Die vom Bauernverband geforderte Milliardenhilfe ginge am Problem vorbei, meint Georg Janßen. Foto: dpa

Der Bundesgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft, Georg Janßen, fordert höhere Lebensmittelpreise. Das soll Landwirte auch in Krisenzeiten unabhängig machen.

Stuttgart - Georg Janßen verbrachte die ersten fünf Lebensjahre auf einer Landwirtschaft und nutzte als Schüler und Student die Ferien, um auf Bauernhöfen zu arbeiten. Seit 1985 ist er Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und setzt sich unter anderem gegen die Industrialisierung von Tierhaltung und Ackerbau ein.

Herr Janßen, die Diskussionen über Hitze und Ernteausfälle kochen hoch wie selten zuvor – wie schlimm ist das Hitzejahr wirklich?
Man soll mit Extremen immer vorsichtig sein, aber die Reaktionen der Landwirte in den letzten Wochen sind besorgniserregend. Da ist auch pure Verzweiflung. Die Halme vertrocknen, die Tiere müssen zur Notschlachtung, weil es nicht genügend frisches Futter gibt. Das trifft ins Mark und geht bei einigen Landwirten in Richtung Existenzgefährdung.
Der Bauernverband forderte eine Milliarde Euro für die Dürre-Opfer in der Landwirtschaft. Unterstützen Sie diese Forderung?
Wir wollen keine Staatsknete. Die Bauern werden das Geld nicht ablehnen, aber es hilft nicht. Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, die existenziellen Probleme der Betriebe werden nicht gelöst. Man muss viel weiter denken, als undifferenziert Hilfsgelder rauszuschmeißen. Wir müssen uns alle an einen Tisch setzen, der Getreidehandel, die Schlachthöfe, die Molkereien. Wir müssen Aldi, Lidl und Co vermitteln, dass die Verträge zu einer Zeit ausgehandelt wurden, in der wir uns die Dürre noch gar nicht in diesem Ausmaß vorstellen konnten. Wir müssen darüber reden, wie wir zu fairen Erzeugerpreisen kommen. Es muss Marktsolidarität gezeigt werden. Nur das hilft akut.
Würde eine Dürreversicherung auch helfen?
Ich glaube, dass sich vor allem die Versicherungswirtschaft große Geschäfte erhofft. Wir sollten uns überlegen, ob wir aus eigener Kraft etwas tun können, gegen die extremen Witterungsverhältnisse anzugehen.
Was kann die Landwirtschaft in der Hinsicht tun?
Wir müssen umdenken. Die Entwicklung im Konsum, möglichst billig zu produzieren und die Produkte von weit herzuholen, ist unserer Meinung nach überhaupt nicht nachhaltig. Ich bin dafür, auf eine Vielfalt der Fruchtfolge und den Verzicht von Pestiziden zu setzen sowie den Grünlandanteil zu erhöhen. Der Anbau muss klimaschonend werden, denn was hilft uns die tollste gentechnisch hergestellte trockenresistente Pflanze, wenn wir nächstes Jahr wieder ein Hochwasser haben und sie absäuft?
Was würde das bei zukünftigen Dürren bringen?
Wenn Landwirtschaften breiter aufgestellt sind, sind sie auch nicht mehr so anfällig für Katastrophen wie die jetzige. Monokulturen sind besonders riskant. Wenn man mit verschiedenen widerstandsfähigen Sorten Ackerbau betreibt, verringert sich das Risiko.
Können sich Landwirte auch selbst helfen?
Ja, auch sie selbst sind gefragt. Es gibt schon Solidarnetzwerke, beteiligte Landwirte geben ihr übriges Futter dorthin ab, wo es gebraucht wird.
Wenn Landwirte anders entlohnt werden, werden das die Konsumenten spüren. Ist die große Masse der Verbraucher bereit, mehr Geld für Lebensmittel zu bezahlen?
Ich setze auf viele bewusste Konsumenten. Und offensichtlich schätzen es Manager so ein, dass das ein Zukunftsmarkt ist. Aldi hat mittlerweile angekündigt, nicht nur Produkte aus artgerechter Haltung entsprechend zu kennzeichnen, sondern auch in den Umbau von Betrieben zu investieren. Edeka Südwest hat Zehn-Jahres-Verträge gemacht, um Landwirte zur Umstellung auf höhere Tierschutzstandards zu ermutigen. Und siehe da, es gibt Bauern, die das umsetzen wollen.
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