Der Hohlensteinstadel im Lonetal – eine von sechs Höhlen, die Welterbestatus erhalten sollen. Foto: Landesamt für Denkmalpflege

Beinahe hätte ein EnBW-Windpark dem Antrag des Landes, die Höhlen der Alb auf die Unseco-Liste zu setzen, den Garaus gemacht.

Stuttgart - Wer kürzlich über die Tourismusmesse CMT schlenderte, der mochte sich darüber wundern, dass inmitten der bunten Werbewelt eine Behörde ihren Stand aufgeschlagen hatte. Das „Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart“ informierte dort über die fünf Welterbestätten in Baden-Württemberg. Nein, sogar sechs dieser Denkmäler wurden beworben, obwohl über den Antrag, auch die Höhlen der Schwäbischen Alb mit dem Unesco-Siegel zu adeln, noch gar nicht entschieden ist. Der Auftritt der Archäologen zeigt, dass sie sich ihrer Sache ziemlich sicher sind – auch wenn sie offiziell abwehren. „Ich habe ein gutes Gefühl“, lässt sich Präsident Claus Wolf immerhin entlocken.

Ende 2016 war er zu der UN-Behörde nach Paris gefahren, um dort Fragen zu der offiziellen deutschen Bewerbung zu beantworten. Dabei hatte doch schon im Sommer ein Gutachter mehrere Tage lang den Hohlen Fels, das Geißenklösterle und die vier anderen Höhlen inspiziert, wo man die 40 000 Jahre alten Figuren immer wieder findet. Und dabei schickten die Prüfer zusätzlich schriftliche Fragen nach Stuttgart. Doch Paris schlug auch eine mündliche Stellungnahme vor. Und Wolf, der perfekt Französisch spricht, nutzte die Chance. „Das erste Feedback war gut“, sagt er.

Wie man sich selbst ein Bein stellt

Dabei weiß der Wissenschaftler nur zu gut, wie schwankend der Boden ist, auf dem man sich mit solchen Anträgen bewegt. Drei Anläufe waren nötig, damit die Häuser von Le Corbusier auf dem Stuttgarter Weißenhof das begehrte Siegel erhielten. Schwetzingen mit seinem Park und Heidelberg mit Schloss und Altstadt gingen ganz leer aus. Auch für die Höhlen der Alb lässt sich erst aus der finalen Empfehlung der Gutachter eine verlässliche Richtung ablesen. Sie wird für Ende April erwartet und bildet die Entscheidungsgrundlage für die Unesco-Vollversammlung im Juli. Oder besser: die wissenschaftliche Grundlage. Denn die politischen Faktoren solch internationaler Konferenzen, wo es Allianzen und Blöcke gibt, lassen sich (anders als beim Sport, der mit Geld nachhilft) kaum beeinflussen.

Wie leicht sich ein Bewerberland auch selbst ein Bein stellen kann, haben die Denkmalpfleger im vergangenen Sommer lernen müssen. Da bescheinigten ihnen die Gutachter, dass sie ihre Bewerbung vergessen können, wenn die EnBW bei der Bocksteinhöhle im Lonetal wie geplant drei rund 200 Meter hohe Windräder baut. Die würde man nämlich beim Blick aus der Höhle in voller Größe sehen – und das wäre das „Todesurteil“ (Wolf) für den Welterbeantrag. Diese Gefahr ist mittlerweile gebannt, denn das Landratsamt des Alb-Donau-Kreises hat den Genehmigungsantrag des Stromkonzerns abschlägig beschieden. „Wir haben den Antrag aus denkmalschutzrechtlichen Gründen abgelehnt“, sagte Landrat Heiner Scheffold unserer Zeitung. Den Denkmalpflegern dürfte ein Stein vom Herzen fallen, und nicht nur ihnen. Denn die Blamage wäre nicht auszudenken gewesen, wenn ausgerechnet ein landeseigenes Unternehmen dem vom Land initiierten Unesco-Antrag den Garaus gemacht hätte. Die anderen Bundesländer hätten nur auf einen solchen Lapsus gewartet, denn ihre Anträge waren zugunsten der Alb zurückgestellt worden.

Das Land schlägt die Werbetrommel

Bei der Werbung für den erhofften Ritterschlag geht die Landesregierung jedenfalls schon jetzt in die Vollen. „Höhlen der ältesten Eiszeitkunst“ nennt sich eine 150-seitige, zweisprachige Hochglanzschrift , die eigentlich mehr Buch ist als Broschüre. Der aufwändig mit Karten und Grafiken versehene Band liefert dem Laien im Grunde alles, was er über das Thema wissen muss. „Die Auflage von 5000 Stück ist schon weg“, sagt der Esslinger Archäologe Stephan Heidenreich, einer der maßgeblichen Autoren. Auch im Internet, wo sich der Band als pdf-Datei herunterladen lässt, rühren die Denkmalpfleger die Trommel und haben mit www.iceageart.de eine neu gestaltete Website freigeschaltet.

Ist das nicht ein bisschen viel Tourismus? Heidenreich sieht das nicht so und verweist darauf, dass die Unesco eine populäre Vermittlung der Welterbestätten erwartet. Werbung für die Eiszeitkunst und ihre Fundorte kann ohnehin nicht schaden, denn auch ohne Unesco-Siegel behält das kulturhistorische Phänomen ja Weltgeltung: Nirgendwo, auch nicht auf anderen Kontinenten, wurden bisher ältere Artefakte gefunden. Der Urknall der Kunst ereignete sich nach jetzigem Wissensstand tatsächlich auf der Alb. http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.konflikt-auf-der-alb-windkraft-oder-welterbe-eins-muss-weichen.e86e02db-7368-479a-90f9-3120dbd32a9b.html

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