Die erste Ampel Deutschlands: Die historische Straßenszene aus den 1930er Jahren zeigt den Ampelturm mit Kabine auf dem Potsdamer Platz. Dort saß ein Polizist und steuerte das Signal per Hand. Foto: dpa

Die erste Verkehrsampel der Welt leuchtete in London. Vor 150 Jahren wurde sie vor dem Parlament installiert. Seitdem hat sich vieles verändert.

London - Mitte des 19. Jahrhunderts ist in der Metropole des britischen Empires eine Regelung des Verkehrs überfällig. Täglich pendeln bis zu 750 000 Menschen ins Zentrum, Pferde-Omnibusse, Droschken und Fuhrwerke verstopfen die Straßen von London, die Einrichtung von Einbahnstraßen schafft kaum Abhilfe. Zwar hat man bereits 1860 mit dem Bau der U-Bahn begonnen, doch die wenigen Stationen bringen so gut wie keine Entlastung.

Schwere Unfälle sind an der Tagesordnung, allein 1866 registriert die Verwaltung in der Londoner City 102 Verkehrstote – und das bei Schritttempo. Eine besonders gefährliche Kreuzung befindet sich direkt unter dem Glockenturm Big Ben im Regierungsviertel, hinter der Westminster Brücke. Hier sind schon zwei Parlamentarier schwer verletzt und ein Schutzmann getötet worden. Die Abgeordneten befassen sich mit dem Thema, aber auch sie finden keine Patentlösung.

Die Farbwahl mit Grün und Rot orientiert sich an der Schifffahrt

Da meldet sich beim Londoner Polizeipräsidenten ein gewisser John Peake Knight. Der Chef der South Eastern Eisenbahngesellschaft ist Ingenieur und empfiehlt, Eisenbahnsignale auf den Straßenverkehr zu übertragen. An besonders gefährlichen Kreuzungen könnten gut sichtbare Zeichen in Form sogenannter Semaphoren aufgestellt werden,das sind eigentlich Signalmasten zur Nachrichtenübermittlung.

Deren Farbwahl mit Grün und Rot orientierte sich an der Schifffahrt, wo sie Backbord und Steuerbord kennzeichnen. Seit den 1840er Jahren nutzte auch die Eisenbahn Grün für „Freie Fahrt“ und Rot für „Stop“. Die Bezeichnung „Ampel“ für diese Flügelsignale etablierte sich erst später.

Eine drehbare Gaslaterne mit roten und grünen Lichtfiltern

Um die Einwohner Londons auf die Neuerung vorzubereiten, lässt der Polizeipräsident 10 000 Flugblätter verteilen: „Polizeiliche Bekanntmachung! Beim Signal „Caution“ („Achtung“) werden alle Personen, die Fahrzeuge oder Pferde führen, ermahnt, mit Bedacht die Kreuzung zu überqueren. Das Signal „Stop“ wird nur erscheinen, wenn es erforderlich ist.“ Die Fachzeitschrift „The Engineer“ schrieb damals: „Die Säule ist 6,50 Meter hoch, achteckig unten und ganz oben und wiegt fünf Tonnen. Der obere Teil ist spiralförmig gewunden, die Seiten sind gotisch verziert. Darüber befindet sich ein Lichtkasten.“

Die drehbare Gaslaterne mit roten und grünen Lichtfiltern dient dem Nachtbetrieb. Tagsüber geben zwei große mechanische Arme die Zeichen – wie ein übergroßer Wachtmeister: Sind sie gesenkt, dürfen Fahrzeuge in die Kreuzung hineinfahren, sind sie ausgestreckt, bedeutet das anhalten. Bedient wird diese Apparatur per Hebel von einem Polizisten, der sich am Fuß der Ampel aufhält.

Drei Wochen nach der Inbetriebnahme passiert ein folgenreicher Unfall

Das Satire-Magazin „Punch“ bleibt skeptisch und vergleicht die Anlage mit einer „schreckhaften Erscheinung“, verklärt durch den Londoner Nebel: „Allem Anschein nach hat die Apparatur noch große Mängel. Viele Fahrer wissen nicht, was die Armstellungen bedeuten. Deshalb werden sie mitunter ignoriert, oft funktioniert auch einfach die Technik nicht.“

Bereits drei Wochen nach der Inbetriebnahme kommt es am 2. Januar 1869 zu einem folgenreichen Unfall. Eine defekte Gasleitung explodiert, dabei erleidet der diensthabende Bobby durch eine Stichflamme schwere Gesichtsverletzungen. Die erste Ampel wird sofort abgeschaltet und nie wieder in Betrieb genommen. Mehr als ein halbes Jahrhundert verzichten die Briten auf weitere Versuche, den chaotischen Straßenverkehr mit Signalanlagen zu regeln. Erst 1926 stellen die Londoner an der Ecke Piccadilly und St James’s Street eine neue Ampel auf.

Erst 1923 schaffte die Ampel in der USA den Durchbruch

Durch den weltweiten Anstieg der Automobilisierung hatte seit Beginn des 20. Jahrhunderts der fließende Verkehr sprunghaft zugenommen – vor allem in den USA. Um ein „Signal zu setzen“, wurde am 5. August 1914 in Cleveland (US-Bundesstaat Ohio) die erste elektrisch betriebene Ampel errichtet. Auch sie zeigte nur die Farben Grün und Rot und signalisierte Fußgängern und Autofahrern abwechselnd „Stop“ und „Move“ („Bewegen“). Gelb gab es noch nicht, deshalb kündigte eine Glocke den Farbwechsel an – ein Konzept, das bald vom lärmenden Verkehr überholt wurde. Die Lichtfolge musste von einem Bediensteten der Stadt gesteuert werden.

Erst 1923 war der Ampelentwurf von Garrett Morgen auch kommerziell erfolgreich. Der Vorteil seiner Konstruktion lag hauptsächlich in der Mechanik, die über größere Strecken elektrisch ferngesteuert werden konnte. Er verkaufte die Erfindung für 40 000 Dollar an den Stromkonzern General Electric Company, die dann millionenfach Ampelanlagen produzierte. Morgan erhielt später von der US-Regierung eine Auszeichnung für Verkehrssicherheit.

Die Begeisterung über die Neuheit im Straßenbild hielt sich in Grenzen

Auch in Europa setzten sich in den 1920er Jahren Ampeln zur Verkehrslenkung durch. Der Potsdamer Platz in Berlin war damals der verkehrsreichste Knotenpunkt des Kontinents mit stündlich mehr als 200 Straßenbahnen – hinzu kamen Hunderte von Bussen und Automobile. Hier nahm am 22. Oktober 1924 der berühmte fünfeckige Ampelturm seinen Betrieb auf.

Die Begeisterung der Hauptstädter über die Neuheit im Straßenbild hielt sich dennoch in Grenzen. Der „Lokal-Anzeiger“ bezeichnete Ampeln als einen „Schildbürgerstreich“, das „Tageblatt“ wollte sie gar „schleunigst wieder abschaffen“. Kunden von Taxen und Pferdedroschken fürchteten, die erzwungenen Haltezeiten würden ihre Fahrkosten erhöhen. Trotzdem setzten sich in Deutschland und in ganz Europa noch in den 1920er Jahren Ampeln zur Steuerung des Straßenverkehrs durch.

In Berlin feierte 1937 die erste deutsche Fußgängerampel Premiere

Heute erinnert eine Nachbildung an den ersten „Leuchtturm“ der Hauptstadt. Zehn Polizisten wurden durch die Ampel eingespart, die fünf zusammenführende Straßen auf einmal regelte. In Berlin feierte 1937 auch die erste deutsche Fußgängerampel Premiere, die manuell per Einzelschaltung funktionierte. 1952 richtete die Stadt New York weltweit einen ersten automatisch gesteuerten Überweg für Passanten ein, die Schriftzüge „Walk“ und „Don’t Walk“ wechselten sich „wie von Zauberhand“ ab. In der DDR erfand der Verkehrspsychologe Karl Peglau 1961 das Ampelmännchen.

Am Standort der ersten Ampel in London erinnert heute an einem Haus der City of Westminster eine grüne Plakette an die weltweit erste Verkehrsampel. Übrigens: Im Durchschnitt verbringen Autofahrer wie Fußgänger 14 Tage ihres Lebens vor roten Ampeln.

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