Die Künstlerin Jule Waibel auf einem ihrer gefalteten Poufs. Foto: JW

Vom Geldbeutel bis zur Kunstinstallation: Jule Waibel, die Schwester von Cro, legt die Welt in Falten. Die Ergebnisse sind wunderschöner Luxus. Jetzt sind sie bei „Germany’s next Topmodel“ zu sehen.

Berlin - Mit der orangefarbenen Toyota-Nähmaschine ihrer Mutter fing es an. Jule Waibel muss vielleicht acht gewesen sein. Das Mädchen wollte Modedesignerin werden. Heute ist sie 32 Jahre alt, sie hat ihr neues Atelier in Berlin-Schöneweide hinter dem Treptower Park bezogen. Einen Raum auf Zeit hatte sie zuvor in Wedding – einen großen Raum mit weiß getünchten Backsteinwänden, ein paar Pandamasken und vielen, vielen Faltobjekten. Die Räume wurden von ihren Brüdern Carlo und Benno angemietet. Für die Kunst, die Musik, für einfach alles.

Carlo ist besser bekannt als Cro, der Rapper mit der Pandamaske, Benno ist sein Manager. Was für eine schrecklich kreative Familie! Jule Waibel faltet. Und zwar fast alles: Stoffe von Polyester bis Seide, Pappe, Leder, Plastik, Neopren, Lkw-Planen, Kork, auch mal Messing und dünnes Holz. „Ich möchte die Menschen inspirieren und zeigen, was man alles falten kann“, sagt Jule. Am Donnerstag, den 14. Februar sind ihre Kreationen in der Sendung „Germany’s next Topmodel“ mit Heidi Klum auf ProSieben zu sehen. 30 Mädchen tragen Waibels feine Faltkünste auf einem Laufsteg sehr weit oben auf einem schneebedeckten Berg. Und während Heidi Klum in einen sehr dicken pinkfarbenen Mantel gehüllt ist, tragen die angehenden Models Waibels zarte Faltwerke.

Im Hause Waibel wird gemalt, getöpfert, geschnitzt, gewerkelt, Linoleumschnitt gemacht, musiziert, gelesen

Aufgewachsen ist Jule Waibel mit zwei Brüdern und einer Schwester in der schwäbischen Provinz, in Böbingen im Ostalbkreis. Die Eltern sind beide Lehrer, der Großvater war Schulrat und Maler („Wir Kinder bewunderten ihn“). Im Hause Waibel wird gemalt, getöpfert, geschnitzt, gewerkelt, Linoleumschnitt gemacht, musiziert, gelesen. Es gab keine Scheu vor Techniken oder Materialien. Eine Kindheit wie in Bullerbü. Nach dem Abitur studierte Waibel Produktdesign in Schwäbisch Gmünd, den Master machte sie in London am Royal College of Art, an dem auch Designer und Künstler wie James Dyson (der mit dem Staubsauger), Tracey Emin (die mit dem ungemachten Bett) oder Philip Treacy (der mit den Hüten) ihren Abschluss machten.

Es ist in London, als sie dann abkam von der alten Regel: „Form follows function“, also erst kommt die Funktion, dann die Form. Ihr Mentor in London bestärkte sie, den Fokus mehr auf Ästhetik anstatt auf die Funktion zu setzen. Kurz vor ihrer Abschlussarbeit arbeitete Jule an einem Projekt mit dem Thema „Minimum und Maximum“ – und so kam Jule Waibel aufs Falten. Sie wollte eine gefaltete Vase machen, die durchs Befüllen größer wird und sich wieder zusammenzieht, wenn sie entleert wird. Sämtliche Materialien hat sie ausprobiert und gefaltet. Am Ende wurde es eine Faltform aus Holz, darüber Plastik gezogen, das zu einem dreidimensionalen Körper geformt wurde. Dieses dippte sie in Latex – es funktionierte.

Nach der Brexit-Entscheidung entschied sich Waibel für Berlin

„Dadurch wurde meine Neugier geweckt. Und ich war im Faltwahn“, erzählt Jule. Ihre Abschlussarbeit waren ein Papierkleid, ein Schirm und eine Tasche – alles gefaltet. Dann ging es schnell. Als Erstes kam der Auftrag der Modemarke Bershka: „5 dresses, 25 cities“. Mit einer Crew von acht Leuten faltete Jule Waibel in einer Woche in Barcelona Kleider, die in Städten wie Berlin, Tokio, London oder Moskau zu sehen waren. Der Anfang war gemacht, und so sind die ersten Kleider aus Stoff entstanden, indem sie auch die alte Technik des Plissierens einsetzte.

Sommer 2016: Nach der Brexit-Entscheidung entschied sich Waibel für Berlin. Nach ihrem ersten Auftrag ging es Schlag auf Schlag: Ihre Kleider wurden für Fotoshootings angefragt von Magazinen wie etwa „Dazed & Confused“ , bei dem selbst Supermodel Naomi Campbell ein Kleid von ihr trug. Es gab die erste Fashion Show bei der Londoner Design Week, Installation für Swarovski-Kristallwelten in Wattens, gefaltete Jeans für Mustang, Installationen für die Internationale Einrichtungsmesse IMM in Köln und die Design Week in Mailand. Einer ihrer größten Coups bis dato: ihre eigene Fashion Show für das Label Haute Cueture im Stuttgarter MercedesBenzMuseum. Jedes der 50 Models hatte sein eigenes Outfit. Die Musik machte ihr Bruder Carlo. Familienbande eben.

Selbst ihren Duschvorhang hat sie in Falten gelegt

Jule Waibels Repertoire ist vielfältig: Möbel, Kleidungsstücke, Interieurobjekte, Vasen, Teppiche, Installationen. Selbst ihren Duschvorhang hat sie in Falten gelegt. Nicht alles, was Waibel macht, muss auf den Markt kommen. Diese Freiheit kann sich Waibel nehmen, weil sie immer wieder Aufträge aus der Industrie hat. „Die Industrie hat Geld, ich habe die Ideen und das Handwerk“, so Waibel. Ihr erstes eigenes Verkaufsobjekt ist ein Geldbeutel – in Rosé, also wunderschönem Naturleder, und in Schwarz. Bestellbar und noch bezahlbar (ab 59 Euro). Auch Vasen, Hocker oder Kleider kann man sich von ihr anfertigen lassen. Waibels Faltobjekte sind natürlich Luxusprodukte: Alles ist Handarbeit, eine Maschine könnte nicht so genau arbeiten. Und es braucht viel Material. Bei all der Akkuratesse der Objekte verwundert es, dass Waibel von sich selbst sagt, dass sie wahnsinnig ungeduldig sei, „Sternzeichen Widder“. So brauchen ihre Produkte und Installationen vor allem sehr viel Zeit, Muße und Durchhaltevermögen. „Vielleicht ist Falten meine Meditation“, sagt Waibel. Ihre Kleider gehen mit der Bewegung des Körpers mit, die Faltungen ändern sich, werden mal dreidimensionaler, mal flacher. Sie sind wie Skulpturen am Körper und nicht unbedingt dafür geeignet, acht Stunden im Büro zu sitzen oder einen Familienausflug zu machen. Die Funktion ist bei ihr eher zweitrangig, Optik und Haptik sind wichtig.

Ein ganzes Theaterstück im gefalteten Universum

Wo hört Design auf, wo beginnt Kunst? Eine Frage, die Jule Waibel für sich stante pede beantworten kann: „Ich bin gelernter Designer, Künstler im Herzen.“ Als einen ihrer Helden nennt sie Oskar Schlemmer, einen der wichtigsten Bauhaus-Künstler. Jule Waibel hat noch viel vor, gedankliche Grenzen will sie sich keine setzen. Ein Projekt plant sie für die Bühne, sie möchte die Kostüme und das Bühnenbild gestalten, ein ganzes Theaterstück im gefalteten Universum. „Womöglich habe ich irgendwann genug vom Falten“, sagt Jule und fügt lachend hinzu: „Vielleicht aber erst, wenn ich selbst alt und faltig bin.“

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