Cro tritt im Wizemann vor 1300 Fans auf. Für den Rapper mit der Pandamaske ist das ein kleines Clubkonzert. Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky

Das digitale Leben ist zu kurz für schlechte Gedanken. Bei Cros Clubkonzert im Wizemann zeigt sich, dass auch er sich immer wieder neu erfinden muss. Zumindest ein bisschen. Eine Begegnung mit dem Mann mit der Pandamaske.

Stuttgart - April 2012. Es ist fast sechs Jahre her, dass ein dünner Kerl mit Pandamaske im Club Universum einen seiner ersten Auftritte in Stuttgart hatte. Es gab nur einen Hit im Internet: dieses super­easy „Easy“ mit dem Sample von „Sunny“ von Bobby Hebb. Die Älteren erinnern sich. Es gab noch kein Album, die erste Tour war schon im Vorfeld ausverkauft. Sein Markenzeichen heute wie damals: eine Pandamaske. Cro war und ist Phantom wie Phänomen.

Sechs Jahre sind in der Popzeitrechnung eine halbe Ewigkeit. In dieser Zeit hat sich der Pandabär mithilfe des Internets selbst erfunden. Und es war zugleich der Aufstieg des Stuttgarter Labels Chimperator. Das Clubkonzert am Donnerstagabend im Wizemann ist ein Heimspiel für den Rapper mit der Pandamaske, aber auch eine Standortbestimmung. Mit seinem dritten Album „tru“ – Kurzform für „true“ also „wahrhaftig“ oder „echt“ – wagt er sich an ernstere Töne. Vorbei die Gute-Laune-Zeiten. Auf „tru“ hadert Cro mit dem Ruhm, mit dem digitalen Zeitalter, mit der Präsenz in sozialen Netzwerken. Verrückt: gerade er, der ein Gewächs des Internets ist.

Wenn niemand fotografiert, trägt Cro keine Maske

„Auch ich werde irgendwann erwachsen. Ich wollte etwas mehr von mir erzählen. Früher habe ich ein bisschen an der Oberfläche gekratzt. Doch jetzt ist es noch schöner, noch weicher“, sagt Carlo Waibel, wie der 28-Jährige bürgerlich heißt, im Gespräch vor dem Konzert. Dass er mit „tru“ an einer Weggabelung angelangt ist, merkt man vor allem auch live. Sogar die Pandamaske wird geschwind unterm Mischpult gewechselt, das Bühnenbild ist futuristisch und zeigt zig Masken. Eine große in der Mitte wird immer wieder anders illuminiert. Die neuen Lieder sind eine Spur langsamer und haben häufig englische Versatzstücke. „Ich konnte nicht das dritte Raop-Album machen. Jetzt habe ich wieder Menschen zurückbekommen, bei denen ich weg war“, sagt Carlo und meint damit vielleicht die Kids, die dem Cro von früher entwachsen sind.

Für Menschen über 17 Jahren ist Cro eben der Rapper mit der Pandamakse. Für die Jüngeren ist er der Star. Drei Reporter der Stuttgarter Kinderzeitung dürfen Carlo vor dem Konzert interviewen, fragen nach seiner Maske, dürfen sie anfassen. „Die ist ein Unikat, mit dem 3-D-Drucker selbst gedruckt“, erzählt Waibel. Er hat etwas müde Augen, eine Kaffeetasse in der Hand. Wenn niemand fotografiert, trägt er keine Maske. Die Kinder und er unterhalten sich über Essen („Morgens sollte man essen. Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit.“), was das Wichtigste im Leben ist („Die Liebe“) und was er auf eine Insel mitnehmen würde („Musik, Mädchen und ein Boot“). Dann noch eine Runde Autogramme auf T-Shirts und natürlich Selfies. Wie das heute eben so ist.

Er war der Mann, der alle Klickrekorde brach

Cro war der erste deutsche Popkünstler, den das Internet hervorgebracht hat. „Ich war einer der ersten Deutschen des krassen Internetbooms. Davor gab es noch TV, noch CDs. Alles ist weg“, sagt Cro, für den Facebook zu Beginn einer der wichtigsten Kanäle war und der alle Klickrekorde brach. „Ich fülle Hallen im Akkord, jeden Abend ein Rekord“, sprechsingt er auf seinem aktuellen Album in dem Song „Kapitel 1“. Mit der Clubtour, die er gerade macht, geht es für Cro zurück zu den Wurzeln. „Ich wollte zurück in die kleinen Hallen. Es wurde immer größer, ich war nur noch in Arenen unterwegs und habe die letzten Menschen unterm Dach gar nicht mehr gesehen“, so Carlo , der nur noch die ganz großen Mehrzweckhallen der Republik gewohnt ist. Im November wird er wieder in der Schleyerhalle gastieren. Aber nur einen Abend. Noch vor ein paar Jahren waren es zwei.

Der Start seiner Popstarkarriere war einer im Zeitraffer. Er hatte die Hits, war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. „Ich würde nichts anders machen. Jeder Schritt von mir war perfekt bis hierhin. Mein Leben ist echt verrückt. Es war ein perfekter Lauf, wie in einem Super-Mario-Spiel, man hüpft über die Pflanzen drüber, wird nicht gefressen“, sagt Waibel. Das Erstaunliche, was ihm kaum einer zugetraut hätte: Er ist weiterhin weit oben. Er selbst hatte daran nie einen Zweifel: „Ich wurde immer besser. Als ich angefangen hatte, hatte ich einen Computer und eine Tastatur. Und immer, wenn etwas dazukam, habe ich viel geübt. Bässe, Gitarren, Schlagzeuge. Jetzt habe ich ein riesiges Haus randvoll mit Instrumenten.“ Das Haus mit Blick über über den Stuttgarter Kessel soll 17 Zimmer haben, so genau weiß das Carlo selbst nicht.

Cro gibt sich publikumsnah

Auf der Bühne im Wizemann wird er gefeiert, Zeile für Zeile singen die Fans mit, die neuen wie die alten Songs. Er kommt durch die Menge auf die Bühne, lässt sich später über die Köpfe auf eine kleine Bühne in der Mitte der Halle tragen. Er gibt sich ganz publikumsnah. Und passt immer auf, dass die Maske nicht verrutscht. Konzerte sind ein wichtiges Standbein für Musiker. Heute kaufen Hip-Hop-Fans keine CDs mehr, die jungen Menschen streamen ihre Lieblingslieder, und so entscheiden die ersten paar Sekunden eines Songs, ob er gefällt oder eben nicht. Das neue Album seines Chimperator-Kollegen Teesy wird beispielsweise anders als bisher veröffentlicht: Erst kommt eine Single, dann eine weitere und so weiter, gesammelt werden die Lieder in einer Playliste, und das Veröffentlichungsdatum wie auch die endgültige Songliste sind flexibel.

Dass im Internet nicht immer alles super ist, hört man den neuen Cro-Songs an. In dem artifiziellen Stück „Computiful“ – eine Wortschöpfung aus „Beautiful“ und „Computer“ – heißt es: „Ich hab auf Tinder keinen Bock, ich mach das Internet kaputt.“ Es gibt viel Medienkritik auf „tru“. Und das von Cro, der seinen Ruhm auch dem Internet verdankt? „Alles ist gut auf der Welt, aber alles mit Maß und Ziel. Es geht darum, die richtige Balance zu finden“, so Carlo.

Sein Set im Wizemann ist durchaus ausgeglichen. Es ist eine Mischung aus Alt und Neu, eine Soloshow wie auch Partyprogramm mit seiner Posse. Danju, Teesy, Middlez und die unglaublich talentierte Rapperin Ivy Sole feiern sich und das Leben, zitieren Songs von Justice, Dizzee Rascal und auch Rin. Ganz real auf der Bühne – und 1300 Smartphones leuchten auf.

  
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