Der Historiker Frank Merkle hat Funde im Neckarraum ausgewertet, Verkehrswege abgeglichen und all das miteinander verknüpft. Daraus leitet er spannende Thesen ab.
Früher, so erzählen es Alteingesessene, waren sich Marbacher und Benninger spinnefeind. Vor wenigen Jahrzehnten wäre es also kaum vorstellbar gewesen, dass die beiden Kommunen wie aktuell als Tandem eine Gartenschau auf die Beine stellen wollen. Mit dieser Zusammenarbeit besinnen sich die beiden Orte aber gewissermaßen sogar auf ihre gemeinsamen Wurzeln aus der Antike zurück. Denn zur Zeit der Römer waren die Siedler dies- und jenseits des Neckars sowie obendrein jene in Murr wohl Teil ein und derselben Dorfgemeinschaft und haben sich alle als Bewohner der Murr verstanden, mit Benningen als Zentrum. Diese These vertritt zumindest der Historiker Frank Merkle. „So nah liegen sonst keine einzelnen römischen Siedlungen zusammen“, erläuterte er.
Forschung weitet sich aus
Der Walheimer hat sich drei Jahre mit dem Thema befasst, hat Artefakte zwischen Ludwigsburg und Heilbronn ausgewertet, Grabungsberichte studiert, sich über die damaligen Verkehrswege Gedanken gemacht, all diese Puzzleteile miteinander verknüpft und daraus neue Erkenntnisse entwickelt, die er auch bei Vorträgen vorstellt. Geplant war es eigentlich nicht, ein so großes Gebiet in den Blick zu nehmen. Der 51-Jährige sollte sich in einem Beitrag für die Besigheimer Geschichtsblätter ursprünglich auf die Römer auf der Ottmarsheimer Höhe konzentrieren. Dabei wollte Merkle in einem eigenen Kapitel ergänzend auch das für seine Kastelle bekannte und zudem größere Walheim beleuchten. „Nach und nach hat sich das dann ausgeweitet. Es hat sich gezeigt, dass da Zusammenhänge bestehen und man das eine schlecht ohne das andere schreiben kann“, sagt Merkle.
Das Gebiet hat sich nach und nach erweitert
Bei der Weitung des Blicks kam er eben auch zu dem Schluss, dass das antike Benningen üppiger dimensioniert gewesen sein muss als angenommen und unterm Strich sogar deutlich mehr Köpfe als das damalige Walheim zählte. Unterstützt werde diese Annahme speziell durch einen Stein, der in Benningen gefunden wurde. Auf der Inschrift bezeichneten sich die Bewohner selbst als „Murrensier“, erklärt Merkle. Ähnliche Phänomene, dass sich die Anrainer nach einem nahen, kleineren Fluss benannten, könne man bei der Metter beobachten. Die voluminösere Enz als Namenspatron für diesen Landstrich um Bietigheim sei ausgeschieden, weil die Bezeichnung wohl schon an das bedeutendere Pforzheim vergeben war. Der Neckar hatte mit Bad Cannstatt oder Bad Wimpfen ebenfalls prominentere Anrainer, weshalb die Benninger offenbar die Murr als Alternative gewählt hätten. Wie viele Menschen zwischen Marbach, Benningen und Murr lebten, lasse sich nur schätzen, sagt Merkle. Er denkt aber, dass es zur Blütezeit zwischen 190 und 220 nach Christus rund 3000 Personen gewesen sein könnten. Ziemlich gewiss ist sich der Historiker, dass vor allem der noch ungebändigte Neckar zu jener Zeit insbesondere zwischen Lauffen und Ludwigsburg schwer zu befahren war. Das lege ein bei Marbach gefundener Altar nahe. Damit bedankte sich ein Kaufmann bei den höheren Mächten explizit dafür, nach einem Schiffbruch wohlbehalten in den Schoß der Heimat zurückgekehrt zu sein. Es sei demzufolge äußerst gefährlich gewesen, Waren zwischen den Siedlungsschwerpunkten Walheim und Benningen auf dem Neckar zu transportieren. „Ich gehe deshalb davon aus, dass es bei Bietigheim eine Kleinstadt gegeben hat, von der auf dem Landweg Güter wie Tuche, südfranzösischer Wein oder edle Töpferwaren ins Vicus nach Benningen gebracht wurden, die aus Pforzheim auf der Enz ankamen“, erklärt er. Der Neckar habe damals zwischen Ingersheim und Pleidelsheim mittels einer Furt überquert werden können. Wahlweise hätten die Waren zudem weiter per Schiff nach Walheim transportiert werden können. Für die These mit der Kleinstadt bei Bietigheim spreche auch das Wegenetz. „Dort sind sieben Straßen zusammengelaufen“, erklärt der Forscher. „Da muss also ein Markt gewesen sein“, betont er.
Baumaterial über Bottwar und Murr verschifft
Weiter ist Merkle zu der Überzeugung gelangt, dass man die Rolle der Bottwar als Transportader nicht unterschätzen sollte. „Da wurden mit Sicherheit Lastkähne gezogen“, erklärt der Walheimer. Im Bereich Mäurach in Großbottwar habe sich eine bedeutende Villa mit Ziegelei befunden. Außerdem sei beim heutigen Weingut Adelmann in Kleinbottwar Gestein abgebaut worden. Und das Material sei über Bottwar und Murr beispielsweise nach Benningen transportiert worden. Die Murr habe folglich eine „herausragende Bedeutung“ dafür gehabt, den Nachschub an Baustoffen, speziell auch an Holzstämmen, sicherzustellen. Gar nicht so verwunderlich also, dass Benninger, Marbacher und Murrer sich dem Fluss so stark verbunden gefühlt haben.
Vortrag und Führung
Römerfunde
Frank Merkle bietet am Sonntag, 16. Oktober, um 11 Uhr eine Führung zu den Römerfunden auf der Ottmarsheimer Höhe an. Anmelden kann man sich unter Telefon 0 71 41 / 1 44 26 66 oder per E-Mail an info@schiller-vhs.de.
Vicus
Außerdem hält der Historiker am Donnerstag, 27. Oktober, um 19 Uhr im Museum im Adler in Benningen einen Vortrag zum Thema „Der mittlere Neckarraum in römischer Zeit und der Vicus von Benningen“.
Film ab!
Ein jüngst veröffentlichter halbstündiger Film, den fünf regionale Museen unter Federführung des Bietigheimer Stadtmuseums Hornmoldhaus gemeinsam gedreht haben, will das Erbe der Römer in der Region stärker in den Fokus rücken. Die Zuschauer folgen dem Handlungsreisenden Severus auf seinem Weg entlang der Flüsse Enz, Metter und Neckar. Station macht Severus zum Beispiel im heutigen Walheim, in Sachsenheim oder Oberriexingen. Zu sehen ist der Film, der zwischen Antike und Heute switcht, unter anderem auf dem Youtube-Kanal „Kultur in Bietigheim-Bissingen“.