Die Abnahmequote in dem Wohngebiet rund ums Steinheimer Schulzentrum liegt bis dato formal unter den Vorgaben. Nun fürchten einzelne Räte um die Wirtschaftlichkeit.
Mit Solnet möchte die Stadt Steinheim ein echtes Vorzeigeprojekt an den Start bringen. Das Wohngebiet rund ums Schulzentrum soll von einer Zentrale auf dem Campus aus via Holzhackschnitzeln, Solarmodulen und Wärmepumpe nachhaltig beheizt werden. Das von der Ludwigsburger Energieagentur (LEA) entwickelte Konzept brachte der Kommune eine hohe mediale Aufmerksamkeit ein – und vor allem einen Förderbescheid aus Berlin über 6,5 Millionen Euro. Doch kurz bevor es mit dem Bau in medias res gehen soll, machten Teile der Freien Wähler nun im Gemeinderat ein Fragezeichen hinter das Vorhaben.
Kurz vor der Unterschrift
Die Kritik der Fraktion entzündete sich daran, dass die ursprünglich anvisierte Anschlussquote nach ihrer Lesart verpasst wurde. Demnach sollte zum Start gesichert sein, dass 40 Prozent des Bedarfs in dem Gebiet über das neue Netz gedeckt wird. Weitere 15 Prozent der potenziellen Kunden sollten zumindest einen Vertrag über die Vorverlegung einer Leitung unterschrieben haben. Tatsächlich fix ist bislang jedoch lediglich eine Abnahmequote von 28 Prozent und ein bloßer Hausanschlussanteil von 31 Prozent. Wobei zehn Prozent der möglichen Empfänger sich auf jeden Fall ans Netz andocken wollen, die Kontrakte aber aus verschiedenen Beweggründen noch nicht unterschrieben haben – etwa, weil der Öltank erst noch leergefeuert werden soll.
Michael Bokelmann ließ solche Wenn und Abers allerdings nicht gelten. „Wir haben das Ziel nicht erreicht“, meinte der Freie Wähler. Deshalb zweifelte er an der Wirtschaftlichkeit, gab zu bedenken, dass die zuständige Netzgesellschaft als hundertprozentige städtische Tochter trotz der Zuschüsse vom Bund noch eine Millionensumme zum Bau von Solnet aufbringen müsse. „Wenn das Ding in die Hose geht, müssen alle Bürger dafür bürgen, und nicht nur die Bürger in dem Quartier“, sagte Bokelmann. Sein Fraktionschef Timo Renz traut offenbar nach den jüngsten Turbulenzen und Kürzungen um und im Bundeshaushalt auch der Regierung nicht über den Weg. „Wie gedeckt ist der Scheck über die 6,5 Millionen Euro?“, wollte er wissen. Der Erste Beigeordnete Stephan Retter betonte, dass der Zuschuss gesichert sei, die ersten Teilbeträge gar längst auf dem Konto eingegangen seien.
Zum übernächsten Winter startklar
Raphael Gruseck von der LEA, der zugleich Geschäftsführer der Wärmenetz Steinheim GmbH ist, beteuerte zudem, dass sich niemand über ein mögliches Millionenloch wegen Solnet sorgen müsse. „Wir haben 59 Prozent vertraglich gebunden“, konstatierte er. „Eigentlich haben wir das Ziel sogar übererfüllt.“ Erfahrungsgemäß stiegen auch Anwohner noch ein, wenn die Arbeiten begonnen haben und sie sähen, dass das Ganze nicht nur auf dem Papier besteht. Außerdem habe man noch zwei Jahre Zeit, weitere Verträge zu fixieren, ehe das Wohngebiet im Winter 2025 erstmals seine Wärme über das Netz beziehen werde. Man habe schon mit der bestehenden Quote eine weitaus bessere Absicherung für einen wirtschaftlichen Betrieb des Netzes als viele andere Städte im Vergleich.
Diese Argumente schienen die große Mehrheit des Gremiums zu überzeugen. Lediglich Michael Bokelmann und sein Fraktionskollege Roland Heck stimmten letztlich nicht dafür, das Projekt fortzusetzen.
Bald werden die Straßen aufgerissen
In einem ersten Schritt soll nun das Wellarium im Frühjahr 2024 an die bestehende Heizzentrale im Schulzentrum angeschlossen und ein zweiter Holzhackschnitzelkessel gebaut werden. Mitte nächsten Jahres werde der Leitungsbau in dem Wohngebiet beginnen, kündigt Raphael Gruseck an. Die Solarthermieanlage, die beim Freibad-Parkplatz entstehen soll, und die Wärmepumpe seien 2025 an der Reihe. Insgesamt wird mit Baukosten von neun Millionen Euro gerechnet.