Die Schauspielerin Martina Guse überzeugt als Charlotte von Stein, in einem Monolog über ihre Liaison mit Johann Wolfgang von Goethe. Foto: Sabine Haymann

Keineswegs aus der Zeit gefallen: Das Monodrama „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ von Peter Hacks im Stuttgarter Forum-Theater zeigt eindrucksvoll, wie vertrackt Liebe sein kann.

Stuttgart - Die Phasen einer Liebschaft: so einzigartig wie sie scheinen, so ähnlich sind sie sich oft. Im Programmheft der Uraufführung steht, dass dies ausdrücklich kein Stück über die Frau im Allgemeinen sei. Doch wer einmal in der Lage des unglücklich Verliebten war – ob Mann oder Frau –, kann eventuell jene Phasen nachempfinden. Angefangen bei der Verleugnung des Geliebten, dem Selbstschutz, sich nicht vollends zu offenbaren, der Verletzlichkeit und der Erkenntnis, völlig in einer toxischen Liebe gefangen zu sein. Es gipfelt in dem Glauben, der eines gefühlsduseligem Teenager gleicht, diese Liebe hätte doch noch eine letzte Chance. Doch dann fällt man umso tiefer – weil es sich eben nicht bewahrheitet.

Ein Geliebter wie ein Gott

In dem 70-minütigen Monolog in der Inszenierung von Karin Eppler, spricht Charlotte von Stein (gespielt von Martina Guse) über die zehn Jahre währende wankelmütige Beziehung zu dem von ihr als Genie und gleichermaßen unausstehlichen, aber doch als die Liebe ihres Lebens ausgerufenen Johann Wolfgang von Goethe. Von Steins Ehemann Josias ist auf der Bühne nur als Schattenbild seiner selbst dargestellt und somit zum Zuhören und Schweigen verdammt. Die Bühnenbildnerin Vesna Hiltmann entschied sich für ein übermächtiges Bild, welches den selbstverliebten Goethe zeigt. Er selbst kann nicht da sein – ist er doch aus Weimar geflohen, weil die verheiratete Charlotte von Stein die Affäre beendete.

Stein präsentiert sich in einem feinen weißen Brautkleid, das durch den krassen Kontrast einer gelben, dick gestrickten Jacke und farblich passender Schuhen auf die gravierenden Gegensätze zwischen zarter Liebe und groben Beleidigungen verweist. Die Protagonistin wandelt rastlos auf der Bühne hin und her. Liebe und Goethe in einem Satz? Keinesfalls. Wie soll auch einer liebesfähig sein, der den Vergleich mit Gott nicht scheute. „Ich ertrug es“, ist ihre erste, nüchterne Bilanz dieser Affäre. Um sich dann sogleich selbst auf den Sockel zu stellen: nur ihretwegen sei Goethe schließlich das, was er jetzt ist. Ihre erzieherische und doch gleichgültige Art lasse ihn zur Hochform auflaufen. Sie, die so bemüht war, anders zu sein als all die anderen. Und ihm deshalb absichtlich nicht den Hof machte. In ihrer manipulativen Art verletzte sie ihn wissentlich, behandelte ihn gleichgültig, um dadurch noch mehr Aufmerksamkeit zu ergattern. Es war also doch Liebe. Ein Eingeständnis – gestammelt von der Grande Dame. Am Ende wartet sie sehnsüchtig auf die Hochzeit mit Goethe. Vergebens.

Wie ein Gespräch im Freundeskreis

Martina Guse nimmt einen mit auf die Gefühlsachterbahn der Charlotte von Stein. In diesem Monodrama braucht es zu keiner Zeit einen weiteren Schauspieler. Guse verkörpert die Ambivalenz dieser besonderen Affäre so gut, dass man zwischenzeitlich das Gefühl bekommt, diese Höhen- und Talfahrt kenne man bereits aus dem eigenen Freundeskreis. Und im Theater wie auch im echten Leben möchte man etwas aufbauendes zurufen. Doch das wäre hier wie dort meist: vergebens.

Termine

„Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ wird noch bis Samstag, 4. Juli gespielt. Donnerstags bis samstags jeweils um 20 Uhr, sonntags um 18 Uhr. Karten müssen im Vorverkauf erworben werden.

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