Der Albtraum aller Betreiber von Fitnessstudios: Obst essen, aber Pizza schmecken. Foto: / Adobe Stock/Baibaz, Adobe Stock/Nataliya Arzamasova – Collage Lisa Hofmann

Obst essen und Pizza schmecken? Der Genuss der Zukunft ist digital – und manchmal schwebt er sogar. So leicht lassen sich unsere Geschmackssinne heute schon manipulieren.

Stuttgart - Es ist nicht nur das Salz in der Suppe, das unseren Geschmack beeinflusst. Die Nudeln vom Asia-Imbiss aus einer Styroporbox schmecken anders als die selbst gemachten zu Hause. Wer mit schneller, lauter Musik im Hintergrund isst oder die Pasta im Flugzeug bei trockener Luft und niedrigem Druck im Flugzeug, der schmeckt weniger. Wenn es um den Geschmack geht, sind alle unsere Sinne beteiligt – selbst das Regenwetter draußen bestimmt, ob wir noch nachsalzen oder einen Rest auf dem Teller lassen.

 

Eine Manipulation der Sinne

Ob Flugzeug oder Regenwetter kann man sich meistens nicht aussuchen. Doch wie wäre es, wenn wir unseren Geschmack gezielt beeinflussen könnten und damit unser Essverhalten? Wenn digitale Technologien unsere Geschmacksnerven und Sinne so manipulieren könnten, dass wir nicht mehr so viel Zucker oder Salz bräuchten und unser Speiseplan nachhaltiger und gesünder würde?

Noch zehn Jahre, schätzt der japanische Informatiker Takuji Narumi, dann könnte es so weit sein. Dann könnten wir bei einem Bissen Brokkoli im Mund das Gefühl haben, Schokolade zu essen. Oder ein Steak. „Unser Ziel ist es, den Geschmack zu manipulieren – aber nicht, indem wir das Essen verändern, sondern den Menschen.“

Wie das funktionieren könnte, testen Narumi und seine KollegInnen in der experimentellen Küche des Cyber Interface Lab an der Universität Tokio. Dort versuchen sie, ihren Probanden mit künstlichen Düften und VR-Brillen vorzugaukeln, dass sie etwas anderes essen als das, was sie sich in den Mund schieben.

Der „Meta-Cookie“ zum Beispiel ist ein Keks, der immer derselbe bleibt, aber fünf verschiedene Geschmacksrichtungen evoziert. Dafür projizieren die Forscher zum Beispiel ein Schokoladen-Bild auf den Keks und leiten künstliche Kakao-Aromen über Schläuche in die Nase der Probanden. Die haben dann das Gefühl, der Butterkeks wäre wirklich mit Schokolade überzogen.

Mehr Lebensqualität

Das klingt nach einem Spaßexperiment, könnte aber weitergedacht die Gesundheit und Lebensqualität vieler Menschen verbessern. Menschen mit Unverträglichkeiten zum Beispiel dürften sich über Virtual-Reality-Aromen freuen. Oder Menschen in Dürregebieten. Auch Diäten könnten durch die VR-Brille erleichtert werden: Wer weniger essen möchte, könnte in Zukunft die Größe eines Gerichts mit einer VR-Brille verändern – das Essen wirkt reichhaltiger, und man ist schneller satt. Andersherum könnten auch Menschen mit schlechtem Appetit von der Technologie profitieren.

Dass man Zucker und Salz vermeiden und trotzdem gut essen kann, hat auch Nimesha Ranasinghe, Dozent an der Universität von Maine und Direktor des Multisensory Interactive Media Lab, bewiesen – mit einem Paar Essstäbchen. Schon in den 70er Jahren hatte eine Studie gezeigt, dass Menschen, die ihre Geschmacksnerven verloren hatten, wieder salzige und saure Aromen wahrnehmen konnten, wenn ihre Zunge mit Drähten stimuliert wurde.

„Wir sind noch am Anfang“

Basierend auf dieser Idee servierte Ranasinghe seinen Probanden ungesalzenes Kartoffelpüree, das sie mit den Stäbchen essen sollten, an deren Spitze er Elektroden eingebaut hatte. Das Ergebnis: Das Essen schmeckte auch ohne Salz salzig – ebenso wie eine Miso-Suppe aus einer mit Elektroden präparierten Schüssel.

Bisher klappt das Stäbchenexperiment allerdings nur mit einfachen Gerichten: Die Zunge muss mit beiden eingebauten Elektroden in Kontakt kommen, bei Sushi zum Beispiel wäre das umständlich. „Wir sind noch am Anfang“, sagt Ranasinghe. „Es ist wie mit dem Fernsehen. In den 50er Jahren gab es auch nur ein Schwarz-Weiß-Bild. Aber wir sind auf dem Weg zum Smart TV, also zum virtuellen Geschmack.“

Bleibt das Problem mit der Konsistenz – ein Stück Schokolade fühlt sich im Mund eben doch anders an als ein Bissen Brokkoli. Und: Diese Geschmacksmanipulation ist abhängig vom Besteck oder Geschirr. Anders als bei „Star Wars: Episode II“, in der Anakin Skywalker seine Angebetete Amidala beeindrucken will, indem er ein Stück Birne schweben lässt.

Schwebendes Essen

Die Idee von schwerelosem Essen fasziniert Designer, Forscher und Köche schon länger: Starkoch Anthony Martin zum Beispiel serviert in seinem New Yorker Restaurant Morimoto seine Gerichte auf schwebenden Tellern. Ihm geht es um neue kulinarische Erlebnisse – genau wie einer Gruppe von ForscherInnen an der Universität Sussex.

Aber sie wollen mehr als nur das Essen zu einem Event machen – neue Systemlösungen für Geschmacksinterfaces sollen Essen gesünder und auch nachhaltiger machen, und zwar auf direktem Weg. Bisher sind solche Geschmacksmanipulationen auf externe Hilfsmittel wie die Elektroden in den Essstäbchen angewiesen: „Wenn die Leute eine Pipette oder Elektroden im Mund haben müssen, muss man sie erst einmal zum Essen motivieren“, sagt Marianna Obrist, Professorin für Multisensorische Erfahrungen an der Uni Sussex.

Ihr Lösungsansatz heißt „TastyFloats“, ein System, bei dem Ultraschallwellen kleine Essenshappen oder zum Beispiel einen Schluck Wein in der Luft halten und direkt in den Mund des Konsumenten transportieren. Die Herausforderung sei, das Schweben so zu kontrollieren, dass die Häppchen dabei stabil bleiben. Außerdem müssten die akustischen Wellen exakt an das jeweilige Essen oder Trinken angepasst sein. „Je nach Dichte und Form des Essens brauchen wir unterschiedliche akustische Energien. Alkohol zum Beispiel ist sehr empfindlich, er verdampft schneller.“

Intensiver Geschmack

Klar ist aber schon jetzt: Schwebendes Essen schmeckt intensiver – auch wenn es nur der Vier-Millimeter-Happen eines Burgers ist. Aber in drei bis fünf Jahren, glauben die Forscher, könnte die Idee als digitale Fortsetzung der Slow-Food-Idee marktreif werden: größere Happen, die aber nicht so schnell heruntergeschlungen werden können wie Fast Food heute.

Außerdem könnte man wegen des intensiver wahrgenommenen Geschmacks beispielsweise mit weniger Zucker und Salz auskommen – und sich somit gesünder ernähren. Und das schwebende Essen hat noch einen Vorteil, sagt Obrist: Gerade Kinder könnte man für Gerichte begeistern, die sie sonst nicht essen würden. „Wenn das verhasste Gemüse in ihren Mund schwebt, ist es plötzlich sehr spannend.“ Schon jetzt laden Obrist und ihr Team regelmäßig Schulklassen ins Labor, um sie mit der möglichen Zukunft vertraut zu machen.

Die Informatikerin hofft, dass man mittels digitaler Technologien bald auch andere multisensorische Erfahrungen so leicht erzeugen kann wie Bilder oder Geräusche – und diese auch im Netz teilen. Beim Geruch funktioniert das noch nicht so gut.

Eine digitale Bar

Den „Vocktail“ gibt es dagegen schon, den virtuellen Cocktail zum Verschicken. Nachdem Nimesha Ranasinghe von der Universität in Maine mit geschmacksverstärkenden Wasserflaschen und Strohhalmen experimentiert hatte, hat er jetzt ein mit dem Internet vernetztes Glas entworfen, mit dem man diese Vocktails verschicken kann – wobei man erst einmal den Geschmack nach Belieben variiert: Ist der Drink in der Bar zu sauer oder zu geschmacklos, fügt man ein paar Geruchsmoleküle hinzu und kann so den Säuregrad verändern oder einen Bananentwist in das Getränk zaubern.

„Das Glas kann man sich dabei vorstellen wie einen Drucker“, sagt Ranasinghe. „Man hat Papier und Tinte, und der Computer gibt den Druckbefehl. Hier hat man ein Glas, eine Bar mit einem Rezeptor und eine Mobile App, die den Geschmack anpasst.“ Das heißt: Ein Sensor erfasst unter anderem Farbe und pH-Wert des Getränks. Diese Faktoren sind wichtig, da Forscher herausgefunden haben, dass auch Farben unseren Geschmack beeinflussen können: Blau erinnert an Meer und kann den Geschmack salziger machen, Grün erinnert an Limetten und macht Aromen saurer.

Anschließend schickt der Sensor diese Informationen an den Simulator, der sie auf das reine Wasser in einem anderen Glas überschreibt. Die Informationen werden unter anderem mit LED-Dioden erzeugt, dazu wird die Zunge elektrisch stimuliert. Den Geschmack seiner maßgeschneiderten Limo kann man dann per App an Freunde schicken, „Probier mal meinen Drink“, könnte dann auf dem Display stehen, und beim Empfänger: „Flavour received“. Alles angekommen, danke.

Virtueller Geruch

Auch in Sachen Geruch haben die Forscher ähnliche Visionen. Es geht um Virtual-Reality-Filme, in denen man den Schießpulverdampf aus einer Kriegsschlacht riecht. Es geht um Online-Dating-Seiten, auf denen die Profile parfümiert sind. Noch sind die meisten Arbeiten nicht marktreif.

Immerhin: Das Unternehmen Nikkei Technology zum Beispiel hat in Zusammenarbeit mit der Universität Tokio die „Electric flavoring fork“ entwickelt, eine Gabel mit integrierten Elektroden, der es allerdings noch an der nötigen Alltagstauglichkeit fehlt: Die Batterien halten nur sechs Stunden und die Gabel ist nicht wasserdicht.

Das japanische Start-up Scentee kooperiert derweil mit Wissenschaftlern, um am weltweit ersten Smartphone zu arbeiten, das tatsächlich Gerüche erzeugen kann. Dann könnte einem in Zukunft beim Weckerklingeln der Duft von frisch gebrühtem Kaffee in die Nase steigen oder der User erkennt bei eingehenden Nachrichten schon am Geruch, von wem sie kommen.

Geruch und Emotionen sind miteinander verknüpft

Der Geruch ist für die Wissenschaftler nicht nur deshalb besonders interessant, weil er direkt mit dem Geschmack zusammenhängt, sondern auch, weil er der einzige Sinn ist, der eine direkte Verbindung zum limbischen System hat, also zu dem Bereich des Gehirns, der Erinnerungen und Emotionen verarbeitet.

Deshalb arbeiten die Forscher verstärkt an Technologien, die Geruch und Erinnerung miteinander verbinden. Nimesha Ranasinghe träumt davon, bald nicht nur sein Essen virtuell versüßen zu können, sondern auch Erinnerungen zu manipulieren, indem er schlechte Erinnerungen durch gute austauscht.

Bis es so weit ist, dürften allerdings noch mehr als fünf Jahre vergehen.