Entgleisung dreier Kesselwagen Waggon-Bergung wird zur Geduldsprobe

Von Dirk Herrmann 

Einer der drei umgekippten Kesselwagen nahe der Hafenbahnstraße in Untertürkheim Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Einer der drei umgekippten Kesselwagen nahe der Hafenbahnstraße in Untertürkheim Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Folgen hätten erheblich drastischer ausfallen können. Doch weil die am frühen Samstagmorgen nach einer Entgleisung umgestürzten, mit Diesel gefüllten Waggons stabil geblieben sind, ist kein Treibstoff ausgelaufen. Eine Explosionsgefahr, versichert die Polizei, habe zu keinem Zeitpunkt bestanden.

Stuttgart - „Paule macht Schweres und Schwieriges leicht“, steht auf dem Kran des Untertürkheimer Familienunternehmens, das am Montag und Dienstag an den Gleisen nahe der Hafenbahnstraße in Hedelfingen agiert. Und schwer sind jene drei Kesselwagen durchaus, die in jeweils sechs- bis achtstündiger Maßarbeit wieder „aufgegleist“ werden müssen, wie es im Fachjargon heißt. In leerem Zustand wiegt jeder Waggon 28 Tonnen. Beladen war der Güterzug, der am Samstagmorgen gegen 4.50 Uhr entgleiste, mit Diesel – jeweils mit 78 000 Litern.

Ein gewaltiges Gewicht von gut 105 Tonnen pro Waggon also – was nachvollziehbar macht, warum sich die entgleisten Waggons nicht mehr in der Spur halten konnten. So viel steht fest: „Beim Überfahren einer Weiche kam es zur Entgleisung“, berichtet Markus Pape, Polizeihauptkommissar und Leiter des Ermittlungsdiensts der Wasserschutzpolizei Stuttgart. Ob es sich um einen Schaltungsfehler an der Weiche handelte oder ob es menschliches Fehlverhalten war, müsse noch geklärt werden. „Sicher ist, dass es keine Einwirkung von außen gab, Sabotage kommt nicht in Betracht.“

Insgesamt umfasste der Güterzug 15 Waggons – „zehn sind problemlos drüber gefahren, dann kam die Störung an der Weiche“ – mit der Folge, dass die nächsten drei Waggons aufs danebenliegende Gleis bugsiert wurden und umkippten. „Da haben erhebliche Kräfte gewirkt“, so Pape. Die letzten zwei Waggons stehen aber noch – eben auf jenem danebenliegenden Gleis.

Am Wochenende wurden zunächst Löcher in die Seitenwände der umgekippten Waggons gebohrt, um den Kraftstoff in andere Waggons umzufüllen. Unterstützung gab es dabei auch durch Experten des Transport-Unfall-Informations- und Hilfeleistungssystems (Tuis), eines Unternehmens der Chemischen Industrie. „Sicherheit hat absoluten Vorrang“, sagt Pape, „da muss man auch mal eine Zeitverzögerung in Kauf nehmen.“ Doch auch bei der Bergung ist Geduld erforderlich. Als einer der beiden braungestrichenen Waggon aufrecht steht, konstatiert einer der gut zwei Dutzend zumeist mit Kameras ausgerüsteten Schaulustigen treffend: „Der hat ja ne ganz schöne Delle drin.“

Wäre der Diesel-Kraftstoff ausgelaufen, „hätte es „eine große Sauerei im Boden gegeben“, so Pape – samt großflächiger Abtragung des dortigen Erdreichs. „Bei Benzin wäre es brisanter gewesen. Aber Diesel ist schwach entflammbar, von Explosionsgefahr war hier nie die Rede“, versichert der Polizeihauptkommissar. Weil sich der Schienenunfall auf Hafengebiet, also einem Privatareal, abspielte, sind nicht die Beamten der Bundespolizei, sondern die örtlichen Ermittler zuständig – also die Wasserschutzpolizei Stuttgart. Die wiederum ist der Bereitschaftspolizei Einsatz mit Sitz in Göppingen zugeordnet. Der dortige Sprecher Roland Fleischer berichtet, dass die Ursachenforschung frühestens an diesem Mittwoch beginnen könne, „denn dafür müssen Weiche und Gleise ja frei zugänglich sein.“ Am Mittwoch soll auch die bisher noch in jenem Teil gesperrte Hafenbahnstraße wieder freigegeben werden. Die Schadenshöhe des Unglücks wird weiter auf 750 000 Euro geschätzt – ob sich da noch etwas ändert, könne erst in den nächsten Tagen eruiert werden. Im Übrigen seien die Bergungsarbeiten durch die Versicherungen der Eisenbahnunternehmen abgedeckt, erläutert Pape.

Bei der Hafen Stuttgart GmbH gibt man sich in der Einschätzung des Zugunglücks angesichts der laufenden Ermittlungen zurückhaltend. „Das wäre alles spekulativ“, sagt Geschäftsführer Carsten Strähle. Einen Unfall mit Kesselwagen wie jetzt „hatten wir bisher Gott sei Dank noch nicht“. Ab Montag nächster Woche soll der Betrieb weitestgehend wieder laufen. Weichen und Schwellen würden ausgetauscht. Ein Fahrleitungsmast sei zwar umgeknickt, doch mit Hilfe der Deutschen Bahn Netz könnten die Ersatzteile schnell besorgt werden.

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