Obdachlose in einer unterirdischen Haltestelle: Wie reagieren wir darauf? Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Obdachlose auf der Straße, Flüchtlinge in Schlauchbooten auf dem Mittelmeer – oft verschließen wir die Augen – und unsere Herzen – bei solchen Situationen. Damit hat sich eine Veranstaltung im Hospitalhof beschäftigt. Und auch damit, was dagegen zu tun ist.

Stuttgart - Jeden Tag gibt es Situationen, die Mitgefühl erregen könnten: der Anblick von Obdachlosen, an denen wir oft achtlos vorbeigehen, oder Fernsehbilder von Flüchtlingen, zusammengepfercht auf einem Schlauchboot im Mittelmeer. Doch statt mitzufühlen, leben wir hinter emotionalen Mauern, sind abgestumpft. Das zumindest diagnostizieren Nisha Toussaint-Teachout und Charlotte von Bonin. Die beiden jungen Frauen, auch als Mitgründerinnen der Stuttgarter Klimastreiks bekannt, stellen bei sich, ihren Altersgenossen und der Gesellschaft ein „Empathiedefizitsyndrom“ fest – und sie wollen sich damit nicht abfinden.

„Fühl mal mehr“ im Hospitalhof

Bei der Veranstaltung „Fühl mal mehr“ am Freitag im Hospitalhof sprachen sie darüber, warum die Welt so empathielos ist – und was man dagegen tun kann. In Impulsvorträgen legten sie das Problem dar: Trotz technischer und intellektueller Errungenschaften seien die Menschen nicht glücklicher als früher. Das diagnostizierte Syndrom sei bei vielen ein Schutzmechanismus, der davor bewahre, angesichts täglicher Schreckensmeldungen zu viel Weltschmerz zu empfinden.

Das nämlich könne passieren und habe bei ihr zu einem regelrechten „Weltschmerz-Burn-out“ geführt, berichtete Nisha Toussaint-Teachout. Doch es gibt eine Lösung: „Das ultimative Heilungselixier ist Empowerment“, ist Charlotte von Bonin überzeugt. Sie berichtete von einer TV-Doku über den Klimawandel, die sie fassungslos machte und dazu veranlasste, selbst tätig zu werden und die Stuttgarter Freitagsdemonstrationen ins Leben zu rufen. „Im September sind dann 20 000 Leute auf den Schlossplatz gekommen. Das hat mir Kraft gegeben“, so von Bonin.

Rassistische Diskriminierungen

Die Veranstaltung war auf Interaktion ausgelegt, neben den Referaten gab es die Möglichkeit, in Stuhlkreisen zu diskutieren. Weitere Impulse lieferten Redner in zehnminütigen Talks. So berichtete Lisandro Behrens vom Café Raupe Immersatt, was ihn zum Containern brachte, bei dem weggeworfene Lebensmittel aus Abfallcontainern „gerettet“ werden. Die aus Berlin angereiste Tracy Osei-Tutu sprach über rassistische Diskriminierungen, die sie als dunkelhäutige Frau erlebt. Sie rief die Teilnehmer – an die 70 Menschen – dazu auf, ihre eigenen Privilegien wegzudenken und sich in das Leben einer dunkelhäutigen Frau hineinzuversetzen. „Stellt euch vor, ihr betretet einen Bus, und alle drehen sich nach euch um.“ Sie betrachte empathische Menschen ungeachtet ihrer Lebensgeschichte als Verbündete, so Osei-Tutu. „Man muss nicht selbst in einem Slum im Dreck aufgewachsen sein, um Mitgefühl zu empfinden.“

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