Zwei Drogenberaterinnen im Kreis Ludwigsburg erzählen, mit welchen Suchtproblemen Jugendliche in die Sprechstunden kommen – und warum Alkohol so gefährlich ist.
Birgit Schmolke-El Titi und Marlen Eiberger arbeiten in der Suchtberatungsstelle der Caritas im Landkreis Ludwigsburg. Junge Menschen suchen gezielt Kontakt zu der Stelle, wenn sie merken, dass ihnen der Drogenkonsum über den Kopf wächst. Andere landen nach einem Exzess im Krankenhaus und werden dann dorthin vermittelt. Auch wegen polizeilicher Auflagen müssen Jugendliche zur Drogenberatung. Die Expertinnen wissen also, welche Suchtmittel bei jungen Konsumenten derzeit hoch im Kurs stehen und warum man auch Alkohol nicht verharmlosen sollte.
Welche Drogen konsumieren die meisten Jugendlichen, um die Sie sich kümmern?
Schmolke-El Titi: Der Hauptgrund, warum junge Menschen bei uns landen, ist Cannabis. Gleich an zweiter Stelle steht schon der Alkohol, gefolgt von Partystimulanzien wie LSD und Ecstasy, dann kommen Amphetamine wie Speed.
Eiberger: Zugenommen hat nach unserer Wahrnehmung der Gebrauch von Opioiden, die auf Rang fünf folgen. Dazu gehört zum Beispiel Tilidin, ein Schmerzmittel. Das macht so stark abhängig, dass die Konsumenten öfter bei uns in der Beratung sind. Ähnliches gilt für Benzodiazepine, die eine beruhigende Wirkung haben und nun auch bei den Jüngeren in Mode sind.
Schmolke-El Titi: Man darf das nicht unterschätzen. Vor allem mit Mischkonsum kann man sich damit in Lebensgefahr bringen. Befeuert wurde der Konsum vielleicht dadurch, dass Rapper das in ihren Liedern angepriesen haben.
Wie gelangen die Kids an solche verschreibungspflichtigen Medikamente?
Schmolke-El Titi: Die Jugendlichen sind da einfallsreich. Ich habe Klienten, die sich das von der Oma abgezweigt haben. Es gibt zudem einen Schwarzmarkt. Manche lassen sich die Pillen zum Beispiel über das Internet nach Hause schicken. Das sind teils Bezugsquellen, die sich ein Normalsterblicher nicht vorstellen kann. Das Darknet ist auch eine Möglichkeit, an Medikamente zu kommen. Gerade Gamer sind in der Hinsicht recht fit und gewieft.
Werden die Jugendlichen sofort abhängig von solchen Mitteln?
Schmolke-El Titi: Nicht sofort. Sie probieren aber gerne riskante Sachen aus. Oft geht das gut, manchmal nicht. Und die Fälle, bei denen es schiefläuft, die landen bei uns.
Eiberger: Das sind oft diejenigen, bei denen die Drogen besonders positive Gefühle auslösen, weil die Suchtstoffe als Ersatz für etwas dienen, das den Heranwachsenden im realen Leben fehlt.
Was mehr oder weniger sofort abhängig machen soll und die Konsumenten komplett aus der Bahn wirft, ist Crystal Meth. Ist die Droge auch bei uns weit verbreitet?
Schmolke-El Titi: Überhaupt nicht. Die Zahl unserer Klienten im Landkreis lässt sich an einer Hand abzählen. Was dagegen attraktiv scheint, ist das Kiffen. Zumal die Jugendlichen angesichts der momentanen Diskussion um die Legalisierung oft gar nicht mehr wissen, ob sie sich damit überhaupt strafbar machen. Dabei ist der Besitz von Cannabis nach wie vor nicht erlaubt, nur der akute Konsum nicht strafbar.
Wie alt sind die Mädchen und Jungs, die bei Ihnen in der Sprechstunde aufschlagen?
Eiberger: Die allermeisten sind zwischen 13 und 20 Jahre alt. Wer mit Auflagen zu uns geschickt wird, ist eher 15 oder 16. Diejenigen, denen es richtig schlecht geht und die deshalb aus eigenem Antrieb Hilfe suchen, sind in der Regel älter als 20.
Täuscht der Eindruck oder greifen Heranwachsende heute früher zur Flasche?
Schmolke-El Titi: Vielleicht etwas früher als vor 20 Jahren. Seitdem hat sich das Einstiegsalter aber nicht mehr signifikant geändert. Als Faustformel kann man sagen: Mit dem Eintritt der Pubertät beginnen Teenager möglicherweise mit dem Trinken. Wenn sich das Ganze zu einem Problem auswächst, sind die Jugendlichen in der Regel 17, 18 oder 19 Jahre. Das hängt aber auch davon ab, in welchem Kreis man sich bewegt und wie groß die Schule ist. Tatsache ist: Wo viele Jugendliche sind, da werden auch Suchtmittel konsumiert.
Klingt auf jeden Fall nicht so, als sollte man den Alkoholkonsum verharmlosen.
Schmolke-El Titi: Auf keinen Fall. Das ist eine Volksdroge und die Droge, an der die meisten Menschen sterben. Ich hatte Teenager, die sind nach einem Vollrausch unterkühlt auf einem Feld aufgewacht. Bei Jugendlichen wird dabei auch die Hemmschwelle herabgesetzt, andere Substanzen zu probieren.
Eiberger: Wir geben den Mädchen und Jungs deshalb auch mit auf den Weg, wie sie sich in solchen Situationen verhalten sollten. Sie sollten sich nicht aus den Augen lassen, mindestens einer aus der Gruppe sollte immer nüchtern bleiben, um bei einer drohenden Eskalation eingreifen zu können. In unserer Präventionsarbeit geht es aber auch um risikoarmen Konsum. Man sollte sich zum Beispiel nicht angewöhnen, jeden Tag ein Bier zu trinken. Alkohol ist wirklich ein großes Problem. Bei vielen Schlägereien und Körperverletzungen spielt es eine Rolle, dass jemand zu viel intus hatte.
Wie entwickelt sich eigentlich eine Drogenkarriere? Sind Alkohol und Kiffen die Einstiegsdrogen für härtere Substanzen?
Eiberger: Das lässt sich gar nicht so pauschal sagen. Aus unserer Erfahrung ist eher die Zigarette beziehungsweise die E-Zigarette die Einstiegsdroge. Wer kifft, raucht tendenziell auch. Wer einmal an einem Joint zieht, muss allerdings nicht zum Dauerkiffer werden und schon gar nicht zwangsläufig auf härtere Stoffe umsteigen.
Schmolke-El Titi: Es kann aber natürlich passieren, dass man über den Konsum von Cannabis in Kontakt mit Leuten gerät, die Kokain oder anderes nehmen.
Eiberger: Tatsache ist zudem, dass der THC-Gehalt von Cannabis weitaus höher ist als vor 20 Jahren. Die Wirkung ist deshalb deutlich stärker, es dauert auch länger, bis sich das THC im Körper abbaut.
Schmolke-El Titi: Wer ohnehin eine Neigung zu einer Psychose hat, bei dem haut es, ganz salopp gesagt, eher die Sicherung heraus. Das würde auch für eine kontrollierte Abgabe sprechen, damit man weiß, wie die Stoffe zusammengesetzt sind.
Eiberger: Das kann ich nur unterstreichen. Synthetische Cannabinoide können, wenn sie in extrem konzentrierter Form untergemischt werden, sogar tödlich sein. Das würde man bei einer Legalisierung, durch kontrollierten Anbau, vermeiden können.
Der Weg zur Drogenberatung
Chillout
Die Jugend- und Drogenberatung im Landkreis Ludwigsburg firmiert unter dem Namen Chillout. Träger sind die Caritas und die Diakonie. Der Landkreis finanziert und fördert das Programm. Je nach Wohnort werden Hilfesuchende an ein Team in Ludwigsburg, Kornwestheim oder Bietigheim-Bissingen vermittelt. Birgit Schmolke-El Titi ist Sozialarbeiterin und Suchttherapeutin. Sie leitet bei der Caritas Ludwigsburg-Waiblingen-Enz die Suchthilfe. Marlen Eiberger ist Pädagogin und systemische Therapeutin und gehört zum Team von Chillout.
Beratung
Wer Unterstützung braucht, kann sich zwanglos in der offenen Telefonsprechstunde melden, für den Bereich Kornwestheim und Bietigheim-Bissingen montags zwischen 15 und 16.30 Uhr unter der Nummer 0 71 54 / 8 05 97 50, für den Raum Ludwigsburg donnerstags von 15.30 bis 17 Uhr unter 0 71 41 / 97 71 10. Auch Eltern, die sich um ihre Kinder sorgen, können sich an die Drogenberater wenden. Weitere Infos gibt es unter https://www.drogenberatung-chillout.de.