Ein Helfer kümmert sich um einen auf der Straße schlafenden Obdachlosen (Archivbild) – doch manchmal kommen auch andere vorbei . . . Foto: Lichtgut/Julian Rettig

An verschiedenen Orten der Stadt werden draußen nächtigende Wohnungslose mit Farbe übergossen. Was ist das Motiv des unbekannten Täters?

Wieder weiße Farbe. Offenbar mehr als ein Liter Wandfarbe klatscht auf den Schlafsack und die Kleidung eines 68-Jährigen, der an einer Hausfassade am Gehweg tief und fest schläft. Die Farbspritzer verschmieren auch Fassade und Straßenpflaster. Es ist der dritte Anschlag auf einen Obdachlosen, diesmal an der Neckarstraße im Stuttgarter Osten. Die Serie hat Anfang September in der Innenstadt begonnen.

 

„Ein Passant hat den schlafenden und farbverschmierten Mann auf dem Gehweg entdeckt und die Polizei verständigt“, sagt Polizeisprecher Sven Burkhardt über den Vorfall, der sich am Freitag kurz nach 20 Uhr im Bereich der Einmündung Metzstraße zutrug. Eine Polizeistreife weckte den Wohnungslosen, der bis dahin nichts mitbekommen hatte.

Müsste der Täter mit Farbe nicht auffallen?

„Die Motivlage ist völlig unklar“, sagt Polizeisprecher Burkhardt. Und auch vom Täter gibt es keine Spur. Eigentlich müsse einer, der mit solchen Mengen Farbe unterwegs sei, irgendwie auffallen, so Burkhardt. Der 68-Jährige blieb immerhin unverletzt, allerdings ist sein letztes Hab und Gut durch die Wandfarbe ziemlich unbrauchbar geworden. „Wir ermitteln wegen Sachbeschädigung“, sagt der Polizeisprecher. Das Revier Ostendstraße bittet unter der Telefonnummer 07 11 / 89 90 - 35 00 um Hinweise.

Doch nicht nur dieses Revier ist mit den rätselhaften Farbattacken beschäftigt. Das Innenstadtrevier an der Theodor-Heuss-Straße hat gleich zwei solcher Fälle auf dem Tisch.

Die Obdachlosenhilfe ist fassungslos

In der Nacht zum 3. September traf es eine 52-jährige Frau, die an der Sophienstraße auf dem Gehweg geschlafen hatte. Außer ihrer Kleidung war auch ihr Gesicht getroffen worden. In der Nacht zum 8. September geriet ein 33-Jähriger ins Visier, der auf dem Gehweg an der Marienstraße übernachtete. Auch seine Kleidung voller weißer Farbflecken. Und auch hier: keine heiße Spur zum Täter.

Lebt da jemand seinen Hass auf Menschen aus den Randgruppen aus? Selbst für die Experten von Hilfsorganisationen sind die Vorfälle ein Rätsel. Und sie machen fassungslos: „Ich finde das schon sehr bedrückend“, sagt Clemens Youngblood, Vorsitzender des Fördervereins Helfende Hände mit Sitz in Heslach, der sich in der Obdachlosenhilfe engagiert. Dabei scheint derzeit nichts erkennbar anders zu sein in den Unterkünften und Tagesstätten der Wohnungslosenhilfe.

Für die Opfer ist die Attacke erniedrigend

Auch bei der Bereichsleitung Armut, Wohnungsnot und Schulden beim Caritasverband Stuttgart zeigt man sich überrascht über die Serie. „Das ist irritierend“, sagt Bereichsleiter Harald Wohlmann. Andere mit Farbe zu überschütten, „ist für die Betroffenen etwas sehr Erniedrigendes“. Bei ohnehin problematischeren Hygienebedingungen ließen sich die Folgen außerdem nur sehr schwer beseitigen.

Dabei steckt das Leben auf der Straße ohnehin voller Risiken – etwa durch Diebe. Obwohl sich erfahrene Betroffene dagegen wappnen: „Trotzdem kommen immer wieder Sachen weg“, so Wohlmann. Und obwohl ein Dieb wissen müsse, dass eigentlich nichts zu holen sei, werde dennoch gestohlen. Und dann müsse man mühsam einen Ausweis wiederbeschaffen.

Vor einem Jahr gab es eine Serie in Köln

Interessant ist, dass sich solche Farbattacken bereits im Herbst 2021 in Obdachlosenkreisen in Köln abgespielt haben. Mindestens zehn Fälle gab es zwischen September und November vergangenen Jahres. „Weil es nicht so viele Ermittlungsansätze gab, hatten wir zeitnah eine Ermittlungsgruppe eingerichtet“, sagt der Kölner Polizeisprecher Philipp Hüwe. Man habe die Vorgänge ernst genommen, „denn da geht es nicht nur um Farbe“, so Hüwe. Gesucht wurde etwa ein Radfahrer, der in einem Fall eine Obdachlose mit Farbe beworfen hatte und geflüchtet war. Die Aktivitäten der Polizei, die Öffentlichkeitsarbeit sowie Zeugenhinweise hätten letztlich dazu geführt, so Sprecher Hüwe, dass die Serie bald abbrach.

„Ja, irgendwann war Ruhe“, bestätigt Dennis Bucek von der Kölner Obdachlosenhilfe Straßenwächter. Dabei habe es weitaus mehr Fälle als öffentlich genannt gegeben. „Auch unsere Tagesstätte wurde mit Farbe beworfen“, sagt Bucek. Dies zeige einen generellen Hass, der nicht nur auf schlafende Personen ziele. Ob der Kölner Täter nun in Stuttgart agiert? Bucek glaubt das weniger: „Das ist wohl eher ein Trittbrettfahrer.“