Rund 1600 Tonnen Lebensmittel haben die Foodsharer im Kreis Esslingen seit 2013 vor der Tonne bewahrt. Foto: Sem Schade/oh

In vier Bezirken im Kreis Esslingen setzt Foodsharing ein Zeichen gegen die Verschwendung von Nahrung. Die Lebensmittel-Retter sind für den Ehrenamtspreis „Starke Helfer“ nominiert.

Kreis Esslingen - Ganz gleich, welcher Studie man auch Glauben schenkt, die Zahlen sind eine Schande. Denn selbst wenn auch nur die geringste der berechneten Quoten stimmen sollte, landen deutschlandweit pro Jahr und Kopf 75 Kilogramm an Lebensmitteln unnötigerweise in der Tonne. Unnötig deshalb, weil es dabei nicht um Speisereste oder anderweitige organische Abfälle geht, sondern um Dinge, die zuviel bestellt oder im Übermaß eingekauft worden sind, die mithin also noch genießbar wären.

Dass sich die Republik dabei selbst im Weg steht, weil etwa übertriebene Hygienevorschriften dagegen sprechen abgelaufene, aber noch einwandfreie Waren weiterzugeben, oder weil irgendwelche Gesetze es nicht erlauben, sich an anderer Leute „Müll“ zu bedienen ist das eine. Mehr als 50 Prozent der weggeworfenen Nahrungsmitteln stammen jedoch aus Privathaushalten, so dass sich wohl fast jeder an die eigene Nase fassen muss.

In den vergangenen Jahren 160 Tonnen Lebensmittel gerettet

Um dieser Verschwendung insgesamt Einhalt zu gebieten, entstanden im Dezember 2012 die Internetplattform und der Verein foodsharing.de. Das damit verbundene Ziel: Lebensmittel, die ansonsten entsorgt würden, abzuholen, mit anderen kostenfrei zu teilen und damit zu retten. Kein Jahr später wurde bereits eine Gruppe in Esslingen aktiv. Recht schnell fanden sich sogenannte Foodsaver, also Essensretter, die sich nach ständigen Kooperationspartnern umschauten und die Abholungen sowie die Weiterverteilung organisierten. Inzwischen gibt es auf Kreisebene vier Bezirke. Neben Esslingen in Kirchheim und Wendlingen sowie den Bezirk Nürtingen/Fildern.

Rund 1000 Foodsaver sind als solche kreisweit registriert, ungefähr die Hälfte davon ist auch wirklich aktiv und teilweise mehrmals pro Woche ehrenamtlich unterwegs, um Essen und Getränke einzusammeln und weiter zu geben. Einer der überaus Aktiven ist Sem Schade, der an allen Fronten mitmischt und als „Botschafter“ für die Wendlinger Foodsaver agiert. Der 24- Jährige hat aber auch die Zahlen für den Gesamtbereich Esslingen parat: „Seit 2013 konnten insgesamt gut 50 Kooperationen vereinbart und mehr als 10 000 Abholungen durchgeführt werden, bei denen etwa 160 Tonnen Lebensmittel gerettet wurden“, bilanziert er. Nicht eingerechnet seien spontane Großlieferungen, die außerhalb der bestehenden Partnerschaften stattfänden, wenn beispielsweise palettenweise Croissants, Burgerbrötchen, Chips, Kartoffelsalat oder ähnliches zur Verfügung gestellt würden, ergänzt er.

Weitere Kooperationspartner und Mit-Retter werden gesucht

Um die Mengen regulär und dauerhaft zu steigern, werben Schade und seine Mitstreiter deshalb ständig sowohl um neue, feste Kooperationsbetriebe, etwa aus dem Handel und der Gastronomie, sowie um vor allem aktive Mitglieder. „Wir freuen uns über jede Anmeldung, ganz gleich von wem und ganz gleich, wo im Kreis sich die jeweiligen Interessenten befinden“, betont Sem Schade. Deshalb nutzen die Foodsharing-Leute so gut wie jede Gelegenheit, um in der Öffentlichkeit für ihr Anliegen und für sich selbst zu werben, zum Beispiel bei Klimatagen, Stadtfesten oder ähnlichen Aktionen.

Was die Lebensmittelretter zu tun haben, ist zwar denkbar einfach, bedarf aber einer absoluten Verlässlichkeit und damit eines regelmäßigen Engagements. Sie holen die zur Verfügung Waren in der Regel an einem festen Termin in der Woche bei den Kooperationspartnern ab und bringen diese direkt zu einem sogenannten „Fair-Teiler“. Derartige Schränke, aus denen sich die Kundschaft kostenlos bedienen kann, stehen in Esslingen in der Flandern- und in der Friedensstraße, in Kirchheim in der Lohmühlegasse, in Leinfelden im Finkenweg sowie in Wendlingen in der Brückenstraße. In der Esslinger Flandernstraße gibt es auch einen Kühlschrank, was den Lebensmittelrettern ihre Arbeit erleichtert – und ein erstrebenswertes Ziel für die meisten der anderen Standorte darstellt, da das „Sortiment“ auf diesem Weg vergrößert werden könnte.

Keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung zu den Tafelläden

Der Verschwendung zu begegnen und dadurch der Umwelt etwas Gutes zu tun, ist ein Aspekt, den sich Foodsharing auf die Fahne geschrieben hat. Doch wildert die Initiative bei ihrem Tun nicht im Revier der Tafelläden? – Sem Schade schüttelt mit dem Kopf. „Wir sind keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung, weshalb wir den Tafeln immer den Vorrang einräumen“, betont er. Dass die Foodsaver die Welt mit ihrem Handeln nicht auf den Kopf stellen werden, ist dem jungen Mann dabei sehr wohl bewusst. „Wir kratzen immer noch erst an der Spitze des Eisbergs“, erklärt Sem Schade mit einem Blick auf die scheinbar nach wie vor ungebremste Verschwendung von Lebensmitteln.

Mag sein, aber immerhin hinterlassen die Foodsharing-Leute auch im Kreis Esslingen ihre Spuren – und das ausschließlich ehrenamtlich, weshalb die Nominierung an dieser Stelle nur folgerichtig ist.

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