Die Traditionsbäckerei Hoss in Plochingen gibt nach 20 Jahren auf. Nicht Corona gab den Ausschlag, sondern die Arbeitsbelastung. Bäckermeister Jürgen Hoss will aber noch nicht die Hände in den Schoss legen.
Plochingen - Am Samstag, 14. November, um exakt 12 Uhr ist Schicht im Schacht in der Bäckerei Hoss in Plochingen. Nach 20 Jahren schließen Christiane und Jürgen Hoss den Laden in der Moltkestraße und ziehen nach Welzheim. Viele Umstände führten zu dem Entschluss, den sich das Ehepaar nicht leicht gemacht hat. Einer aber gehört garantiert nicht dazu: Corona. „Wir haben uns bereits vor einem Jahr dazu entschieden“, betont der gelernte Bäcker und Konditor Jürgen Hoss. Einer der Hauptgründe sei vielmehr das enorme Arbeitsaufkommen: Zwölf bis 13 Stunden pro Tag waren die Regel. Wobei man eher „pro Nacht“ sagen müsste. Für Bäcker Hoss begann der „Arbeitstag“ um 23.30 Uhr, wie er sagt.
„Wir wollen wieder Privatmenschen sein.“ So lautet der Wunsch von Christiane und Jürgen Hoss, beide Mitte 50. Dazu gehört, in den Urlaub fahren zu können, ohne drei Tage vor Ende der Ferien schon wieder in der Backstube zu stehen, damit die Kunden Brot und Kleingebäck, Kuchen und Torten in der gewohnten Qualität erhalten. Doch ist Hoss mit Leib und Seele Bäcker. „Ich brauche Arbeit“, sagt er und lacht. Aus diesem Grund tritt er bereits am 1. Dezember einen neuen Job an: als angestellter Bäcker im Hofladen Linckh, wo Brot ganz traditionell im Holzofen gebacken wird. Kunden aus Plochingen müssen sich allerdings auf eine 45-minütige Anreise einstellen. Denn der Hofladen ist in Alfdorf.
Eine Verlosung der besonderen Art soll den Abschied versüßen
Hoss lässt eine treue, weit verstreute Stammkundschaft zurück, die seinen Entschluss bedauert. Um ihr den Abschied etwas zu versüßen, hat sich Christiane Hoss etwas Besonderes einfallen lassen: ein Verlosung mit 500 Gewinnen. Für einen Euro pro Los gibt es allerlei Bäckerei-Equipment. Der Clou sind aber die Lose eins bis 50. Wer eine dieser Nummern zieht, bekommt ein Original Hoss-Rezept. „Die ersten fünf kriegen den Chef sogar noch dazu“, verspricht die Ehefrau. Allerdings nur für drei Stunden und nur zum Backen. Wer sich beispielsweise in den feinen Bienenstich verliebt hat, kann dann die Zutaten einkaufen, das Rezept vorbereiten und schließlich mit dem Profi zusammen zubereiten. Die anderen bekommen seine E-Mail-Adresse und müssen sich mit schriftlicher Auskunft zufrieden geben.
Wegen der Corona-Pandemie muss das Abschlussfest am 28. November abgesagt werden. Der Backstubenflohmarkt vom 17. bis 21. November findet hingegen statt, jeweils zwischen 10 und 12 Uhr, natürlich unter den geltenden Hygienebedingungen. Alles muss raus, auch die Ausrollmaschine aus dem Jahr 1958. „Die ist noch gut“, sagt Hoss. Auch die 400 Kilogramm schwere Teigteil- und Wirkmaschine, durch die Tafelbrötchen ihre Form erhalten, wird dann nicht mehr gebraucht. Es gab Zeiten, in denen es bei Hoss hoch herging. In Hochphasen stand der Bäckermeister zeitweise mit bis zu fünf Mitarbeitern in der Backstube.
Keine Backmischungen, keine Teiglinge
Brezeln und Brote sind der Verkaufsschlager bei Hoss, aber auch Dauergebäck wie Flammende Herzen und Kuchen gehen weg wie warme Semmeln. Die Stammkundschaft schätzt vor allem die Handarbeit. Hoss verwendet außerdem keine Backmischungen und keine Teiglinge – und wenn doch, dann wurde es kenntlich gemacht. Wie bei den Muffins, die es eine Zeit lang für Schüler gab. Hoss erkannte einige seiner Kunden anhand ihrer Bestellung, so vertraut war man sich nach all den Jahren. „Wenn jemand einen kleinen Johannisbeerkuchen bestellte, wusste ich schon, wer das war.“
Mit der 1-A-Qualitätsware wurde auch das Schurwaldcafé in der Marktstraße beliefert. Fünf Jahre lang hat das Ehepaar Hoss das Café als Filiale in der Innenstadt betrieben. Sie ist bereits seit 2. November geschlossen. Das Café war ein Entgegenkommen für die Kunden, denen der Weg ins Hauptgeschäft in der Moltkestraße, das etwas außerhalb des Zentrums in einem Wohngebiet liegt, zu weit war.
Auch die Lage war mit ein Grund, die Schließung in Erwägung zu ziehen. Nachts durften die Fenster in der Backstube nicht mehr geöffnet werden. Die Nachbarschaft fühlte sich gestört. Hoss kann das nachvollziehen: „Man hört uns“, sagt er. Doch bei Temperaturen von um die 40 Grad im Sommer sind geschlossene Fenster belastend. Zudem ist das Haus in die Jahre gekommen. Die gepachteten Räumlichkeiten sind renovierungsbedürftig. Trotzdem bleiben schöne Erinnerungen für das Ehepaar. Gerne denken sie zurück an Aktionen wie die Nacht der offenen Backstube mit Führung. „Die Aktion lief während des normalen Backbetriebs“, erinnert sich Christiane Hoss. „Das haben wir für unsere Kundschaft gemacht.“