Sie träumen mehr, wachen öfter auf und schlummern noch nicht durch – das Schlafverhalten von Neugeborenen weicht stark von dem Erwachsener ab. Wie Eltern Babys dabei helfen können, selbstständig einzuschlafen.
Wer behauptet, „wie ein Baby zu schlafen“, meint im Normalfall eine ruhige und erholsame Nacht hinter sich zu haben. Doch frische Mütter und Väter wissen, dass die Realität oft anders aussieht. Das Schlafen an der Seite von Neugeborenen erinnert oftmals eher an einen Fiebertrip. Denn Kinder schlafen zwar viel, aber im Normalfall nicht durch. Und Erwachsene treibt der daraus resultierende Schlafmangel an den Rand des Wahnsinns.
„Der Schlaf von Neugeborenen unterscheidet sich stark von dem Erwachsener“, sagt Neonatologin Mirja Quante vom Universitätsklinikum Tübingen. Die Medizinerin forscht zur Schlafentwicklung im Säuglingsalter. Zu den wichtigsten Fakten gehöre, dass Neugeborene anfangs noch 16 bis 20 Stunden pro Tag schlafen und somit doppelt so lang wie junge Erwachsene. Dafür wachten Babys häufiger auf. „Die Schlafzyklen bei Neugeborenen sind einfach kürzer“, sagt Quante. Während ein Erwachsener alle 90 Minuten einen Schlafzyklus durchlaufe, dauere es bei einem Neugeborenen nur etwa eine Stunde.
Babys erleben recht wenig
Zudem verbringen Babys in den ersten Lebenswochen rund die Hälfte ihrer Gesamtschlafzeit im sogenannten REM-Schlaf. In diesem Schlafzustand träumen sie mehr und bewegen ihre Augen unter den geschlossenen Lidern. Zum Vergleich: Bei Erwachsenen beträgt der Anteil des REM-Schlafs im Durchschnitt nur noch 20 bis 25 Prozent. Aber warum verbringen Neugeborene mehr Zeit im unruhigen REM-Schlaf?
Babys erleben am Anfang ihres Lebens recht wenig. Forscher gehen davon aus, dass sie dieses fehlende visuelle Erleben ausgleichen durch besonders aktiven Schlaf und viele Träume. Die sogenannten myoklonischen Zuckungen, die während dieses traumreichen und aktiven Schlafes auftreten, helfen dem Baby, motorische Muster einzuüben und sie im Gehirn mit bestimmten Gefühlen zu verknüpfen.
„Für die kindliche Entwicklung ist der REM-Schlaf sehr wichtig“, sagt Mirja Quante. Denn er ermögliche den Säuglingen, Bewegungen zu erproben. Sehr zum Leidwesen aller Eltern, die oft vergeblich versuchen, neben fuchtelnden, nestelnden Babys zu schlafen.
Beginnen Kinder, ihre Umgebung zu erkunden und mehr von der Welt zu sehen, muss visuelles Erleben nicht länger durch den Schlaf simuliert werden. Schon ein drei Jahre altes Kind verbringt nur noch ein Viertel der Gesamtschlafzeit in der REM-Phase – ähnlich wie ein Erwachsener.
Vier Schlafphasen
Aber auch die anderen Schlafzustände der Babys ändern sich. Wechselt das Neugeborene anfangs nur zwischen zwei Schlafzuständen, dem REM-Schlaf und dem Tiefschlaf, lernt es ab etwa drei Monaten weitere Schlafstadien kennen.
Vier Schlafphasen durchläuft ein Erwachsener pro Nacht. Bei den ersten beiden handelt es sich um Schlafzustände, in denen wir leicht geweckt werden können. In der dritten Phase schlafen wir am tiefsten, in der vierten erleben wir den REM-Schlaf und träumen viel. Der Schlaf erwachsener Personen folgt stets dieser Chronologie.
Für Babys läuft die Nacht anders ab: Sie beginnen die Nacht oft mit dem REM-Zyklus. Erst im Alter von fünf Jahren ähnelt die Abfolge der Schlafstadien jener Erwachsener.
„Ab sechs Monaten können Kinder prinzipiell durchschlafen“, sagt Neonatologin Quante. Ob es tatsächlich gelingt, hängt allerdings stark vom einzelnen Kind ab. Die Frage, ob das eigene Kind eher in die Kategorie „guter Schläfer“ oder „schlechter Schläfer“ fällt, hält Helen Ball für müßig. Die Anthropologin und Direktorin des britischen Durham Infancy & Sleep Centre sagt: „Hören Eltern von Durchschnittswerten, reagieren sie besorgt, wenn ihr Kind nicht in die Statistik passt.“
Die meisten Eltern wollten sowieso nur eins: mehr schlafen. Denn der Schlafentzug durch Kinder prägt nicht nur die ersten Monate nach der Geburt, sondern verändert auch den elterlichen Schlaf über Jahre hinweg.
Sechs Jahre schlechter Schlaf?
Um herauszufinden wie genau, haben der Psychologe David Richter und sein Forscherteam die Langzeiteffekte der Geburt eines Kindes auf die Schlafzufriedenheit von Eltern untersucht. Dabei fanden die Forscher heraus, dass im Normalfall sechs Jahre vergehen, bevor Eltern wieder annähernd so schlafen können wie vor der Geburt des Kindes.
Entsprechend groß war das mediale Interesse an einer japanischen Studie, die im Fachjournal „Current Biology“ veröffentlicht worden ist und deren Ergebnisse nahelegen, wie Kinder am schnellsten zum Einschlafen gebracht werden.
Das Team um Hirnforscherin Kumi Kuroda vom Riken Center in Japan hat dazu Mütter von 21 Säuglingen im Alter von durchschnittlich 15 Wochen aufgefordert, ihre Babys abends entweder auf dem Arm umherzutragen, im Sitzen zu halten, in einem Kinderwagen zu schieben oder ins Bettchen zu legen. In welcher Reihenfolge, blieb ihnen selbst überlassen. Dabei dokumentierten die Forscher, wie schnell das Herz des Babys schlug und wie sehr es weinte.
Es stellte sich heraus, dass die weinenden Neugeborenen am schnellsten einschliefen, wenn die Eltern sie etwa fünf Minuten in engem Körperkontakt mit gleichmäßigen Bewegungen herumtrugen. War das Kind erst mal eingeschlafen, galt es nur noch, sich für weitere acht Minuten mit ihm hinzusetzen und es danach zum Schlafen hinzulegen. Ein Zeitfenster von 13 Minuten scheint, laut Studie, also der Garant für einen ruhigen Abend zu sein.
„Ich glaube sofort, dass die Methode funktioniert“, sagt Mirja Quante, „aber die Frage ist doch: Möchte ich als Elternteil wirklich mehrmals pro Nacht mein Kind fünf Minuten umhertragen und acht Minuten halten, bevor ich es ablege?“ Aus ihrer Sicht gehöre zur Schlafautonomie auch, dass Babys lernten, allein einzuschlafen. „Viele Elternmethoden vermitteln dem Kind sogenannte Einschlafassoziationen“, sagt Quante.
Zwischenaufwachen ist normal
Das Kind verknüpfe dann das Zu-Bett-gebracht-Werden mit Ritualen wie beispielsweise dem Stillen oder dem Herumtragen. Letztendlich sei es aber zielführender, das Kind mit der Stimme und durch Streicheln zu beruhigen. Besser als sogenanntes Einschlafstillen sei es beispielsweise, das Kind erst zu stillen, dann abzulegen und ihm schließlich etwas vorzusingen.
„Die meisten Babys lernen durchzuschlafen, aber etwa 20 Prozent der Kinder wachen, bis sie drei Jahre alt sind, regelmäßig auf“, sagt Neonatologin Quante. „Im Grunde geht es darum, dem Kind beizubringen, dass nächtliches Zwischenaufwachen normal ist.“ Dafür bräuchten größere Säuglinge weder etwas zu essen, noch müssten sie dazu auf den Arm genommen werden. Auf lange Sicht lernten sie so am besten, dass sie es selbst schaffen, wieder einzuschlafen.