Carola Rackete geht in der Nacht auf Samstag in Lampedusa von Bord der Sea Watch 3. Foto: AFP

Carola Rackete hat gegen die Anweisungen der italienischen Behörden ihr Schiff in den Hafen von Lampedusa gefahren und damit ermöglicht, dass die 40 verbliebenen Migranten an Bord an Land gehen konnten. Für einen „kriegerischen Akt“ könnte die 31-Jährige für mehrere Jahre ins Gefängnis wandern.

Rom/Lampedusa - Matteo Salvinis Twitter-Account kennt kein Wochenende. „Weitere zwei Schiffe von Nichtregierungsorganisationen sind auf dem Weg in libysche Gewässer. Ich wünsche nicht, dass das Ignorieren italienischer Gesetzte nun zu einem neuen internationalen Hobby wird“, schreibt der italienische Innenminister über den Kurznachrichtendienst. Wenige Stunden zuvor war die Odyssee der „Sea Watch 3“, die am 12. Juni 53 Migranten vor der libyschen Küste aus Seenot gerettet hatte, zu Ende gegangen.

Carola Rackete, die deutsche Kapitänin des Schiffes, das für die Nichtregierungsorganisation Sea Watch im Mittelmeer unterwegs war, hat im Hafen von Lampedusa angelegt. Ohne Genehmigung und gegen das ausdrückliche Verbot der italienischen Behörden. Die 40 auf dem Schiff verbliebenen Migranten – 13 von ihnen waren im Vorfeld unter anderem aus medizinischen Gründen bereits nach Italien gebracht worden – konnten an Land gehen. Im Vorfeld war bereits eine Abmachung mit fünf europäischen Staaten getroffen worden, nach der die Migranten umgehend nach Deutschland, Frankreich, Portugal, Luxemburg und Finnland verteilt werden sollen.

Deutsche Politiker fordern Freilassung Racketes

Was mit der Kapitänin Rackete passieren wird, ist jedoch noch unklar. Sie wurde nach der Anlandung in Lampedusa festgenommen. Und zwar nicht wegen der Ermittlungen, die bereits am Freitag unter anderem wegen der Begünstigung der illegalen Migration eingeleitet worden waren. Sondern wegen eines „kriegerischen Aktes“, wie Innenminister Salvini schreibt. Ein Schiff der italienischen Finanzpolizei, das die „Sea Watch 3“ am Anlegen hindern sollte, wurde durch das Manöver der Kapitänin an die Kaimauer gedrängt. Daher lautet nun ein weiterer Vorwurf gegen die 31-Jährige: Widerstand oder sogar Gewalt gegen ein italienisches Kriegsschiff. Ein solcher Akt wird mit drei bis zehn Jahren Gefängnis bestraft. Die Finanzpolizei ist eine Spezialeinheit der italienischen Streitkräfte, die als Teil derer im Verteidigungsfall Aufgaben der Grenzsicherung übernimmt. „Die Situation war hoffnungslos. Und mein Ziel war es lediglich, erschöpfte und verzweifelte Menschen an Land zu bringen“, sagte die Kapitänin, die nun erst einmal auf Lampedusa unter Hausarrest steht, über ihre Anwälte der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“. Sie habe Angst gehabt und befürchtet, von den Migranten an Bord wollten einige Selbstmord begehen. Für den Vorfall mit dem Boot der Finanzpolizei entschuldigte sich Rackete bei den Beamten.

„Europa steht hinter Carola“ titelte die italienische Tageszeitung „La Repubblica“ am Sonntag. Der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) hatte sich am Samstag via Twitter zu Wort gemeldet. „Seenotrettung darf nicht kriminalisiert werden. Es ist an der italienischen Justiz, die Vorwürfe schnell zu klären.“ Menschenleben zu retten sei eine humanitäre Verpflichtung. Grünen-Chef Robert Habeck sagte, es handele sich um eine „Sprachverdrehung orwell’schen Ausmaßes“, wenn Salvini der Kapitänin die Unterstützung von Menschenhändlern und Piraterie vorwerfe. „Der eigentliche Skandal ist das Ertrinken im Mittelmeer, sind die fehlenden legalen Fluchtwege und ein fehlender Verteilmechanismus in Europa“, so Habeck.

Spendenaufrufe in den sozialen Netzwerken

Anfang der Woche soll sich entscheiden, wie es mit Rackete weitergeht. Im Raum steht auch die Ausweisung nach Berlin verbunden mit einem fünfjährigen Einreiseverbot nach Italien. Der Fall erinnert an den der Nichtregierungsorganisation „Cap Anamur“, deren Kapitän ebenfalls festgenommen wurde, nachdem er im Jahr 2004 im Mittelmeer gerettete Migranten nach Italien gebracht hatte. 2009 wurden er und der Chef der NGO von einem italienischen Gericht vom Vorwurf der Beihilfe zur illegalen Einwanderung freigesprochen.

In Italien sind die Reaktionen auf die Festnahme Racketes gespalten. Von Seiten der Rechten hagelt es Kritik und Beschimpfung. Andererseits konnte ein Spendenaufruf des nationalen antifaschistischen Netzwerks auf Facebook bis Sonntag mehr als 400.000 Euro für die Anwaltskosten und die zu erwartende Strafe von bis zu 50.000 Euro, die nach einem neuen Gesetz in Italien auf private Seenotretter zukommen, einsammeln. In Deutschland riefen unter anderen die Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf zu Spenden für die Seenotretter auf – da kamen bis Sonntagabend mehr als 640 000 Euro zusammen.

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