Wann ist endlich nicht mehr „alles gut“? Die Multifunktionsfloskel hält sich hartnäckig. Man könnte meinen, je weniger die Dinge in Ordnung sind, desto mehr ist „alles gut“. Eine Glosse von Jan Sellner.
Es geht uns ganz offensichtlich nicht schlecht. Im Gegenteil. Wenn man uns beim Wort nimmt, dann geht’s uns richtig gut. Denn es ist schlichtweg „alles gut“!
„Alles gut“ – das sind drei Silben, die alles und nichts bedeuten. Vor allem nichts! „Alles gut?“, fragt der Verkäufer morgens beim Bäcker, wenn die Brötchentüte reißt. „Alles gut!“, brummt der Herr gnädig, dem man versehentlich auf den Fuß steigt. „Alles gut?“, fragt der Urlaubsrückkehrer auf seiner „Alles gut?“-Spritztour durchs Büro. „Alles gut“, meint der Freund genervt, dem man kurzfristig fürs Kino absagt, weil’s einem gerade nicht gut ist. „Alles gut“ ist der erste Ausdruck, den der Deutschland-Tourist lernt. Damit kommt man hier überall durch.
Die unaufhaltsame Verbreitung der Multifunktionsfloskel
Rückblickend lässt sich nicht mehr sagen seit wann bei uns „alles gut“ ist und wer den Einfall hatte, dass es so ist. 15 Jahre währt die „Alles gut“-Periode mit Sicherheit schon. Eine langlebige Mode. So langlebig wie andere einschlägige Wörter: „geil“, „tatsächlich“ oder „keine Ahnung“. Keine Ahnung, warum das so ist, aber es ist tatsächlich so.
Höchste Zeit, mal auszusprechen, was „alles gut“ in Wirklichkeit ist: eine invasive Redensart, die heimische Redewendungen nach und nach systematisch verdrängt. Eine Multifunktionsfloskel. Ihre vielseitige Anwendbarkeit begünstigt ihre Verbreitung. Und das anscheinend unaufhaltsam.
Hat sich die schwäbische Mundfaulheit in einer hoch-deutschen Version durchgesetzt?
„Alles gut?“ – das ist die kleinstmögliche Form der Interessensbekundung, das neue, halbherzige „Wie geht es dir?“ Inzwischen laufen viele Gespräche rein auf „Alles gut“-Basis ab: Frage: „Alles gut?“, Antwort: „Alles gut!“ Das war’s. Bis zum nächsten Mal. Der Ehrlichkeit halber muss hinzugefügt werden, dass speziell Schwaben in ihrer Kommunikation immer schon eine gewisse Einsilbigkeit pflegten. Frage: „Wia goaht’s?“ Antwort: „’s goaht.“ Erwiderung: „Ha no goaht’s.“ Alles gut also. Könnte es unter Umständen sein, dass sich die schwäbische Mundfaulheit hier in einer hochdeutschen Version durchgesetzt hat? Darauf deutet hin, dass „alles gut“ auch dazu dient, kein Gespräch aufkommen zu lassen; man kann auch hier von mundfaul sprechen.
Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass „alles gut“ auch positiv gemeint sein kann, indem es Verständnis und Gelassenheit signalisiert. Das gilt interessanterweise nicht im Straßenverkehr. Gerade dort würde man sich in Konfliktsituationen etwas mehr „alles gut“ wünschen – als Alternative zum „Allmachtsbachel“ und zum Vogel-Zeigen.
Der Kontrast zwischen Floskel und Wirklichkeit könnte größer nicht sein
Dieser Hinweis ändert nichts an dem enormen Nervpotenzial. Manchmal möchte man laut hinausschreien: „Nein, es ist nicht alles gut!“ Doch das würde nichts helfen, weil sich mit Sicherheit jemand umdrehen würde und besorgt fragen: „Alles gut?“ Ja, wir sind ja schon still . . . Dabei sind wir natürlich weit davon entfernt, dass „alles gut“ ist. Noch nicht mal in Stuttgart ist das der Fall. Von der Weltlage ganz zu schweigen. Der Kontrast zwischen der in vielem nicht guten Wirklichkeit und der „Alles gut“-Floskel könnte größer nicht sein. Vielleicht wirkt sie heute gerade deshalb so gedankenlos.
Sprache verändert sich. Immer schon. Und es ist kaum möglich, sich ihren Moden zu entziehen. Man kann’s ja mal versuchen. Mit einem „Alles gut“-Fasten vielleicht. Ein ganzer Tag ohne. Schaffen wir nicht! Wetten? Sagen Sie jetzt nicht: „Alles gut.“