Der Ausbau der Windkraft verläuft schleppend in Baden-Württemberg. Woran es im Einzelnen hakt, zeigt ein aktueller Fall aus dem Kreis Böblingen.
Auch Tage nach dem Beschluss bleiben Fragen. Eigentlich wollten die Rathäuser von Böblingen, Holzgerlingen und Ehningen Windplanungen vertiefen auf Grundstücken, die aneinandergrenzen. Dann kam es überraschend anders. Als am 18. Juli alle drei Gemeinderäte darüber abgestimmt haben, ob sie die Idee gemeinsam weiterverfolgen wollen, entschied sich ein Gremium dagegen.
Genauer gesagt: Der Gemeinderat in Ehningen lehnte es mehrheitlich ab, in die Kooperation überhaupt einzusteigen. Denn es ging noch gar nicht um konkrete Windräder, sondern nur um die Absicht, den Standort näher zu untersuchen. Um die Frage zu klären, „wovon sprechen wir?“, so formuliert es Ioannis Delakos, der Bürgermeister von Holzgerlingen. Spricht man kurz nach dem Beschluss mit Vertretern aus Ehningen, einer Gemeinde mit 9300 Einwohnern, wirken alle vor den Kopf gestoßen, wenn auch aus verschiedenen Gründen.
Bürgermeister sagt: Gründe seien vorgeschoben
Harald Bürkle (Grüne) war von einem Ja ausgegangen. „Ich war dann doch überrascht“, sagt er. „Und persönlich bin ich schon enttäuscht.“ Laut Mark Baldinus (SPD) sei man überrollt worden. Auch wenn es bei dem Beschluss nur um einen ersten, kleinen Schritt ging: „Man braucht in Ehningen noch eine Diskussion mit den Bürgern“, sagt er. Manuel Benda (CDU) fragt sich, ob die Gemeinderäte nur „die Abnicker“ seien, „sind wir am Verfahren überhaupt noch beteiligt?“. Dass es am Morgen vor der Gemeinderatssitzung bereits eine Pressekonferenz der drei Rathäuser in Ehningen gegeben hatte, stieß Benda auf. Sowohl SPD als auch CDU sowie Teile der Freien Wähler haben dagegen gestimmt.
Benda sagt, er wolle keinen Wald opfern. Außerdem habe man in Ehningen aktuell genügend Großprojekte laufen. „Wir haben uns gefragt: Verschluckt dich die Verwaltung nicht vielleicht?“ Der Bürgermeister Lukas Rosengrün hält diese Gründe für vorgeschoben. „Es will keiner sagen: Ich bin gegen erneuerbare Energien, das ist gesellschaftlich nicht opportun.“ Wobei sich der Sozialdemokrat Baldinus nach dem Beschluss so zitieren ließ: „Ich persönlich glaube, dass die Windkraft nicht so gut nach Baden-Württemberg passt.“
Landrat Bernhard bedauert die Entscheidung
Im Windatlas von Baden-Württemberg sind Gebiete im Land ausgewiesen, die sich für Windkraft eignen – nach Farben sortiert je nach Windlastigkeit. „Der Windatlas sieht die Fläche prinzipiell als vielversprechend an“, sagt der Landrat Roland Bernhard. „Zudem sprechen viele andere Parameter auch für den Standort, etwa die Abstände zu Siedlungen.“ Das Nein in Ehningen bedauere er sehr, so Bernhard. „Ich werde mit dem Bürgermeister sprechen und ausloten, wie der Landkreis koordinierend unterstützen kann.“
Baden-Württemberg hinkt beim Ausbau der Windkraft nach wie vor deutlich hinterher. Zwischen Januar und Juni dieses Jahres sind Branchenverbänden zufolge acht Windräder mit einer Gesamtleistung von 31 Megawatt installiert worden. 2022 gingen im Land insgesamt neun neue Windräder ans Netz. Zum Vergleich: In Schleswig-Holstein waren es allein im ersten Halbjahr 2023 insgesamt 125 neuen Anlagen mit einer Gesamtleistung von 597 Megawatt. Von der bundesweit zugebauten Leistung stammen zwei Prozent aus Baden-Württemberg.
So viel Fläche braucht es für die Windkraft
Um den Ausbau der erneuerbaren Energien zu beschleunigen, sind alle Bundesländer dazu verpflichtet, bis 2025 mindestens 1,8 Prozent Fläche für Windenergie anzubieten. Der Verband Region Stuttgart fragt seit 2022 bei den Kommunen ab, welche Flächen sich eignen. „Jede Kommune muss sich den Flächenzielen des Landes stellen“, sagt der Böblinger Landrat Bernhard und meint damit auch Ehningen.
Holzgerlingen und Böblingen wollen nun zu zweit weitermachen. Ein Energieversorger habe abgeschätzt, dass sich hier etwa sechs Windräder drehen könnten, sagt der Holzgerlinger Bürgermeister Delakos. Zwei Windräder könnten den Bedarf von 5000 Haushalten abdecken, sagt er. Zusammen mit Photovoltaik könnte sich seine 14 000-Einwohner-Kommune komplett versorgen. „Das wäre doch ein schöner Gedanke.“ Für Böblingen mit seinen rund 51 000 Einwohnern wäre der Beitrag der Windräder entsprechend kleiner.
Es gehe nach wie vor um dieselbe Fläche. „Wir wollen die Chance ergreifen, aus der Gefühlsdiskussion eine Faktendiskussion zu machen“, sagt der OB von Böblingen, Stefan Belz. „Im weiteren Verfahren wollen wir natürlich offen bleiben, wenn Ehningen zu einem späteren Zeitpunkt doch noch dazustoßen möchte.“ Eine Frage, die sich nach dem Ehninger Beschluss stellt: Was, wenn Böblingen und Holzgerlingen an der Grenze zu Ehningen irgendwann Windräder installieren – und die Ehninger schauen nur zu?