Bernd Oberdorfer und seine Assistentin Brenda Schülke unterhalten sich mit Hilfe des Tablets. Foto: factum/Granville

Die Behinderteneinrichtung GWW geht in die Digitalisierungs-Offensive. Moderne Technik eröffnet Menschen mit Handicap neue Perspektiven. Zum Beispiel für Bernd Oberdorfer. Mit 58 Jahren kann er nun endlich kommunizieren.

Sindelfingen - Die Digitalisierung macht vielen Menschen Angst. Angst, nicht mehr mithalten zu können oder gar den Arbeitsplatz zu verlieren. Doch ausgerechnet die Gemeinnützigen Werk- und Wohnstätten(GWW) für behinderte Menschen haben nun eine Digitalisierungskampagne ins Leben gerufen. Die Geschäftsführerin Andrea Stratmann sieht das pragmatisch: „Wir können die Digitalisierung nicht aufhalten. Und wir schauen uns an, welchen Nutzen das für unsere behinderten Menschen bringt.“

Und der sei groß, sagt Stratmann, gerade für Menschen mit einem Handicap. Zum Beispiel wie Bernd Oberdorfer. Von Geburt an leidet er unter einer spastischen Lähmung. Er sitzt im Rollstuhl, kann seine Arme nur sehr eingeschränkt bewegen. Er versteht sehr gut, was andere sagen. Aber sein Dilemma: er kann sich anderen Menschen nur schlecht mitteilen. Zwar beherrscht er das Morse-System und kann daher durch Augenzwinkern Nachrichten mitteilen. Doch reicht das nicht: „Die meisten können das Morsealphabet nicht, oder sie haben nicht die Geduld, mein Augenzwinkern zu verstehen“, sagt er.

Er steuert das Tablet mit dem Kopf

Doch nun hat hat Bernd Oberdorfer eine Stimme bekommen. Seit drei Monaten ist sein Rollstuhl ist mit einem Tablet ausgestattet, das für ihn spricht. Allerdings ist die Bedienung für ihn nicht einfach. Denn seine Hände kann er zur Bedienung des Computers nicht benutzen. Stattdessen hat Brenda Schülke, seine Betreuerin bei der GWW, gemeinsam mit einem externen Experten ein System entwickelt, damit Oberdorfer das Tablet mit seinem Kopf steuern kann. Kleine Bildchen auf dem Display markieren bestimmte Themenfelder wie „Gefühle ausdrücken“ oder „Essenswünsche“. Wenn Bernd Oberdorfer mit seiner rechten Kopfseite den blauen Knopf drückt, kann er ein Symbol auswählen, mit der linken Kopfseite bestätigt er dann die Auswahl. Dann ordert die Tablet-Stimme: „Ich möchte ein Käsebrot.“ Wenn Oberdorfer sich richtig unterhalten möchte, greift er wieder auf das Morsealphabet zurück. Auch dafür ist ein System im Tablet integriert, das die Zeichen übersetzt. So kann der Böblinger ganze Sätze schreiben, die die Tabletstimme dann ausspricht.

Der Umgang mit der neuen Technologie ist nicht einfach für den 58-Jährigen. Doch bereits nach drei Monaten steht für ihn fest, dass er das Tablet nicht mehr missen möchte. „Es ist schön, dass ich jetzt sagen kann, was ich möchte und brauche“, sagt er. Einfacher ist die Handhabung der digitalen Kommunikationsmittel für Igor Resler. Mit Mitte 20 gehört er zu den Digital Natives. Bereits als Jugendlicher hatte er ein Tablet und kann es sehr schnell bedienen. Resler steuert die Knöpfe mit seinen Knien. „Wir suchen für jede Person die passende Lösung“, sagt Brenda Schülke

Das Tablet eröffnet den beiden Männern im Rollstuhl ganz neue Möglichkeiten. Seit kurzem sind die beiden immer wieder unterwegs in Schulen oder bei Jugendgruppen. Dort erzählen sie den jungen Leuten von ihrem Leben – auch das macht die digitale Technik erst möglich. „Hallo. ich bin Bernd. Ich bin 58 Jahre alt, sehe aber jünger aus“, stellt sich Oberdorfer bei diesen Besuchen vor – und hat damit die Lacher auf seiner Seite.

Hoffnung auf anspruchsvollere Jobs

Und was ist mit der Bedrohung durch die digitale Technik? Fürchtet man bei der GWW nicht, Arbeitsaufträge der Industrie für die behinderten Mitarbeiter zu verlieren? Nein, das Gegenteil erhofft sich Stratmann. „Wir denken, dass wir durch die Digitalisierung anspruchsvollere Jobs an Land ziehen können.“ Denn die Technik erleichtere auch manche Arbeitsabläufe. Ein Beispiel: Behinderte Mitarbeiter, die Schwierigkeiten haben, sich Arbeitsschritte zu merken, speichern diese auf einer App und rufen sie bei Bedarf jederzeit ab.

Andrea Stratmann sieht die GWW gerüstet für die digitale Zukunft. Und sie ist überzeugt, dass ihre Mitarbeiter davon profitieren werden.

Mitarbeiter mit Handicap besuchen Schulen

Zukunftsforum
Zu einem Forum­ „Digitalisierung – Chancen und Risiken­, mehr Segen oder Fluch?“ hatte die Stiftung Zenit­ der Gemeinnützigen Werk– und Wohnstätten (GWW) kürzlich Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft eingeladen. Den Vortrag hielt der Digitalisierungs­experte Dietmar Wolff, Professor der Hochschule Hof.

Chancen
Wolff zeigte die Möglichkeiten auf, die Digitalisierung für Sozialunternehmen bietet. So helfen technische Assistenzsysteme bei der Biografiearbeit mit dementen Menschen. Mit speziellen virtuellen Brillen können Kindheitserlebnisse von Senioren aktiviert werden. Auch in der Pflege gibt es Assistenzsysteme, zum Beispiel die intelligente Flasche, die kontrolliert, wie viel ein Patient trinkt, und intelligente Toiletten, die den Urin messen.

Kommunikation
Bei vielen Pflegediensten regelten die Mitarbeiter ihre Schichten über Whatsapp: Das sei aus Datenschutzgründen nicht zulässig, sagt Wolff. Es gebe aber Alternativen, die legal eingesetzt werden könnten.

Weiterbildung
Das System Kontext – Bewusste Lernumgebung für die Aus- und Weiterbildung“ wird bereits in der GWW bei der Ausbildung eingesetzt. Projekt
Gruppen, die den Besuch von Bernd Oberdorfer und Igor Resler wünschen, können sich anmelden unter der Adresse: UK.Experten@gww-netz.de.

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