einer der großen Weltmarktakteure auf dem Gebiet der Automatisierungstechnik, hat die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge von bisher 90 in diesem Jahr auf aktuell nur noch 62 zurückgefahren.

„Die Unternehmung kommen ihrer Verpflichtung zur Ausbildung nicht nach. Dabei sind sie schlecht beraten, wenn sie ihre Personalplanung nur an der Konjunkturentwicklung festmachen“, kritisiert der Gewerkschaftssekretär, Max Czipf. Gerade die Betriebe, die am lautesten über den Fachkräftemangel klagten, würden sich diese Abhängigkeit selbst schaffen. „Wo sollen denn die Fachkräfte auf einem leer gefegten Markt herkommen, wenn wir sie nicht selbst ausbilden“, fragt sich Czipf.

Die wahren Ausmaße des Problems werden sich nach Einschätzung von Hans-Jürgen Drung, dem Betriebsratsvorsitzenden der Festo AG, erst in drei Jahren zeigen. Dann, wenn die Abgänger fehlten und die Konjunktur, wie allgemein erwartet wird, weiterhin brummt. „Wir drängen darauf, im kommenden Jahr wieder auf 90 Ausbildungsplätze zu erhöhen. Aber uns als Betriebsrat fehlt der Hebel“, sagt Drung.

Kritik auch aus dem Landratsamt

Auch im Esslinger Landratsamt kann man die Strategie der Unternehmen nicht nachvollziehen. „Die duale Ausbildung des Fachkräftenachwuchses ist ein wichtiges Fundament für den Erfolg eines Unternehmen. Eine Kürzung in dieser Größenordnung ist nicht zu vermitteln“, sagt Markus Grupp, der Wirtschaftsförderer des Landkreises. Dabei verweist Grupp auf die am 19. Juni vorgestellten Ergebnisse einer Prognosstudie, die die Fachkräftesicherung im Zusammenhang mit der demografischen Entwicklung als eine der drängendsten Zukunftsaufgaben im Kreis Esslingen identifiziert hat. Die Frage, wie dieser Herausforderung zu begegnen sei, steht am Mittwoch, 11. Oktober, auf der Tagesordnung. Dann trifft sich die im Rahmen des Zukunftsdialogs Esslingen eingesetzte Arbeitsgruppe zum Thema Fachkräftemangel. Am Tisch werden dann nicht nur der Wirtschaftsförderer und die Gewerkschaften sitzen, sondern auch Vertreter der Banken, der Industrie- und Handelskammer und der Unternehmen.

Die Unternehmen wehren sich

In den Vorstandsetagen der namentlich erwähnten Unternehmen fühlt man sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. „Wir haben im April 2016 beschlossen, die Zahl der Ausbildungsverhältnisse von zuvor 45 auf jetzt 30 zu kürzen, weil wir zu diesem Zeitpunkt einerseits stark unter der Dieselaffäre gelitten haben und andererseits die ausgelernten Auszubildenden nicht in den Abteilungen unterbringen konnten, weil es dort zu wenig altersbedingte Abgänge gegeben hat“, sagt Dirk Prust, der als Geschäftsführer für den Bereich Technik zugleich Sprecher der Geschäftsleitung ist. Inzwischen habe sich die Konjunktur so weit stabilisiert, dass die im Einvernehmen mit dem Betriebsrat auf drei Jahre befristete Kürzung möglicherweise schon früher rückgängig gemacht werden könne.

„Übernahme geht vor Ausbildung“ so lässt sich auch die Stellungnahme von Festo zusammenfassen. Das Unternehmen verweist darauf, dass – über die tarifvertraglichen Regelungen hinaus – jeder Auszubildende eine unbefristete Übernahmegarantie bekommt. Weil nicht jeder Absolvent auf Anhieb in einer geeignete Abteilung unterkomme, gebe es ein geringe Anzahl von Springer-Stellen. Um diesen Mitarbeitern eine Perspektive zu geben, habe die Firma bei den Ausbildungsplätzen restriktiver geplant als im Vorjahr. Dass es auch anders geht, zeigt nach Einschätzung der IG Metall die Nürtinger Firma Heller. „Dort wird seit Jahren auf gleich hohem Niveau ausgebildet, ohne das uns Probleme bekannt geworden wären, die Leute später im Betrieb unterzubringen“, sagt Wick.

Zukunftdialog 2017

Der Zukunftsdialog 2017 Landkreis Esslingen ist einer gemeinsamen Initiative des Landkreises Esslingen und der Kreissparkasse Esslingen entsprungen. In vier Arbeitsgruppen sollen dabei die Bedingungen für die strategische und operative Weiterentwicklung des Landkreises Esslingen ausgelotet werden.

Beim Schwerpunktthema Infrastruktur geht es vor allem um die Entwicklung zukunftsweisender Mobilitätskonzepte. Die Arbeitsgruppe Fachkräftesicherung beschäftigt sich mit dem Übergang Schule- Beruf, der Ausbildungssituation und den Maßnahmen gegen die Jugendarbeitslosigkeit. Unter der Überschrift Strukturwandel werden Trends und strukturelle Herausforderungen der Arbeit der Zukunft beleuchtet und hinter dem Schlagwort Digitalisierung schließlich verbirgt sich das Bemühen, die Vorteile von glasfaserbasierten Datennetzen in Schule und Beruf bestmöglichst zur Geltung zu bringen.

Der Landkreis stellt das Ergebnis der Diskussion, die von den Expertengruppen in den kommenden Wochen geführt wird, im Rahmen einer öffentlichen Abschlussveranstaltung am Dienstag, 5. Dezember, im Landratsamt Esslingen vor. Dabei sollen auch schon konkrete Handlungsempfehlungen und umsetzbare Projektvorschläge präsentiert werden.

In der Kreiszentrale hatte im Juni auch die Auftaktveranstaltung des Zukunftsdialogs stattgefunden. Dabei hat Tobias Koch, einer der Autoren des Prognos Zukunftsatlas 2017, die Rahmenbedingungen für ein künftiges Wirtschaftswachstum abgesteckt. Ausgangspunkt war die Frage, wie der Landkreis Esslingen seine Position im bundesweiten Vergleich weiter verbessern kann. Im Prognos Zukunftsatlas der Regionen hat sich der Kreis Esslingen vom Rang 68 im Jahr 2007 über den Platz 59 (2009) und den Platz 25 (2013) auf den 22. Rang hochgearbeitet – liegt allerdings immer noch hinter dem Kreis Böblingen (Rang 4), der Stadt Stuttgart (Rang 7) und dem Kreis Ludwigsburg (Rang 12).

„Wir müssen die Menschen in unserer Region mitnehmen und wir müssen heute die Fachkräfte von morgen ausbilden“, hatte der Esslinger Landrat Heinz Eininger vor den versammelten Entscheidern aus Industrie und Wirtschaft gefordert. Der Trend zu den Hochschulen bei gleichzeitigem Mangel an Fachkräften sei eine Herausforderung, der sich alle Beteiligten gemeinsam stellen müssten.

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