Die junge Frau sieht sich nicht als homosexuelle Aktivistin. Mit ihrer Geschichte bewegt sie trotzdem viele in der evangelischen Kirchengemeinde Schorndorf. Foto: dpa

Vor drei Jahren ist eine junge Frau wegen ihrer gleichgeschlechtlichen Beziehung aus einer Gottesdienstband ausgeschlossen worden. Die 22-Jährige gibt einen Einblick in ihr Seelenleben – und erklärt, warum sie der Kirche nicht den Rücken kehrt.

Schorndorf - Es ist schon fast drei Jahre her, dass sie wegen ihrer gleichgeschlechtlichen Beziehung aus einer Gottesdienstband des CVJM Schorndorf ausgeschlossen worden ist. Doch jetzt kocht alles wieder hoch – ausgerechnet in einer Veranstaltungsreihe, die sich mit dem Thema Homosexualität in der Kirche beschäftigt. Dennoch will die 22-Jährige der Institution Kirche nicht den Rücken kehren. Auf Anfrage gewährt sie einen kleinen Einblick in ihr Seelenleben.

Die junge Frau ist mit der christlichen Jugendarbeit aufgewachsen und hat sich selbst vielseitig engagiert. Gleichzeitig war ihr bewusst, dass ihre sexuelle Orientierung von Teilen der Kirche verurteilt werden würde – was sie jahrelang schwer beschäftigte. Schließlich entschied sie sich aber dazu, sich ihrer Gottesdienstband zu öffnen. Die Folge: sie wurde ausgeschlossen, weil sie nach Meinung der anderen Mitglieder gegen Gottes Willen lebe und kein Vorbild sein könne.

Der Austritt aus der Kirche war keine Option

„Das hat mich sehr getroffen. Für die Begleitung junger Menschen schlägt mein Herz“, erzählt sie in einem Telefongespräch. Aus dem CVJM ist sie mittlerweile ausgetreten, aus der Kirche nicht. Das sei nie eine Option gewesen. Weil es dort nicht nur die einen Leute gebe, sondern auch die anderen. Nach dem Ausschluss hat sie zum Beispiel die Jugendarbeit in einer Nachbargemeinde mit aufgebaut. „Dort habe ich ehrliche Heimat gefunden“, erzählt sie. Der Pfarrer schätze in erster Linie ihre Arbeit, alles andere spiele keine Rolle.

Für die junge Frau sind solche Erlebnisse ein Hoffnungsschimmer, ein Zeichen für eine mögliche Erneuerung der Kirche. „Es gibt Menschen, die an Gottes Barmherzigkeit glauben und sich genau das zum Maßstab setzen und nichts anderes“, sagt sie. Es sei ein Grundproblem einiger Christen, dass sie meinen, ganz genau zu wissen, was Gottes Wille ist. „Aber wer kann das schon? Welcher Mensch darf über den anderen urteilen?“, fragt sich die 22-Jährige.

Themenreihe „Kirche und Homosexualität“ anstrengend, aber wichtig

Die junge Frau vermisst den Respekt – nicht nur für sich, sondern auch für Pfarrer Thomas Fuchsloch, der für seine Äußerungen über Homosexuelle nun hart angegangen wird. Obwohl selbst betroffen, tue sie sich mit mancher Kritik an ihm schwer: „Ich respektiere sein Bibelverständnis und seine Haltung, kritisiere aber sein Verhalten im Umgang mit mir und anderen.“

Obwohl die Veranstaltungen für sie anstrengend gewesen seien, findet sie es richtig, dass es die Themenreihe der Gesamtkirchengemeinde gab. Allerdings habe sie sich nie in einer Vorreiterrolle gesehen: „Ich bin keine Aktivistin, die beim Christopher Street Day mitläuft.“ Vielmehr fühle sie sich bisher auch nicht stark genug, einfach hinzustehen und zu sagen: Leute, so ist es – nehmt mich wie ich bin, ich bin mit einem wundervollen Mädchen zusammen. „Ich muss weit wegfahren, um meinen Kopf wirklich ausschalten zu können.“

Vorurteile sollen das Bild von ihr nicht prägen

Die Meinung anderer Menschen ist ihr wichtig: „Ich will mein Bild im Kopf anderer selbst prägen, mit allem, was mich ausmacht. Da darf und soll mir so ein Vorurteil nicht vorauseilen“, betont sie. Ihre Überzeugung sei, dass Gott die Menschen liebe und ihnen einen unwiderruflichen Wert und eine Aufgabe zuspreche und dass es nicht in seinem Sinn sein könne, dass Menschen sich gegenseitig richten, sich selbst so zermartern und an sich zweifeln. „Es fällt mir leicht, anderen Mut zu machen – an mir selbst arbeiten wir noch.“

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