Kronprinz und Kronprinzessin: Dietmar Bartsch und Sahra Wagenknecht sollen Gregor Gysi beerben. Foto: dpa

Alles spricht für eine linke Fraktionsspitze aus Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch. Offiziell zögern allerdings beide Repräsentanten der Parteiflügel noch.

Berlin - Kein Wort – nicht eines. Ausführlich hält Gregor Gysi am Sonntag bei seiner Abschiedsrede auf dem Bielefelder Parteitag der Linken Rückschau. Bei zahlreichen Weggefährten bedankt er sich. Für viele Mitstreiter hat er ein gutes Wort. Dietmar Bartsch bedenkt er warmherzig gleich mehrere Male. Für Sahra Wagenknecht hat er nur wortloses Schweigen.

Obwohl man auch der Meinung sein könnte, die ganze Rede sei irgendwie an sie gerichtet, an sie und ihresgleichen in der Partei. Also an den fundamentalistischen Teil der Linken, der weit mehr ist als nur ein Flügel, und dem politische Kompromisse gleichbedeutend sind mit Verrat und daher die Übernahme von Regierungsverantwortung die Aufgabe linker Ideale.

Gysi hat immer anders argumentiert, auch in Bielefeld. Und wenn die Linke auch nur wenig durchsetzen könnte in einem Regierungsbündnis, mehr Steuergerechtigkeit – wie er sie begreift – zum Beispiel oder ein Ende aller Auslandseinsatze der Bundeswehr, dann hätte sich das Regieren doch schon gelohnt. So sieht es Gysi. Bartsch sieht es auch so.

Sahra Wagenknecht sieht es anders. Schon am Parteitagssamstag polemisierte sie, in zutreffender Erwartung der Gysi-Positionen vom kommenden Tag, über die „trübe Brühe“ der SPD, über terroristische Kriege Amerikas und die „ukrainischen Nazis“. Die Basis hat sie dafür gefeiert.

Nun hat Wagenknecht die Chance, in die vorderster Reihe zu rücken. Gysis Erbe soll geteilt werden. Künftig soll es zwei Fraktionschefs geben. Bartsch gilt als eindeutiger Favorit der Reformer. Wagenknecht wäre der geborene Widerpart. Verhindern kann sie ihren Aufstieg nur noch selbst. Genau dafür hat sie allerdings schon gründliche Vorarbeit geleistet. Sie hatte in einer persönlichen Erklärung ihre Fraktionskollegen darüber informiert, „dass ich nicht für die Funktion einer Fraktionsvorsitzenden kandidieren werde“. Sie hielt es für einen ungeheuren „strategischen Fehler“, dass die Fraktion im Bundestag zustimmte, als es um die Verlängerung des Hilfsprogramms an Griechenland ging. Damit nämlich unterstütze die Fraktion indirekt die „katastrophale Politik der Auflagen und Kürzungsdiktate“. Sie sei zur Erkenntnis gelangt, „dass ich politisch letztlich mehr bewege, wenn ich mich auf das konzentriere, was ich am besten kann“.

Inzwischen scheinen ihr neue Erkenntnisse zugeflogen sein, denn sie hat inzwischen verlauten lassen, dass sie neu nachdenke. Dazu hat sie bis kommenden Montag Zeit. Dann soll der geschäftsführende Fraktionsvorstand die Vorentscheidung treffen. Vorschlagsrecht hat die Parteispitze. Parteichef Bernd Riexinger hat gestern klargemacht, dass er das Duo Wagenknecht und Bartsch für die logische Lösung hält.

Dietmar Bartsch hat sich bislang auch noch nicht in Karte blicken lassen. Allerdings zweifelt in der Partei niemand daran, dass er den Posten gern übernehmen würde. Auch seine Gegner erkennen an, dass der in Stralsund geborene 57-Jährige die handwerkliche Seite des Jobs perfekt beherrschen würde. Als ehemaliger Bundesgeschäftsführer und Wahlkampfleiter hat er gelernt, wie Politik zu organisieren ist. 2012 hatte er bereits nach dem Parteivorsitz gegriffen, scheiterte damals aber am linkeren Bernd Riexinger.

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