Die Kirschbäume an der Bahnlinie zwischen Heumaden und Ruit werden von Passanten munter abgeerntet Foto: Caroline Holowiecki

Kirschbäume werden munter leergepflückt von Spaziergängern, das hat eine Frau in Stuttgart-Heumaden gesehen. Manche stopfen sich sogar den Rucksack voll. Sie sollten aufpassen, grundsätzlich kann jeder stibitzte Apfel zur Anzeige gebracht werden.

Heumaden/Filder - Die Frau aus Heumaden ist irritiert. Regelmäßig radelt sie auf dem Weg von der Haltestelle Heumaden in Richtung Ruit. Dabei beobachtet die 77-Jährige in jüngster Vergangenheit immer wieder, wie sich Passanten an den Kirschbäumen neben den Gleisen bedienen. Menschen kletterten hinauf, rupften an Ästen herum, rissen sie samt der Früchte ab. Manche machten sich ganze Rucksäcke voll, sagt sie. Tatsächlich sind die unteren Äste allesamt ratzeputz abgeerntet. Die Seniorin fragt sich: Geht es da mit rechten Dingen zu? „Die Bäume werden auch gepflegt, da schaut jemand danach“, berichtet sie, daher geht sie davon aus, dass es einen Besitzer geben muss.

Der Polizei sind keine Fälle bekannt, in denen es zur Anzeige kam

Tatsächlich darf man bei Obst nicht ohne Weiteres zugreifen. Wer pflückt, ohne den Grundstücksbesitzer um Erlaubnis zu fragen, begeht Diebstahl. Viele, die von fremden Ästen naschen, wiegen sich in Sicherheit. Das sei ja nur Mundraub und halb so wild. Den Begriff gibt es allerdings so in Deutschland gar nicht mehr, er wurde Mitte der 1970er abgeschafft. Jeder eingesteckte Apfel kann grundsätzlich zur Anzeige gebracht werden. Faktisch passiert das aber selten bis nie. Einer Sprecherin der Stuttgarter Polizei sind auf Nachfrage keine Fälle bekannt.

Die Betreiber der Plattform www.mundraub.org wollen herrenlose Bäume und hungrige Menschen zusammenführen. Die Homepage sieht sich als Pflückatlas für öffentliches Obst. Bürger können Stellen eintragen, wo sich keiner um Zwetschgen, Beeren oder Nüsse kümmert, die Betreiber mahnen aber, pfleglich mit der Natur umzugehen und sich in jedem Fall genau zu vergewissern, dass keine Eigentumsrechte verletzt werden.

Gelber Bändel heißt: Es darf zugelangt werden

Im Kreis Esslingen ist die Sache eindeutiger. Dort gibt es die Aktion „Gelbes Band“. Wer keine Lust oder keine Kraft hat, sein Obst zu ernten, kann ein gelbes Plastikband um den Stamm schlingen – und damit den Baum für jedermann zum Pflücken freigeben. In Leinfelden-Echterdingen gibt es die Bändel in einigen Verwaltungs- sowie den Verkaufsstellen für die LE-Säfte. In Filderstadt hat man die Schleifen bislang in den Bürgerämtern erhalten, wegen Corona ist man aktuell noch in der Findungsphase. Die Sprecherin Ellen Schweizer verspricht aber: Es wird sie wieder geben, ebenso die beliebte Streuobstbörse. „Es wird angenommen“, sagt sie.

Auch überregional gibt es Applaus fürs „Gelbe Band“. Die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner, hat den Landkreis Esslingen Ende Mai dafür mit dem Bundespreis „Zu gut für die Tonne!“ ausgezeichnet. „Wichtig dabei ist, dass nur mit dem gelben Band gekennzeichnete Bäume abgeerntet werden dürfen. Alles andere ist Diebstahl und kann vom Besitzer der Wiese zur Anzeige gebracht werden“, mahnt das Landratsamt Esslingen online.

Also besser immer erst fragen

In Stuttgart gibt es laut der Sprecherin Jasmin Bühler keine Portale oder Listen, die freigegebene Bäume sammeln, das Amt für Umweltschutz „könnte sich Projekte gemeinsam mit Partnern aber durchaus vorstellen“. Sehr viele Obstwiesen seien privat, die städtischen Flächen seien allesamt verpachtet – und stünden daher nicht für jedermann zur Verfügung. Obstliebhabern bleibt in der Landeshauptstadt also nichts anderes übrig, als Stücklebesitzer zu fragen, ob sie sich etwas nehmen dürfen.

Die Kirschbäume auf dem Weg von Heumaden in Richtung Ruit jedenfalls hat jemand schon 2015 bei www.mundraub.org als öffentlich zugänglich und herrenlos markiert. Ob das stimmt, ist schwer zu überprüfen. Im vergangenen Jahr versicherte einer der Gründer der Plattform im Gespräch mit unserer Zeitung, dass die Einträge vor der Veröffentlichung gecheckt würden. Dennoch: Ärger habe es auch schon gegeben. Wer also unsicher ist, dem bleibt nur eines: Finger weg.

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