Mütter und Väter müssen viel Kreativität aufbringen, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Foto: dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Berufstätigen Müttern und Vätern wird in der Krise seit Wochen einiges abverlangt . Nach einer anfänglichen Schockstarre werden immer mehr kritische Stimmen laut, wie ein Blick nach Leinfelden-Echterdingen zeigt.

Leinfelden-Echterdingen - Unter Eltern rumort es zunehmend: Die Belastungen, die die Corona-Krise den Familien auferlegt, ist auf Dauer kaum zu stemmen. Das ist auch in Leinfelden-Echterdingen zu spüren. „Wir Eltern wurden praktisch von heute auf morgen ins Chaos gestürzt“, heißt es in einer Mail, die Steffen Müller, der Vorsitzende des Gesamtelternbeirates der örtlichen Kindertagesstätten, Ende April an die Stadt geschickt hat. Der Beirat hatte zuvor das Stimmungsbild sämtlicher Kita-Eltern aus L.-E. abgefragt.

Zunächst sei alles sehr ruhig abgelaufen. Denn das, was die Kommune für die Familien in der Vergangenheit und auch jetzt getan habe, verdiene Lob und Anerkennung. Ein Beispiel dafür ist auch die Notbetreuung: 160 Kitakinder sind dort derzeit untergebracht. Diese können Familien in Anspruch nehmen, wenn beide Elternteile nicht im Homeoffice arbeiten können. Laut der Corona-Verordnung ist eine Regelbetreuung in den Kindergärten bis zum 15. Juni nicht erlaubt. „Das ist geltendes Recht. Daran müssen wir uns halten“, sagt Bürgermeister Carl-Gustav Kalbfell. Auch wenn Homeoffice plus Kinderbetreuung eine große Herausforderung für die Familien bedeute.

Die Kitas nicht gleich wieder schließen

„Überstunden und Resturlaube sind abgebaut, Urlaubsansprüche sind endlich, Kurzarbeit geht um“, heißt es in dem Schreiben der Kita-Eltern. Je länger die Schließzeiten andauern, desto größer werde die Not der Eltern. Die Befürchtung: Eltern werden ihren Nachwuchs zunehmend zu den Großeltern geben müssen und so die Risikogruppen gefährden. Nach einer „anfänglichen Schockstarre“, wie Müller es nennt, werden immer mehr kritische Stimmen laut. „Es gärt“, sagt der Vater einer vierjährigen Tochter. Familien wünschen sich eine spürbare Entlastung. Weil hier aber eher das Land der richtige Ansprechpartner sei, überlegt Müller gerade, ob er auch den Kontakt zur überregionalen Presse und großen Politik suchen soll.

Das Land hat zwar angekündigt, dass die Kitas möglicherweise bereits von Montag, 18. Mai an, zumindest für die Hälfte der dort normalerweise betreuten Schützlinge wieder öffnen können. „Noch aber fehlt dafür die gesetzliche Voraussetzung“, sagt Kalbfell. Dennoch arbeite die Verwaltung mit Hochdruck daran, sich auf eine solche Öffnung vorzubereiten. Ähnliches sagt Müller. Das Konzept könne aber leider noch nicht umgesetzt werden. Vor diesem Hintergrund wünschen sich die Eltern, dass die Einrichtungen in den Pfingst- und Sommerferien, also kurz nach einer möglichen Öffnung, nicht gleich wieder zumachen. Und sie bekamen dafür bereits Unterstützung seitens unterschiedlicher Stadträte. „Wir sehen die Not“, sagt Bürgermeister Kalbfell. Die Stadt versuche, in den Ferien zumindest eine Notbetreuung anzubieten. Die Elternvertreter fordern auch, dass die Kitas so schnell wie möglich auf einen Stand gebracht werden, der digitale Kontakte zwischen Erziehern, Eltern und Kindern möglich macht.

Ähnlich sieht es an den örtlichen Schulen aus. Nachdem die Schulen im März von jetzt auf nachher geschlossen wurden, gab es laut Karsten Finger, Vorsitzender des Gesamtelternbeirates (Geb) in L.-E. „positive, aber auch negative Beispiele“, wie mit der – für alle – neuen Situation umgegangen wurde. Die Rückmeldungen der Eltern fielen sehr unterschiedlich aus. Während die digitale Kommunikation zwischen Lehrern und Familien an einigen Bildungseinrichtungen und in einigen Klassen gut lief, waren woanders E-Mail-Verteiler nicht vollständig, sodass gar nicht alle Familien erreicht wurden. Insbesondere Grundschuleltern fühlten sich bis nach den Osterferien mit dem Homeschooling allein gelassen, berichtet Finger. Mangelnde, teils schleppende Kommunikation wurde kritisiert. Der Wunsch nach mehr persönlichem Kontakt war groß. Bürgermeister Kalbfell sagt dazu: „Der Austausch zwischen den Lehrerkollegen und den Schülern musste neu organisiert werden, und das braucht eben seine Zeit.“

Wie gut läuft der Fernunterricht?

Diesen Freitagvormittag werden sich Vertreter des Gesamtelternbeirats mit Kalbfell, OB Roland Klenk sowie allen Schulleitern treffen. Zwei Stunden lang werden sie über das Thema Unterricht in Corona-Zeiten sprechen. Wie gut oder schlecht läuft der Fernunterricht? Wo gab es Verbesserungen, wo hakt es noch? „Die Situation hat sich inzwischen deutlich verbessert“, sagt der Elternvertreter. Die meisten Schulen hätten sich mittlerweile bewegt. Auch auf Elterninitiative hin wurden digitale Plattformen eingerichtet. Nun gelte es, die positiven Beispiele auf alle Schulen in der Stadt auszuweiten. „Die Kommune muss sicherstellen, dass keine Familie durchs Raster fällt“, sagt Finger. Kalbfell sagt: „Es gibt viele gute Ansätze.“ Beispielsweise eine Initiative der örtlichen Wirtschaftsverbände: Privatmenschen und Firmen stellen Familien Notebooks und anderes Equipment für den Fernunterricht zur Verfügung. Allerdings: „Wir brauchen auch die Hilfe vom Land – klare Ansagen, was möglich ist und was nicht“, betont er. L.-E. könne keine Insellösung entwickeln.

An diesem Freitag wird es auch darum gehen müssen, wie der Schulalltag nach den Sommerferien weitergeht. „Allen muss klar sein, dass wir noch für lange Zeit einen Schulbetrieb haben werden, der anders ist, als wir ihn bisher kannten“, ist in einem Positionspapier des Gesamtelternbeirats zu lesen. Immerhin: Nach den Pfingstferien werden die Klassenzimmer für alle Stufen geöffnet sein – allerdings nur wochenweise und für wenige Stunden. Karsten Finger sagt: „Man trifft sich, kann ein paar Fragen klären. Eine Entlastung für die Eltern ist das nicht.“

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