Das Atomendlager Schacht Konrad in Salzgitter (Niedersachsen) für schwach- und mittelradioaktiven Atommüll. Gesucht wird nun noch ein Endlager für hochradioaktiven Müll. Foto: dpa

Im Kreis Göppingen könnte irgendwann ein Endlager für hochradioaktiven Atommüll entstehen. Allerdings gilt mehr als die Hälfte der Fläche Deutschlands prinzipiell als geeignet. In den kommenden Jahren kommen mögliche Standorte auf den Prüfstand.

Jeder hat ihn mit verursacht, doch niemand will ihn haben: Für den in Jahrzehnten in Deutschland produzierten hochradioaktiven Atommüll gibt es noch immer kein Endlager, nach dem Aus für den ungeeigneten Salzstock in Gorleben nimmt die Suche aber an Fahrt auf, das Verfahren läuft schon seit dem Jahr 2017. 54 Prozent des Bundesgebiets kommen rein theoretisch für eine unterirdische Lagerstätte in Frage, darunter auch große Teile des Landkreises Göppingen. Erstmals hat nun auf Einladung des Landratsamts eine öffentlich gestreamte Experten- und Diskussionsrunde zusammengefunden und das Verfahren und die Situation im Landkreis beleuchtet.

 

2031 soll die Entscheidung fallen

„Es ist ein Thema, das wir jetzt nicht mit großer Vorfreude aufrufen“, räumte Landrat Edgar Wolff zu Beginn der Veranstaltung ein, an der etwa 50 Experten, Bürgermeister, Oberbürgermeister und Kreisräte teilnahmen – sowie eine unbekannte Zahl an Zuschauern. „Es geht um nichts weniger als die Suche nach einem Atommüllendlager.“ Fest stehe, dass Deutschland so ein Lager brauche, „2031 soll eine Entscheidung fallen.“ Nun sei es an der Zeit, rechtzeitig Transparenz herzustellen, deshalb finde diese erste lokale Infoveranstaltung statt.

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„Wir in der Kreisverwaltung haben die Aufgabe, diese Endlagersuche zu begleiten und zu informieren“, machte Wolff deutlich. Dass der Landkreis in dem Verfahren nicht außen vor ist, zeigten die eingeladenen Experten auf: 90 prinzipiell geeignete Teilgebiete gibt es in Deutschland, nahezu der ganze Kreis Göppingen liegt im Gebiet 013. Ein kleiner Teil des Landkreises befindet sich überdies im Teilgebiet 001.

Auch die Siedlungsdichte spiele eine Rolle – aber erst später

Worum geht es nun bei der Suche nach einem Lagerplatz für den hochradioaktiven Müll? „Unser Ziel ist es, eine relativ ruhige Geologie zu finden“, sagte Steffen Kanitz von der Bundesgesellschaft für Endlagerung. Schließlich müsse die strahlende Fracht für eine Million Jahre sicher untergebracht werden. Erdbebengebiete wie der Zollerngraben scheiden deshalb ebenso aus wie Gegenden mit möglicher vulkanischer Aktivität, Bergwerken oder Verbindungen zu Grundwasserleitern.

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„Muss es denn nicht ein dünn besiedeltes Gebiet sein?“, wollte der Grünen-Kreisrat Günter Burkhardt aus Gosbach wissen. „Da haben Sie intuitiv recht“, meinte Kanitz, schränkte jedoch gleich wieder ein: „Aber zuerst wird nach geologischen Kriterien geschaut und erst im zweiten Schritt werden andere Kriterien betrachtet. Das entscheidet dann aber der Gesetzgeber.“ Das seien schließlich knifflige Fragen: Wie groß darf die Siedlungsdichte sein? Wo liegt die Grenze? Wie entwickelt sich die Besiedlung – das könne niemand vorhersagen.

Bislang wurde noch nicht gebohrt

Die CDU-Kreisrätin Susanne Prinz aus Böhmenkirch erkundigte sich nach dem Stand der Prüfungen: „Ich habe gesehen, dass das Gebiet meines Heimatorts auch in der Auswahl ist, wurden schon Kernbohrungen gemacht?“ Das verneinte Kanitz, es sei noch nirgends gebohrt worden bislang: „Wir nutzen derzeit vorliegende Daten, die teilweise Jahrzehnte alt sind.“ Erst in einem späteren Schritt würden dann in ausgewählten Gebieten Bohrungen vorgenommen.

Bürger sollen in Regionalkonferenzen zu Wort kommen

Wenn in einigen Jahren Vorschläge für die übertägige Erkundung von möglichen Standortregionen vorliegen, sollen dort als wichtiger Baustein des Verfahrens öffentliche Regionalkonferenzen stattfinden und für die umfassende und kontinuierliche Beteiligung der Öffentlichkeit sorgen. Wer denn dazu eingeladen werde, fragte Kreisrätin Ursula Bader (Grüne) aus Gammelshausen. Es werde „eine große Aufmerksamkeit“ dafür geben, versprach Christian Schwöbel vom Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung. Laut dem Standortauswahlgesetz können sich alle Bürger der jeweiligen Standortregion sowie angrenzender Gebiete an den Regionalkonferenzen beteiligen. Und wann ist es soweit? Diese konkrete Frage stellte der Leiter des Kreis-Umweltschutzamts, Andreas Neft. Steffen Kanitz fiel die Antwort schwer: „2024 ist eine schöne, sehr ambitionierte Wunschvorstellung – ich sehe das aber nicht.“

Zwei Gebiete im Kreis Göppingen im Fokus

Bericht
 Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) hat in ihrem 2020 veröffentlichten ersten Zwischenbericht bundesweit 90 Teilgebiete aufgeführt, die für eine endgültige Lagerung radioaktiver Abfälle geeignet sein könnten. Demnach sind 54 Prozent Deutschlands und nahezu die Hälfte Baden-Württembergs grundsätzlich geeignet.

Gebiete
 Untersucht wird nahezu der gesamte Kreis Göppingen. Hier treffen zwei Teilgebiete aufeinander, die Grenze bildet der Albtrauf: im Osten das Gebiet 01 (Tongestein) und im Westen das Gebiet 13 (kristallines Wirtsgestein, sprich Granit).