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Die Begriffe Klimawandel und Erderwärmung verkennen das Ausmaß des Problems, dem die Menschheit gegenübersteht.

Stuttgart - Man muss nicht in die Zukunft blicken, um es mit der Angst zu tun zu kriegen: In diesem Sommer der Extreme brennen die Wälder nicht nur in den beliebten Urlaubsländern, sondern auf fast jedem Kontinent. Viele Menschen ertrinken in Überschwemmungsfluten oder stehen vor dem Hungertod. Der jüngste Bericht des Weltklimarats hat deutlich gemacht, dass viele dieser Extremwetterlagen ohne den menschlichen Einfluss auf das Klimasystem undenkbar wären.

 

Mehr CO2 als in den letzten zwei Millionen Jahren

Dabei von einem Klimawandel zu sprechen, ist nicht nur verharmlosend, sondern mutet fast schon zynisch an. Wessen Haus weggespült, Kind verhungert oder Heimatstadt abgebrannt ist, wird das kaum als steten Wandel erlebt haben, sondern als harten Bruch, als Trauma, als Katastrophe. Man stelle sich vor, Politikerinnen und Politiker hätten zu Beginn der Pandemie von „virusbedingten Veränderungen“ gesprochen und lediglich einen Maßnahmenplan für die nächsten Jahre vorgelegt. Die Klimakrise ist eine Krise, wie die Coronakrise eine ist.

Der griechische Philosoph Heraklit schrieb, die einzige Konstante im Universum sei die Veränderung. Ein Wandel ist kein außergewöhnliches Ereignis, sondern der Normalzustand. Die Erde befindet sich jedoch nicht im Normalzustand, auch da sind die Klimaforschenden sich sicher: Im Jahr 2019 sei die CO2-Konzentration in der Atmosphäre höher gewesen als je zuvor in mindestens zwei Millionen Jahren, der menschliche Einfluss habe das Klima in einer Geschwindigkeit erhitzt, die mindestens in den vergangenen 2000 Jahren beispiellos gewesen sei.

Den Zusammenhang als Krise benennen

Das heißt vielleicht noch nicht, dass der Begriff des Klimawandels gänzlich aus dem Wortschatz zu streichen wäre. Es kann ja durchaus Sätze geben, in denen er dazu geeignet ist, als Synonym zu „klimatischer Veränderung“ zu stehen. Wer aber auf die vielen Auswirkungen dieser Veränderung auf das Leben, den Planeten, auf die Versorgung, die Sicherheit und Gesundheit verweisen möchte, wer im Kontext von Extremwetter und Naturkatastrophen darüber spricht, sollte diese Zusammenhänge und Probleme als das benennen, was sie sind: eine handfeste Krise, eine Katastrophe für die Menschheit und alle anderen Arten auf der Erde.

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Abgeschafft gehört dagegen das Wort der Erderwärmung, denn die Erde erwärmt sich nicht wie ein Mensch nach einem langen Winterspaziergang vor dem Kamin. Sie erhitzt sich, sie brodelt wie ein Kochtopf. Ein, zwei, drei Grad, das klingt nach nicht so viel – wenn es in diesem Frühjahr zwei Grad wärmer ist als im vergangenen, ist das ja ganz angenehm. Doch global betrachtet ist diese gering anmutende Veränderung verheerend: Dürren, Brände, Überschwemmungen, Wirbelstürme, damit Zerstörung, Hungersnöte, Tod. So sollte auch im Bundestagswahlkampf darüber gesprochen werden, von einer Erderhitzung also. Das klingt gleich weniger gemütlich.

Radikale Umwälzung erfordert radikale Maßnahmen

Sprache schafft Realität – das ist nicht erst seit Studien zu gendergerechter Sprache klar. Wenn ein Femizid nur als Familiendrama, eine strafbare Missbrauchsdarstellung nur als Kinderpornografie bezeichnet wird, werden die Probleme kleiner gemacht, als sie sind. Auch die Worte Klimawandel und Erderwärmung verharmlosen – dabei ist ein größeres Problem als die Klimakrise kaum vorstellbar.

Sprache sollte deutlich machen, dass die Realität nicht einem stetigen Wandel unterliegt, sondern einer radikalen Umwälzung der Lebensbedingungen. Dann wird auch dem Letzten klar, dass der Klimakrise nicht mit Gemütlichkeit und Reförmchen beizukommen ist, sondern nur mit ebenso radikalen Maßnahmen. Nicht 2035, 2045 oder 2050 – sondern sofort.