In der Zeit nach dem Wiener Kongress floriert an der Grenze zwischen Baden und Württemberg der Schmuggel. Das „Intelligenz-Blatt für die Oberamtsbezirke Böblingen und Leonberg“, vor 190 Jahren als erste in Leonberg erschienene Zeitung, berichtet von mehreren Fällen.
Zucker- und Kaffeeschmuggel aus Baden, die Versteigerung des Gutes Seehaus, Cholera bei Kleinkindern, ein Gänsedieb in Weil der Stadt und Missetäter in Renningen, die dem Lehrer die Bibel und das Gesangbuch gestohlen haben. Das vermeldet im ersten Quartal 1833 die erste in Leonberg erschienene Zeitung.
Aber auch die korrekte Ankündigung des Leonberger Pferdemarktes, die Genehmigung für einen neuen Wochenmarkt in Friolzheim und die Aufhebung der Quarantäne für Hunde in Ludwigsburg waren für Julius Gottlieb Friedrich Landbeck, den Herausgeber des „Intelligenz-Blatt für die Oberamtsbezirke Böblingen und Leonberg“, so wichtig, dass er sie in die Spalten der Zeitung aufgenommen hat.
Beim Anblick zweier „Polizei-Officianten“ ergriffen Unbekannte die Flucht
Wie ein roter Faden durch die Ausgaben des gesamten Jahres ziehen sich die Bekanntgaben, dass Säcke mit Zuckerhüten und pfundweise Kaffee „als verlassenes Handelsgut gefunden“ wurden und die rechtmäßigen Besitzer beim Königlichen Oberamt ihre Ansprüche geltend machen könnten – was natürlich niemand tat.
So wurde in Merklingen gegenüber des badischen Ortes Neuhausen an der Mauer des Kirchhofes ein Sack mit vier Zuckerhüten gefunden. In Weil der Stadt entdeckten zwei „Polizei-Officianten“ nachts auf einer Patrouille über den Viehmarktplatz zwei Unbekannte, die vom Königstor kamen, beim Anblick der Polizisten die Flucht ergriffen und zwei Säcke wegwarfen. In denen waren vier Zuckerhüte mit einem Gewicht von 45,5 Pfund. Auf einem der Säcke war zu lesen: „Caspar Kuhnle von Lenningen 1814“.
Zollaufseher schlagen elf Schmuggler in die Flucht
Bei Friolzheim gegenüber des badischen Mühlhausens machten sich vier Unbekannte ohne ihre süße Ware aus dem Staub, und in Flacht ergriff ein Unbekannter unweit der Ziegelhütte die Flucht, als er des Landjägers ansichtig wurde. Gleich elf Schmuggler in die Flucht schlugen der Stationskommandant der Zollschutzwache und ein Zoll-Aufseher auf der Straße zwischen Heimsheim und Rutesheim. Gefunden wurde vier Kistchen Kandis und 62 Zuckerhüte mit einem Gesamtgewicht von 333 Kilogramm.
Warum Schmuggel? Das 1815 auf dem Wiener Kongress eingerichtete Friedenswerk betraf nicht die Wirtschaftsbeziehungen. Die europäischen Mächte machten in ihrer Außenhandelspolitik keinen Unterschied zwischen ehemaligen Verbündeten oder Feinden. Die Interessen der dominierenden Schicht gaben den Ausschlag. Es galt, bei anderen so wenig wie möglich zu kaufen, selbst so viel wie möglich zu verkaufen. Frankreich erhöhte wiederholt seine Zölle auf Importe. Davon waren stark die süddeutschen Staaten betroffen, die Leinwand, Wollwaren und Schlachtvieh exportieren.
Einige deutsche Staaten waren aufgrund ihrer geografischen Lage und ihrer Wirtschaftsstruktur für das Freihandelsprinzip. Dazu gehörten die vier Freien Städte Hamburg, Bremen, Lübeck und Frankfurt, das Küstenland Hannover, aber auch Binnenländer, die am Transit von Gütern interessiert waren – etwa das zentral gelegene Kurfürstentum Hessen-Kassel und das für den Nord-Süd- und den West-Ost-Verkehr günstig gelegene Großherzogtum Baden.
Randstaaten wie die Königreiche Bayern und Württemberg suchten hingegen in einer protektionistischen Zollpolitik den Schutz für ihre Wirtschaftsinteressen. Hohe Schutzzölle animierten hier zum Schmuggeln.
„Geschwärzt“ wurden nicht nur Luxusartikel
Die Verdienstmöglichkeiten für Schmuggler waren zu verlockend. Wer etwa einen Zentner Seide nach Württemberg „einschwärzte“, also schmuggelte, konnte einen Zoll von 80 Gulden sparen. Wenn man bedenkt, dass ein Drittel der württembergischen Familien mit 200 Gulden im Jahr auskommen musste, ist klar, welchen Reiz der Schmuggel auf die ausüben musste, die am Rande des Existenzminimums lebten.
„Geschwärzt“ wurden aber nicht nur Luxusartikel, sondern vor allem Artikel des täglichen Bedarfs wie Salz, Zucker, Kaffee und Wein. Während in Bayern geschätzt etwa zwei Drittel des im Land verbrauchten Kaffees und Zuckers – der kam damals auch aus Übersee – nicht verzollt wurden, vermutete man in Württemberg eine Einschwärzung von sieben Achtel des Gesamtverbrauchs.
Schmuggler waren besonders Ärmere in den Grenzregionen. Ganze Familien siedelten sich dort an, um dem einträglichen Gewerbe nachzugehen. Selbst Kinder von zwölf Jahren wurden von Zollfahndern aufgegriffen. Die Tagelöhner und Erwerbslosen waren jedoch meist nur Handlanger für Kaufleute, denn die stellten die Waren bereit und organisierten den Absatz. Das Ganze führte zum sittlichen Verfall. Viele schlugen redliche Erwerbsmöglichkeiten aus und vertranken und verspielten ihren meist in der Nacht erworbenen Gewinn tagsüber in Gasthäusern.
Die im Intelligenzblatt geschilderten Vorfälle waren allerdings der Abgesang eines einst florierenden Gewerbes. Im März 1833 wurde der Vertrag des späteren Deutschen Zollvereins unterzeichnet, der am 1. Januar 1843 in Kraft trat. Neben dem dominierenden Preußen gehörten ihm Württemberg, Bayern, das Großherzogtum Hessen, Kurhessen, Sachsen und die thüringischen Einzelstaaten an. Weitere sollten folgen.
Und hier noch ein Blick auf weitere Nachrichten aus den ersten Monaten des Jahres 1833 – also vor 190 Jahren.
Was sonst noch alles geschah
Herrschaftliches Seegut: Für das Seehaus in Eltingen wurde im Januar 1833 vom Königlichen Kameralamt über eine Auktion entweder ein Pächter für 18 Jahre – oder ein Käufer gesucht. Das Seehaus bestand aus einem Wohnhaus und acht Wirtschaftsgebäuden. Es hatte etwa 30 Hektar Wiesen, rund sieben Hektar Äcker, zwei Gemüsegärten und ein Erdbirnland (Kartoffelacker).
Das Gut sei vorzüglich für einen Schafhalter geeignet, hieß es vom Kameralamt. Es sollte Interessenten damit schmackhaft gemacht werden, dass es nur einen unbedeutenden Zins an Geld und Frucht zu entrichten habe, der sich an der Staatssteuer orientiert. Dem Käufer werde auch die Fischwasser-Gerechtigkeit im Glemsbach eingeräumt.
Indes scheint sich das Interesse in Grenzen gehalten haben, denn die Ankündigung ist noch mehrere Male erschienen. Doch Berichtigungen gibt es offenbar, seitdem es Zeitungen gibt, denn „Irren ist menschlich, aber auf Irrtümern zu bestehen ist teuflisch“. So vermeldete der Herausgeber, dass man drei Mal das Datum der Auktion falsch veröffentlicht hat.
Pferdemarkt in Leonberg: Einen Fehler im Kalender beim „allhier Statt habenden Roß-, Vieh- und Krämer-Markt“ hat es anscheinend gegeben. Und so sah sich der „Stadtrath“ veranlasst, bekannt zu geben, dass: „am Dienstag den 29sten der Roß-Markt und am Mittwoch, den 30ten der Vieh- und Krämermarkt abgehalten wird“. Mehr Erwähnung hat das Ereignis in der Zeitung nicht gefunden, im Gegensatz zu heute.
Cholera fordert viele Todesopfer
Roß-, Vieh- und Krämer-Markt: Durch hohes Dekret der königlichen Regierung des Neckar-Kreises ist die Gemeinde Friolzheim berechtigt, zwei Roß- Vieh- und Krämer-Märkte im Jahr abzuhalten. Der erste ist am Matthias-Feiertag (24. Februar) und der zweite am Pfingstmontag. Weil die Märkte noch in keinem Kalender vermerkt seien, werden die wohllöblichen Ortsvorstände der anderen Gemeinden „dienstfreundschaftlich“ von Schultheiß Schenkel um Bekanntmachung gebeten.
Die Cholera: Ende Januar 1833 wurden die polizeilichen Maßnahmen gegen die Einschleppung der Cholera an der großherzoglichen badischen Grenzen außer Kraft gesetzt. Doch damit war die Seuche nicht vorbei, wie ein Auszug aus dem Kirchenbuch zu Leonberg zeigt. Dem Schneidermeister Gottlieb Bendel und seiner Ehefrau Christiane stirbt die Tochter Louise im Alter von zwei Monaten, ebenso dem Heubinder Gottlieb Längerer und seiner Ehefrau Magdalena die Tochter Carolina im Alter von einem Monat und 20 Tagen an Brechruhr: Der damalige Namen der Seuche beschreibt ihren Verlauf sehr treffend.
Sogar das Gesangbuch wird gestohlen
Diebe am Werk: Der ledige Maurergeselle Joseph Sayer aus Weil der Stadt hat sich eines Gänsediebstahls sehr verdächtig gemacht. Die Polizeistellen werden gebeten. nach ihm zu fahnden. Sayer ist 26 Jahre alt, 5 Fuß 9 Zoll (175 Zentimeter) groß, von gerader und robuster Statur. Er hat starke schwarzbraune Haare, rundes Angesicht, rundes Kinn, gute Zähne, stumpfe Nase, etwas eingefallene Augen, und starkes Backenhaar.
Keine Beschreibung gibt es von einem wohl sehr frommen Dieb, der in Renningen aus dem Schul-Katheder eine fünfbändige Schullehrer-Bibel und ein Exemplar der vierstimmigen Gesänge der evangelischen Kirche entwendet hat. Das Königliche Oberamt Leonberg hat daraufhin die Ortsvorstände beauftragt, sich zu erkundigen, ob diese Gegenstände irgendwo zum Verkauf angeboten werden und den Täter anzuzeigen.