Im schlimmsten Fall fehlen im Jahr 2030 mehr als 2000 Pflegeplätze in der Stadt. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Die Stadt weiß, dass sie den Bedarf an Pflegeplätzen aktuell nicht decken kann – und in Zukunft erst recht nicht. Deshalb will man unbedingt verhindern, dass der Standort in Stuttgart-Schönberg aufgegeben wird.

Filder/Stuttgart - Dass das Pflegeheim in Schönberg Ende dieses Jahres schließen soll, schlägt hohe Wellen. Um das Thema kehrt keine Ruhe ein. „Für Angehörige sind viele Fragen offen“, sagt Michael Fuchs, dessen Familie selbst betroffen ist. Der Sillenbucher war in der jüngsten Bezirksbeiratssitzung und hat berichtet, dass er von der Bruderhaus-Diakonie keinerlei Rückmeldung auf seine Fragen erhalte. Das Heim in Schönberg sei wichtig, auch für Sillenbuch. Die Lokalpolitiker sehen das ähnlich und hatten deshalb Besuch aus dem Sozialamt. Alexander Gunsilius, Sozialplaner für den Bereich Altenhilfe, erklärte die Lage – in ganz Stuttgart, aber auch in den Filderbezirken.

Wie ist der Stand mit dem Heim in Schönberg?

Die Stadt stünde „auf höchster Ebene“, wie Gunsilius sagt, in Verbindung mit der Bruderhaus-Diakonie. Es würden alle Optionen durchgegangen. „Wir wollen den Standort unbedingt für die Pflege erhalten“, sagt er. Alles andere wäre „Wahnsinn“. Man müsse nun die Verhandlungen abwarten. „Die Stadt Stuttgart tut wirklich alles“, sagt er.

Wie steht es um die Zahl an Pflegeplätzen?

Schlecht. Schon jetzt fehlen sie, aber die Lage wird sich bis 2030 nach der Statistik der Stadt noch verschärfen. Im schlimmsten Fall würden dann stadtweit 2064 Plätze fehlen. Das ist eine unbezwingbare Anzahl. In den Stadtbezirken auf den Fildern fehlen den Prognosen nach im Jahr 2030 knapp 600 Plätze. Wobei Gunsilius betont, dass die Verwaltung die Gesamtstadt im Blick habe. Man könne nicht immer wählerisch sein, wenn sich eine Möglichkeit für einen Standort auftue. Sie hätten mehrere Grundstücke auf der Liste. Doch selbst, wenn alle realisiert werden würden, gäbe es noch ein Minus, sagt Gunsilius. Speziell für den Stadtbezirk Sillenbuch, in den er ja eingeladen worden ist, stellt er ein großes Manko fest. „Sillenbuch fällt schon auf mit seinem hohen Altersquotienten.“ Das Augustinum und seine 660 Plätze werden übrigens nicht in die Statistik aufgenommen. Denn dort buche sich eine andere Klientel ein, nicht die, die bei der Stadt vorstellig werde.

Was sind die besonderen Herausforderungen?

Selbst wenn die Stadt ein Grundstück für einen Neubau in Aussicht hat, ist der Weg bis zum fertigen Bau oft lang. So jedenfalls äußert sich Gunsilius. Es kann sein, dass zum Beispiel Eidechsen im Weg seien und ein Umsiedlungsgrundstück hermuss. Und der Lärmschutz enge alles ein, es dürften nachts maximal 35 Dezibel gemessen werden. Das sei schwer in Stuttgart. Bauen ist aber nur die eine Herausforderung. Die andere ist, Personal für die Pflegeheime zu finden. Bereits heute können laut Gunsilius Pflegeplätze teils nicht vergeben werden, weil die Pfleger fehlten. Für Fachkräfte würden inzwischen in der Branche hohe Ablösen gezahlt.

Welche Pläne hat die Stadt gegen den drohenden Pflegenotstand?

Es ist klar, dass das Soll bis 2030 nicht erfüllt werden wird. Das sagt Gunsilius ganz deutlich. Wenn jemand ins Krankenhaus komme und danach nicht mehr heim könne, dann müsse sofort Pflege her. Wenn sich aber zunächst keiner findet, müsse überbrückt werden.

Eine Möglichkeit sei die Kurzzeitpflege. Wobei es auch hier aktuell große Probleme gebe, sagt Gunsilius. Die Stadt versuche deshalb, Ideen zu entwickeln, wie die Menschen möglichst lang zu Hause wohnen und dort gepflegt werden könnten. Sei es durch barrierefreie Wohnungen, sei es durch Wohnprojekte. Es wird klar: Dem anschwellenden Pflegebedarf muss dezentral begegnet werden.

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