Szenen aus „Zehn Milliarden“ - ein kritischer Dokumentarfilm Foto: Verleih

In seinem aktuellen Dokumentarfilm „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“ fragt der gebürtige Stuttgarter Valentin Thurn, mit welchen Methoden eine wachsende Weltbevölkerung gesättigt werden könnte. Für das größte Hindernis hält der Regisseur die dysfunktionale Marktwirtschaft.

Herr Thurn, Sie fragen: „Wie werden wir alle satt?“ Haben Sie eine Antwort gefunden?
Darauf gibt es keine einzelne oder gar einfache Antwort. Viele kleine Lösungen überzeugen, weil es lokale Herangehensweisen sind. Das ist entscheidend. Natürlich gibt es auch globale Befreiungsschlagversuche, um die ultimative Lösung zu finden – aber ich glaube, die werden alle scheitern. Letztendlich sind es ja die Preisschwankungen des Weltmarkts, die uns von einer Hungerkrise in die nächste schlittern lassen.
Woran scheitern wir bislang?
Wir scheitern hauptsächlich an einer nicht funktionierenden Marktwirtschaft. Die Preise sind nicht ehrlich. Wir bezahlen beispielsweise für einen Liter Milch doppelt: Wir zahlen ihn im Supermarkt und ein zweites Mal über die Steuern, weil die durch die Produktion verursachten Schäden repariert werden müssen, wenn etwa ein großer Stall das Grundwasser mit Nitrat verseucht. Unter diesen ökologischen Schäden leidet die weltweite Gemeinschaft. Man zerstört Lebensraum und stört sich später daran, wenn Flüchtlinge vor der Tür stehen.
Das nennt man Globalisierung . . .
Wieso ist es plötzlich günstiger, Krabben von der Nordsee nach Marokko zum Pulen zu schicken, um sie wieder auf Sylt zu verkaufen? Das sind doch gänzlich verzerrte ­Warenströme. Luxusgüter wie Ananas oder Mango kann man ja gerne auf dem Weltmarkt handeln, aber die Grundversorgung sollte man von ihm abkoppeln – da geht es schließlich um Existenzen, um Menschen­leben.
Kann man diesen Weitblick vom Konsumenten verlangen, oder liegt die Verantwortung beim Produzenten?
Der Produzent ist abhängig vom Käufer. Ein Bauer ist gezwungen, seine Güter möglichst preisgünstig zu erzeugen, wenn der Konsument nur auf den Preis schaut. So hat sich das in den letzten Jahren ja leider entwickelt. Nachhaltige Methoden können da nicht mithalten. Kühe dürfen dann nicht mehr raus auf die Weide, sondern werden mit Kraftfutter vollgestopft. Dies geschieht sicher nicht im Interesse der Erzeuger, doch schließlich leidet darunter auch der Verbraucher. Sie sind beide Opfer des Systems.
Muss die Politik also die Rahmenbedingungen ändern?
Die Politik könnte einiges bewirken. Doch man wird nichts ändern, solange zwar viel geredet wird über artgerechte Tierhaltung und fairen Handel, die Mehrheit am Ende aber doch in den Discountermärkten einkauft.
Viele können es sich schlichtweg nicht leisten, sich ökologisch korrekt zu ernähren.
Das mag auf einen kleineren Teil der ­Bevölkerung zutreffen, auf etwa zehn bis maximal 20 Prozent. Fleisch ordentlicher Qualität kann man mit einem geringen ­Einkommen nur selten erwerben. Biogemüse hingegen ist nicht viel teurer als billig ­produziertes.
Sollte die Menschheit generell weniger Fleisch verzehren, um etwa dem Wahnsinn der Massentierhaltung entgegenzuwirken?
Gesundheitlich würde es uns allen guttun. Das wusste ich ehrlich gesagt aber auch schon früher, als ich mir noch täglich was ­gebrutzelt habe. Auch heute esse ich noch gerne Fleisch, allerdings nicht mehr so ­häufig. Wenn man in einem Stall mit 100 000 Hühnern dreht, will man die 2,99-Euro-Hühnchen aus dem Supermarkt gar nicht mehr essen. Für mich war es ein Gewinn an Lebensqualität, mir zu überlegen, woher mein Essen kommt.
In „10 Milliarden“ zeigen Sie diverse Seiten der Nahrungsproduktion: vom Kleinbauern über Massentierhaltung bis zur Pflanzenzüchtung im Labor. Zumindest subtil kritisieren Sie jedoch bestimmte Methoden – oder?
Ich kritisiere nicht subtil, sondern ganz ­offen. Ich glaube nicht an Objektivität. Ich habe meinen Standpunkt und halte es für besser, wenn der Zuschauer diesen kennt und sich selbst positionieren kann. Wenn ein überzeugter Wissenschaftler behauptet, Gentechnik sei eine Lösung, muss man sich das anhören. Auch, wenn man anderer Meinung ist. Es war mir wichtig, niemanden in die Pfanne zu hauen. Es gibt nicht das Böse schlechthin.
Auch in Ihrem ersten Kinofilm „Taste The Waste“ geht es um Ernährung, speziell um die enorme Lebensmittelverschwendung. Woher rührt Ihr Interesse an diesem Thema?
Erste Begegnungen mit der Wegwerfgesellschaft hatte ich als 18-jähriger. Mit einem Freund bereiste ich Südengland, in London ging uns das Geld aus. Also fingen wir an, von Resten des Borough Market zu leben. An die Mülltonnen wagte ich mich damals nicht.
Hiesige Supermärkte werfen täglich gute Nahrungsmittel en masse weg. Diese aus den Mülltonnen zu entwenden wird jedoch strafrechtlich verfolgt.
Richtig, man begeht Hausfriedensbruch und Diebstahl einer Sache im Wert von null Euro. Ich kann aber sagen: Seit „Taste the Waste“ in den Kinos lief, hat sich etwas ­getan in unserer Gesellschaft. Zahlreiche Richter stellen diese Verfahren inzwischen wegen ­Geringfügigkeit ein.
Ihr Werk bewirkt also einen Wandel?
Dass man so etwas auslösen kann, hätte ich nie gedacht. Ein Wissenschaftlernetzwerk befasst sich mit Lebensmittelverschwendung, die Regierung hat eine Studie in ­Auftrag gegeben, es entstehen Start-ups und Second-Chance-Supermärkte. Und auch große Konzerne haben erkannt, dass man sparen und gleichzeitig das Image aufpolieren kann.
Ist schon ein weiteres Projekt geplant?
Ja, aber darüber spreche ich noch nicht.
Lassen Sie mich raten: Es geht um Ernährung.
Im Zentrum des nächsten Films steht die moderne Gesellschaft. Es hat etwas mit der Art und Weise zu tun, wie wir essen. Aber es geht nicht ausschließlich um Ernährung. Eher um unsere Lebensweise. Mehr verrate ich aber nicht (lacht).
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: