Auch die Fotovoltaik soll kräftig ausgebaut werden. Foto: dpa//Werner Baum

Deutschland braucht gewaltige Mengen an Ökostrom. Kann so viel überhaupt bei uns produziert werden?

Stuttgart - In Deutschland ist derzeit Erdöl die wichtigste Primärenergiequelle. Doch diese Rolle werde Strom aus erneuerbaren Quellen übernehmen, heißt es bei der Denkfabrik Agora Energiewende. Statt energiereicher Moleküle aus Kohlenstoff und Wasserstoff sollen künftig Elektronen, die mit Hilfe von Wind, Sonne oder Wasser in Bewegung gesetzt werden, das Land am Laufen halten.

 

Um jedoch Verkehr, Industrie, Gewerbe und Privathaushalte mit sauberer Energie zu versorgen, wird ein Mehrfaches der heutigen Ökostrommenge benötigt. Bis 2045 soll der Bruttostromverbrauch hierzulande von derzeit knapp 600 auf mehr als 1000 Terawattstunden steigen und sich damit nahezu verdoppeln, haben die Agora-Experten ausgerechnet. Gleichzeitig müsste bis dahin der Ökostromanteil von derzeit knapp 50 auf 100 Prozent steigen. Insgesamt wäre also etwa eine Vervierfachung der Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen nötig. Angesichts des stockenden Ausbaus neuer Windkraftanlagen, die immer mehr Bürgern ein Dorn im Auge sind, ist das ein ambitioniertes Ziel.

Direkte Nutzung ist am effizientesten

„Überschüssigen Ökostrom“, von dem lange Zeit die Rede war, wird es künftig kaum noch geben. Um so mehr wird es darauf ankommen, diese kostbare Energie so effizient wie möglich einzusetzen. Das geht am besten, wenn der Strom wie in einem Elektroauto direkt genutzt wird. Bei der Umwandlung von Strom in Wasserstoff oder erst recht in synthetische Kraftstoffe (E-Fuels) entstehen dagegen hohe Verluste. „Die Nutzung von E-Fuels in Verbrennungsmotoren erfordert aufgrund der geringeren Effizienz einen etwa drei- bis viermal stärkeren Ausbau der Stromerzeugung bei gleicher Verkehrsleistung“, sagt Thomas Grube, Leiter der Arbeitsgruppe Mobilität am Forschungszentrum Jülich. Im Verkehr sollten diese Energieträger daher vor allem dort genutzt werden, wo die Energiedichte von Batterien zu gering ist – also in Lastwagen, Arbeitsmaschinen oder Flugzeugen.

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Deutschland bleibt Energieimporteur

Experten bezweifeln ohnehin, dass in Deutschland ausreichend Ökostrom produziert werden kann, um das Land in allen Bereichen komplett zu versorgen. Nötig seien vielmehr auch Importe von Strom aus erneuerbaren Quellen sowie von grünem Wasserstoff. „Deutschland ist heute nicht energieautark, noch wird es das in Zukunft sein“, sagt Karsten Lemmer, Vorstandsmitglied beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und Mitglied im Nationalen Wasserstoffrat. Auch die Agora-Experten gehen davon aus, dass Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe 2045 zu rund drei Vierteln importiert werden müssen. Insbesondere in sonnenreichen Ländern in Äquatornähe seien die Produktionsbedingungen günstig, so Lemmer.