Drei Trails im Stuttgarter Wald wurden für Mountainbiker freigegeben, etliche andere gesperrt. Bei den Bikern ist der Frust groß. Doch die Stadt betont, dass dies nicht die finale Lösung sei.
Zwei Holzpfosten, dazwischen ein gespanntes Seil – und ein Schild: „Waldbiotop“ steht darauf. Solche Sperrungen findet man seit Kurzem an vielen Stellen im Stuttgarter Wald. Die Stadt hat nämlich in Naturschutzgebieten, Waldbiotopen und FFH-Gebieten (Flora-Fauna-Habitat) alle schmalen Pfade, die vor allem von Mountainbikern genutzt werden, sperren lassen. Der Grund sei die „empfindliche Natur in diesen Gebieten“, heißt es. Dafür wurden die drei Trails geöffnet, die zuletzt als Pilotprojekt untersucht wurden: der Arizona-Trail und der Indiana-Jones-Trail in Botnang sowie der Klabuster-Trail 2 in Kaltental.
Laut den Vertretern der Mountainbikeszene reiche das vorne und hinten nicht. Sie schätzen, dass es in der Stadt 50 000 Mountainbiker gibt – die könnten nicht auf nur drei Trails fahren. „Und wenn es nicht genügend legale Angebote gibt, werden die illegalen genutzt“, sagt Alexander Lukasch (53), der Geschäftsführer des Vereins Mountainbike Stuttgart. Wie viele legale Trails es in einer Großstadt denn brauche, vermag er nicht zu sagen. Klar sei aber, dass diese attraktiv genug sein müssten, um Lenkungswirkung zu erzielen und übers ganze Stadtgebiet verteilt sein müssten.
Naturschützer könnten gegen Trail-Öffnungen klagen
Die drei geöffneten Trails seien „natürlich nicht“ die finale Lösung, heißt es unterdessen von der Stadt Stuttgart. Das Ziel sei vielmehr ein Trailnetz im Wald, das sich zu einer Runde verbinden lasse. „Noch wissen wir aber nicht, ob das rechtlich geht.“ Deshalb gebe die Stadt derzeit mehrere Untersuchungen in Auftrag, erstelle Konzepte und investiere viel Geld und Zeit, „denn wir wollen, dass es sicher ist“.
Die Stadtverwaltung erhalte diesbezüglich Druck von mehreren Seiten, heißt es. Auf der einen Seite seien da die Mountainbiker, die keinerlei Verständnis mehr für die Situation hätten, auf der anderen Seite die Naturschützer, die mit Klagen drohten. „Und die zwei Seiten scheiden sich schon bei der Frage, ob Lenkung durch Angebot funktioniert – also ob geöffnete Trails dazu führen, dass illegale Trails nicht befahren werden“. Dazu kämen Wanderer und Spaziergänger im Wald, die ständig bei der Stadt anriefen und sich über Biker im Wald beklagten.
Fast der ganze Stuttgarter Wald steht unter Schutz
Eigentlich ist Stuttgart so etwas wie der Traum eines Mountainbikers: 24 Prozent der Stadtfläche sind von Wald bedeckt, zudem gibt es erhebliche Höhenunterschiede. Der Talkessel liegt auf 245 Metern, der höchste Punkt in Stuttgart-Rohr auf 549 Metern. Das bedeutet, dass es etliche spannende Strecken gibt – in der Theorie. In der Praxis gilt in Baden-Württemberg seit dem Jahr 1995 die Zwei-Meter-Regel, welche besagt, dass Radfahren im Wald nur auf Wegen gestattet ist, die breiter als zwei Meter sind. Es sei denn, die Forstbehörde lässt Ausnahmen zu. Durch dieses Gesetz soll der Wald nicht „gefährdet, beschädigt oder verunreinigt sowie die Erholung anderer nicht beeinträchtigt“, heißt es.
Und es gibt noch eine Stuttgarter Besonderheit: 94 Prozent der Waldfläche hier hat Schutzgebietscharakter. Davon ist etwa die Hälfte Landschaftsschutzgebiet, was die schwächste Form von Schutzgebiet ist – die andere Hälfte hat einen so hohen Schutzstatus, dass eine Duldung von Mountainbiken dort sowieso niemals infrage komme, heißt es. Unter Mountainbikern ist diese unklare Lage verhasst: „Die Zwei-Meter-Regel regelt in der Praxis gar nichts. Für die Natur und das Miteinander im Wald gibt es bessere Lösungen als pauschale Verbote“, heißt es von der Sektion Schwaben des Deutschen Alpenvereins (DAV). Lob findet man beim DAV für den Stuttgarter Bikefrieden, der vor zwei Jahren im Freizeitkonzept als Übergangslösung bis zum Inkrafttreten eines legalen Konzepts vereinbart wurde. Damals hieß es, dass die Mountainbiker keine neuen Trails schaffen und zugleich vonseiten der Stadt auf bestehenden Trails nur jene „Bauwerke“ abgebaut würden, bei denen etwas mit Werkzeug oder künstlichen Materialien hergestellt wurde – und dementsprechend Haftungsfragen auftauchten.
Gesperrte Trails „hätten niemals gefahren werden dürfen“
„Wir halten am vereinbarten Vorgehen fest“, heißt es dazu von der Stadt. Man sei inzwischen nur etwas weiter im Prozess. Und jene Trails, die nun gesperrt wurden, hätten „niemals nur den Hauch einer Chance auf eine Genehmigung gehabt“, weil diese in „extrem empfindlichen Schutzgebieten liegen und dort niemals hätte Mountainbike gefahren werden dürfen“.
Die Biker sehen in legalen Trails auch Vorteile für die Stadt: „Das wäre eine Chance, qualifizierte Fachkräfte zu finden“, sagt Alexander Lukasch. Unter Ingenieuren würden etwa viele Mountainbike fahren, zudem gebe es rund um Stuttgart eine große Fahrradindustrie. Außerdem könne man Kinder und Jugendliche durch legale Trails wieder an Sport und Naturschutz heranführen, weg von der Playstation, argumentiert er.