Wie viele Gebäude verträgt das Stöckach-Areal? Wie wirkt sich das auf das Klima im neuen Stadtviertel aus? Foto: /Jürgen Brand

Beim ersten Stadtgespräch der EnBW ging es auch darum, wie sich mehr Gebäude auf das Stadtklima auswirken. Der Stadtklimatologe plädiert für Zurückhaltung, die Architekten wollen mehr.

Stuttgart-Ost - Wie dicht soll die Energie Baden-Württemberg (EnBW) ihr Stöckach-Areal bebauen? Das war eines der Hauptthemen beim ersten Stadtgespräch mit Experten, zu dem die EnBW für Donnerstagabend eingeladen hatte. Die Zuschauer konnten bei der Online-Talkshow auch Fragen stellen und an Mini-Umfragen teilnehmen.

Eher 600 oder doch 800 Wohnungen?

Über die Zahl der auf dem Areal möglichen Wohnungen diskutieren die Stadt und die EnBW schon seit dem Moment, als klar wurde, dass das Areal irgendwann umgestaltet werden würde. Die EnBW als Eigentümer und Investor will dort bis zu 800 Wohnungen bauen. Die Stadt dagegen hält eher weniger Wohnungen für umfeld- und klimaverträglich. Der Leiter der Abteilung Stadtklimatologie der Landeshauptstadt, Rainer Knapp, wies auf die besondere Situation Stuttgarts mit seiner Kessellage, einem sehr milden Klima und der dichten Bebauung im Innenstadtbereich hin. Dies führe zu einer hohen Wärmebelastung, die sich durch den Klimawandel bis 2060 verdoppeln könnte. Er wies auf die schlechte Durchlüftung der Stadt mit einer mittleren jährlichen Windgeschwindigkeit von 1,5 Meter pro Sekunde hin (Hamburg: 5 bis 6 Meter pro Sekunde). Knapp sagte, ihm sei die Gratwanderung sehr wohl bewusst, aber in Stuttgart müsse eine gewisse Grenze definiert werden, und man müsse sich fragen, ob man wirklich immer konsequent an der Innenentwicklung festhalten wolle. „Wir können nicht immer mehr Dichte ins Zentrum reinpacken.“

Eine ganz andere Position vertritt Florian Musso, der Architekt und Professor an der TU München ist, von dort zugeschaltet war und lange in Stuttgart gewohnt hat. Für ihn stellt sich die Frage, ob die vorgesehene Dichte von 1,6 bis 2,0 ausreicht oder ob man die in der Nähe vorkommende Dichte von 2,8 nicht zumindest einmal ausprobieren sollte. Er plädiert für eine „Vor- statt Nachverdichtung“ und wünscht sich, dass das Projekt „städtischer“ wird. Wenn er sich den Siegerentwurf anschaue, frage er sich: „Wo sind denn da die Bauten? Geht das nicht noch etwas dichter?“

Mehr Dichte kann nachhaltig sein

Unterstützt wurde Musso von den beiden anderen Experten, Thomas Auer und Vittorio Magnago Lampugnani. Auer ist ebenfalls Professor an der TU München, wohnt aber im Stuttgarter Westen und war von dort zugeschaltet. Er habe in Rom und Genua stadtklimatische Messungen vorgenommen. „Wir wissen, dass diese mittelalterlichen Städte klimatisch sehr gut funktionieren.“ Es gebe keine zwangsläufige Abhängigkeit zwischen Mikroklima und baulicher Dichte. „Man kann auch in einer hohen baulichen Dichte für ein gutes Mikroklima planen.“ Auch der international bekannte Architekturhistoriker Lampugnani hält eine entsprechende Dichte „für absolut notwendig, um wirklich nachhaltig zu bauen.“

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