EnBW-Chef Frank Mastiaux will den Energiekonzern neu aufstellen und sich als Stadtentwickler in Stuttgart profilieren.
Stuttgart - Bis vor wenigen Jahren war die Energie Baden-Württemberg AG vor allem ein Stromversorger sowie Betreiber von Kohle- und Kernkraftwerken. Mit der Energiewende und dem bevorstehenden Atomausstieg musste sich der Karlsruher Konzern jedoch neu erfinden. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt EnBW-Chef Frank Mastiaux wie sich sein Unternehmen nun als Anbieter von Infrastruktur beweisen will: auf den Feldern Breitbandausbau, Elektromobilität – und Entwicklung von smarten Stadtvierteln.
Herr Mastiaux, Sie wollen EnBW vom reinen Energieversorger zum Infrastrukturanbieterentwickeln. Wirft die Energie nicht mehr genug Geld ab?
Das ist nicht der Grund. Vielmehr betreiben wir seit mehr als 100 Jahren kritische Infrastruktur im Energiebereich, etwa große Kraftwerke und Stromnetze – und das sicher und verlässlich. Daher liegt es nahe, diese Kompetenzen auf neuen Wachstumsmärkten wie Breitbandausbau oder Elektromobilität anzuwenden.
Zumal Ihr Kerngeschäft, die Erzeugung und Verteilung von Energie, weggebrochen ist.
Diese Erosion haben wir erwartet und zu einem großen Teil inzwischen aufgefangen. Früher waren wir zu einem erheblichen Teil vom klassischen Kraftwerksgeschäft abhängig – rund 80 Prozent der Erträge stammten daraus. Dieser Anteil ist mittlerweile auf 17 Prozent gesunken, nicht zuletzt deshalb, weil wir massiv in erneuerbare Energien und Netze investiert haben. Und nun gehen wir die nächste Etappe an und wollen uns auch über den Energiesektor hinaus als Infrastrukturanbieter positionieren, beispielsweise mit Lösungen für die Quartiersentwicklung. Dieses Thema hat für uns eine strategische Bedeutung.
Ein Thema, das gerade in Stuttgart Wellen schlägt. Sie wollen das EnBW-Areal im Stadtteil Stöckach zu einem Vorzeigeviertel umgestalten. Welche Pläne haben Sie dort?
Wir wollen dort in Partnerschaft mit den Bürgern Stuttgarts ein Quartier entwickeln, das nachhaltigen, technischen und auch sozialen Modellcharakter haben soll. Dafür würden wir einen dreistelligen Millionenbetrag in die Hand nehmen. Es könnten mindestens 600 Wohnungen mit hohen Ansprüchen an Energieeffizienz und Nachhaltigkeit entstehen. Dazu gehören dann auch Dinge wie Breitbandausbau, ein modernes Mobilfunknetz und Elektroladesäulen. Es wird aber bei weitem nicht nur um Kabel und Kilowatt gehen, sondern darum, einen insgesamt lebenswerten urbanen Raum zu schaffen. Das umfasst soziale Begegnungsmöglichkeiten, Nahversorgung, Mobilitätskonzepte, neue Serviceleistungen und vieles mehr.
Ein Quartier mitten in der Landeshauptstadt – wer wird es sich leisten können, dort zu wohnen?
Ich hoffe auf eine hohe Durchmischung, deshalb muss es bezahlbar sein. Dazu wird auch ein Gutteil an Sozialwohnungen gehören. Auch unseren EnBW-Mitarbeitern wollen wir dort Wohnungen anbieten. Schließlich wächst unser Unternehmen und es entstehen neue Stellen.
Das klingt zwar gut, aber für EnBW ist ein solches Projekt doch völliges Neuland.
In Teilen stimmt das, aber viele der notwendigen Kompetenzen haben wir bereits an verschiedenen Stellen im Konzern und bündeln sie jetzt. Wir wollen auch von anderen sogenannten Smart Citys lernen, die derartige Projekte schon umgesetzt haben. Wir realisieren dieses Vorhaben auch nicht allein, sondern gemeinsam mit Experten wie Stadtplanern und Soziologen und natürlich vor allem mit den Bürgern, die dort wohnen. Wir hoffen, schon in zwei bis drei Jahren mit dem Bau beginnen zu können.
Aus dem Stuttgarter Rathaus bekommen Sie Gegenwind: Stadträte befürchten, dass EnBW die Wohnungen nach kurzer Zeit an Immobilienunternehmen gewinnbringend verkauft . . .
. . . was absolut unbegründet ist. Der Sinn des Projektes ist ein anderer: Wir wollen ein lebenswertes, modernes Quartier schaffen, uns dadurch als urbaner Entwickler beweisen, als solcher nachhaltig agieren und ernst genommen werden.
Sie können also einen Verkauf der Wohnungen ausschließen?
Generell und für immer kann man nichts ausschließen. Ein Verkauf der Wohnungen ist aber weder geplant, noch unsere grundsätzliche Absicht. EnBW versteht sich hier in einer langfristigen Rolle als Projektierer, Errichter und Betreiber dieses Quartiers. Zudem wollen wir damit ein Geschäft der Zukunft begründen.
Die Stadt könnte der EnBW das Gelände auf dem Weg einer städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme entziehen. Sehen Sie diese Gefahr?
Ich sehe dafür keinen Grund. Wir wollen ein gutes Projekt für Stuttgart umsetzen und dabei die Stadt und ihre Bewohner an der Entwicklung beteiligen. Prinzipiell verfolgen wir dasselbe Interesse: Bezahlbaren Wohnraum schaffen in einem lebenswerten, attraktiven Viertel mit modernster Infrastruktur.
Wollen Sie urbane Projekte auch als Dienstleister für andere Grundstücksbesitzer entwickeln?
Wir konzentrieren uns zunächst auf unsere eigenen Liegenschaften, die für Stadtentwicklungsprojekte geeignet sind. In Zukunft ist aber auch denkbar, dass unser Unternehmen Dienstleistungen für andere Grundstückseigner und Kommunen anbietet – sei es als Projektierer oder als Betreiber.
Vielleicht demnächst ja auch auf dem Stuttgart-21-Gelände?
Jetzt geht es erst einmal um Stöckach, was schon für sich genommen eine große Aufgabe ist. Wenn das zu neuen, größeren Projekten an anderer Stelle führen sollte, werden wir uns dieser Herausforderung stellen. Die Quartiersentwicklung ist aber nur eines von mehreren neuen Geschäftsfeldern der EnBW im Bereich Infrastruktur.
Ein anderes ist der Bau von Ladesäulen für E-Autos, obwohl die Elektromobilität bislang nur schwer vorankommt.
Ich bin davon überzeugt, dass Elektrofahrzeuge einen maßgeblichen Anteil an der künftigen Mobilität einnehmen werden. Deshalb investieren wir erheblich in Ladesäulen und den dafür notwendigen Netzausbau. Eine Antwort auf die Frage nach dem besten Antrieb von morgen ist derzeit aber noch nicht möglich. So ist zum Beispiel Wasserstoff als Kraftstoff auch noch eine Option. Zudem könnte es auch Entwicklungen geben, die wir heute noch gar nicht kennen. Die EnBW fokussiert sich dennoch auf E-Mobilität. Auch als Konsequenz aus der Vergangenheit: Das Potenzial erneuerbarer Energien haben die Energieunternehmen zugegebenermaßen nicht früh genug erkannt. Heute spielt etwa die Windkraft eine große Rolle für uns. Daraus haben wir gelernt und uns frühzeitig im Bereich Elektromobilität engagiert.
Ihr Ziel bis 2020 lautet Windparks mit einer Leistung von insgesamt 1000 Megawatt zu betreiben. . .
. . . wovon wir bereits rund 725 Megawatt in Betrieb haben . . .
. . .allerdings nicht im Südwesten, sondern vor allem an der Nord- und Ostsee. Warum investieren Sie nicht mehr in die Energiewende vor Ort?
Wir tun dies bereits, soweit das möglich ist. So haben wir in Baden-Württemberg allein im Jahr 2017 150 Megawatt Windkraft errichtet von 207 Megawatt insgesamt. Generell ist die Entwicklung von Windparks in den vergangenen Jahren aber deutlich schwieriger geworden. Die Genehmigungsverfahren dauern länger, die lokalen Vorbehalte nehmen zu. Deshalb ist es wichtig, die Menschen mitzunehmen. Wir ermöglichen Bürgern etwa, sich an bestimmten Windparks in ihrer Nachbarschaft zu beteiligen. Daneben gibt es aber noch das Problem, dass die Vergaberegeln geändert worden sind. Neue Windkraftprojekte südlich des Mains waren zuletzt in den Auktionsverfahren chancenlos. Das muss sich ändern.
Wie?
Eine feste Quote, mit der gewährleistet wäre, dass etwa 25 Prozent aller neuen Windkraftanlagen südlich des Mains errichtet würden, könnte helfen. Das ist nicht nur im Interesse der Windanlagen-Entwickler im Süden Deutschlands, sondern auch enorm wichtig für die flächendeckende Erzeugung von Windstrom, insbesondere dort, wo er gebraucht wird. Wenn der Ausbau der Windkraft im Süden stockt, sind zusätzliche Leitungen notwendig, um den Windstrom von Norden nach Süden zu transportieren. Und der rechtzeitige Bau der bislang geplanten Stromtrassen ist jetzt schon eine Herausforderung.
All Ihre Vorhaben sind teuer. Erhöhen Sie Ihren Kunden 2019 deshalb die Strompreise?
Der Grund für höhere Strompreise liegt in den deutlich gestiegenen Preisen der Beschaffung auf den Strommärkten. Wir versuchen, diese Effekte aufzufangen, aber ab einem bestimmten Punkt ist das nicht mehr möglich. Daher sahen wir uns gezwungen, die Preise leicht anzuheben.
Werden die Preise für ihre Kunden weiter steigen?
Wir versuchen, das zu vermeiden. Man darf jedoch nicht vergessen, dass sich ein Großteil des Strompreises aus staatlichen Abgaben zusammensetzt. Auf diese Kosten hat unser Unternehmen keinen Einfluss.