Die Österreicherin Doris Knecht ist den Lebenslügen unserer Gesellschaft auf der Spur – in ihrem neuen Roman führt diese nach Saigon. Foto: Adobe Stock

Luxusprobleme auf dem Prüfstand: In Doris Knechts neuem Roman „weg“ suchen zwei, die nichts mehr verbindet, nach ihrer verschwundenen Tochter.

Stuttgart - Richtig zu leben, wie geht das? Mit wem und wo? Um diese – je nach Blinkwinkel – banalen oder philosophischen Fragen kreisen viele Texte der Österreicherin Doris Knecht. Diese hat sich nicht nur mit ihren Kolumnen, sondern auch in ihren Romanen längst einen Namen gemacht als Spezialistin fürs Seelenleben der bürgerlichen Mittelschicht. Mal beschreibt sie, wie in „Wald“, den Abstieg einer scheiternden Geschäftsfrau, die zur mittellosen Eremitin wird, mal, wie in „Alles über Beziehungen“, das hypersexuelle Leben eines Kulturmanagers. Und immer waltet in diesen Erkundungen unserer Gesellschaft ein präziser Tonfall, der die Lebenslügen der Protagonisten schonungslos ausbreitet.

Heidi und Georg stehen in Doris Knechts neuem Roman „weg“ im Mittelpunkt. In ihren Zwanzigern waren sie kurze Zeit miteinander verbunden, was viel mit Sex und wenig mit Liebe zu tun hatte. Doch in diesen „paar geilen Nächten“ wurde eine Tochter gezeugt, so dass sie – obwohl die Affäre schnell verpuffte – fortan „zwei ganz Verschiedene mit einem gemeinsamen Kind“ sind, „für immer aneinandergeschraubt“.

Längst sind beide – sie gehen inzwischen auf die fünfzig zu – ihre eigenen Wege gegangen. Heidi ist in eine hessische Kleinstadt zurückgezogen und weiß Martin an ihrer Seite, der gerade – so ihr Irrglaube – eine „Midlife-Crisis light“ durchläuft. Georg hingegen betreibt zusammen mit Freundin Lea in der österreichischen Provinz einen Gasthof, hängt der Slow-Food-Bewegung an, weiß, was die irgendwie unzufriedenen Städter auf dem Land suchen, und freut sich daran, wenn er selbst gepflückten Bärlauch unter buttrige Eiernudeln heben darf.

Abenteuerliche Reise nach Asien

Kontakt haben beide nur, wenn es um ihre inzwischen dreiundzwanzigjährige Tochter Lotte geht, die in Berlin studiert und – nach schlecht bekommenen Drogenkonsum in ihrer Jugend – psychisch gefährdet ist. So weit, so gut und unspektakulär. Mit einem Mal jedoch gerät das labile Gefüge gänzlich durcheinander: Lotte ist nicht mehr zu erreichen, scheint mit einem amerikanischen Freund in Vietnam untergetaucht und zwingt ihre Eltern quasi dazu, sich wieder miteinander zu verbünden und sich mit dem nächsten Flugzeug nach Saigon aufzumachen.

So verlässt Doris Knecht nach einem Romandrittel ihr gewohntes Terrain der Mittelstands- und Patchworkdramolette und lässt ihre Figuren eine abenteuerliche Reise nach Asien antreten. Die von Flugangst gepeinigte Heidi muss dabei all ihren Mut zusammennehmen und das Löwenherz einer verzweifelten Mutter zeigen, denn es geht ihr nur darum, die ­verlorene Tochter wiederzufinden, irgendwo zwischen den grünen Reisfeldern und den Großstadtslums von Saigon und Phnom Penh.

Knechts Roman stellt dabei die Lebensweise ihrer Figuren, deren „Luxusprobleme“ auf den Prüfstand. Was verändert sich, wenn man sein behagliches westeuropäisches Biotop verlassen muss und rasch merkt, auf welch dünnem Eis man sich bislang bewegt hat? Und was treibt Lotte in diese fremde Ferne, was hofft sie dort zu finden? Davon in schnellen Dialogen, mit genauem Blick für atmosphärische Nuancen zu erzählen, das macht die Qualitäten dieses Romans aus, der seinen Akteuren die Chance gibt, sich weiterzuentwickeln. Zu spät ist es nie.

Denn alles ist ein Lernprozess, das zeigt dieser – auf ein überraschendes, bewegendes Ende zusteuernde – Roman und alles eine Frage der Perspektive, festgehalten im wiederkehrenden Motiv des Mopeds. In der Teenagerzeit diente es als Vehikel des ersehnten Ausbruchs aus provinzieller Enge, wohingegen die sieben Millionen Mopeds in Saigon schlicht das einzig sinnvolle Fortbewegungsmittel sind: „Wie man auf einem Moped fährt: Kommt darauf an, wo man geboren wurde, wie man lebt und wer man ist.“ Wer plötzlich „weg“ ist, begreift das offenbar schneller als die Daheimgebliebenen.

Doris Knecht: weg. Roman. Rowohlt Berlin, Berlin. 301 Seiten, 22 Euro.

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