Kölner Bosse mit VfB-Vergangenheit: Alexander Wehrle (links) und Armin Veh Foto: dpa

Armin Veh und Alexander Wehrle sind Führungskräfte beim 1. FC Köln. Vor dem Duell gegen den VfB Stuttgart sprachen wir mit den ehemaligen VfB-Mitarbeitern über den drohenden Abstieg, Simon Terodde und die anstehende Partie.

Stuttgart - Über ihren Ex-Klub sind sie voll des Lobes, mit ihrem jetzigen Verein kämpfen sie gegen den Absturz aus der Bundesliga: Armin Veh und Alexander Wehrle. Kölns Bosse mit VfB-Vergangenheit zum Sonntags-Knüller mit richtungsweisendem Charakter – für den 1. FC Köln und für den VfB Stuttgart. Die beiden sind sicher: „Der VfB hat mit dem Abstieg nichts mehr zu tun.“

Meine Herren, weckt das Duell gegen den VfB Stuttgart spezielle Emotionen?
Wehrle: Beim VfB begann meine berufliche Laufbahn. Diese Spiele sind für mich was Besonderes. Das wird immer so bleiben.
Veh: Ich habe ja schon einige Stationen im Fußball erlebt, da sieht man das gelassener. Der VfB bleibt für mich ein besonderer Club, aber die Begegnung ist ein ganz normales Bundesligaspiel.
Herr Veh, Sie kennen den VfB, erleben jetzt den 1. FC Köln. Gibt es Gemeinsamkeiten?
Veh: Beide Vereine sind Traditionsclubs. Und das spürt man auch. Da steckt eine ungeheure Energie drin. Die Unterschiede liegen am ehesten in der Mentalität der Menschen. Ich habe als bayerischer Schwabe den Kölner Rosenmontagszug in Köln mitgemacht, das war beeindruckend. Die Leute hier leben das wirklich.
Nach dem 2:1-Erfolg bei RB Leipzig keimt in Köln weiter die Hoffnung.

Veh: Gegen Ende der ersten Halbzeit war zu spüren, dass die Leipziger das vielleicht ein wenig zu leicht nehmen. Dann haben wir uns gesagt: Wenn wir schon hier sind, können wir auch noch ein bisschen Fußball spielen. Das haben wir dann gut gemacht. Wehrle: Der Sieg war verdient, weil wir in der zweiten Hälfte zurückgekommen sind.

Kann es der 1. FC Köln noch packen?
Veh: Ich hätte mir in der Rückrunde schon den einen oder anderen Punkt zusätzlich gewünscht.

Nie den Glauben verloren

Der 1. FC Köln ist Fünfter der Rückrundentabelle, der VfB Stuttgart auf Rang vier.
Veh: Was für unsere Mannschaft spricht ist, dass sie nach den katastrophalen Hinrunde in der Winterpause nicht einmal im Ansatz den Glauben verloren hat, dass sie es noch schaffen kann. Der Wille ist enorm, der Umgang untereinander gut.
Keiner, der das sinkende Schiff schnell noch verlassen wollte?
Veh: Es ist kein einziger gekommen, der wechseln wollte. In den Gesprächen hatte ich das Gefühl: Die Spieler sind gern beim FC, der Club ist für sie was Besonderes. Und sie fühlen sich wohl in dieser Stadt.
In beiden Clubs wurde der Trainer gewechselt. Was hat es in Köln bewirkt?
Wehrle: Wichtig war zunächst mal, dass etliche verletzte Spieler wieder zurückgekommen sind: Jonas Hector, Marco Höger, Marcel Risse. . . Veh: . . . und dass es keine neuen Verletzten gab. Die Mannschaft hat jetzt wieder den Fitnessstand, der notwendig ist.
Sie haben die mangelnde Fitness kurz nach Ihrem Amtsantritt bemängelt.
Veh: Als Stefan Ruthenbeck als Trainer übernommen hat, hatten wir 13 verletzte Spieler. Das war wahrscheinlich kein Zufall.

Viele kleine Fehler gemacht

Was ist falsch gelaufen unter Trainer Peter Stöger?
Veh: Das kann ich nicht zu 100 Prozent analysieren. Am Ende waren es mit Sicherheit viele kleine Fehler, die sich summiert haben.
Wehrle: Es gibt sicher viele Kleinigkeiten, die man schwer beziffern kann und es gibt einige Gründe, die offensichtlich sind. Wir haben den Abgang unseres Torjägers Anthony Modeste, der nicht zu verhindern war, nicht wie erhofft kompensieren können. Zum Start in die Saison war die Mannschaft aufgrund des überraschenden Erfolgs mit Platz fünf den entscheidenden Tick weniger hungrig und griffig – und stand sehr schnell tief unten drin, als die Doppelbelastung mit der Europa League begann. Dann wurde die Liste der verletzten Spieler immer länger – und mit dem Videobeweis hatten wir ein paar Mal auch kein Glück. Aber egal wie: Drei Punkte nach 16 Spielen, das wird es in der Bundesliga so schnell nicht mehr geben.
Veh: Ich habe immer gesagt, wenn man am 17. Spieltag seine Punktzahl verdoppeln kann, dann braucht es ein kleines Wunder, um die Klasse zu halten. Aber klar ist: Die Mannschaft ist nicht aufgestellt wie ein Tabellen-Achtzehnter. Es ist alles so eng beieinander, mit dieser Mannschaft könnte man auch wesentlich besser stehen.
Was schließen Sie daraus?
Veh: Dass die Liga nicht mehr die Stärke hat, die sie noch vor Jahren auszeichnete. Da gab es ein paar Spitzenteams, in diese Phalanx konnte mal eine Überraschungsmannschaft einbrechen. Heute kann ja jeder jeden schlagen – mit Ausnahme der Bayern.
Ist das für den Kampf gegen den Abstieg eher Vor- oder Nachteil?
Veh: Weiß ich nicht. Ich sage den Jungs immer: seid ein bisschen lockerer, Neunzehnter könnt ihr nicht mehr werden (lacht). Aber ganz im Ernst: Wir versuchen hier alles, um den Abstieg doch noch zu vermeiden. Das spürt man auch als Außenstehender. Und deshalb haben wir hier vielleicht auch eine andere Stimmung als anderswo in vergleichbarer Situation.
Wehrle: Im Herbst gab es schon auch Unruhe. Bei drei Punkten ist das aber verständlich. Wir haben allerdings in den vergangenen vier Jahren mit den Fans intensiv den Dialog gepflegt, nicht nur mit den Ultras, auch mit allen anderen Fan-Gruppierungen. Da gibt es einen engen Austausch, auch wenn man sich nicht immer einig ist. Außerdem ist es so, wie Armin sagt: Die Mannschaft gibt alles. Das wird honoriert.
b>Über den möglichen Abstieg des 1. FC Köln
Es gab Zeiten, da waren sich Teile der Fangemeinde und die Vereinsführung nicht grün.
Wehrle: Nach dem Abstieg 2012 waren Verein und Fans, aber auch die Fan-Gruppierungen in sich tief gespalten. Dann hat Werner Spinner als Präsident übernommen und es sich zur Aufgabe gemacht, den Verein zu vereinen, es gab viel Dialog, viel Kommunikation, es wuchs das gegenseitige Verständnis. Trotzdem haben wir natürlich noch immer unsere Themen mit verschiedenen Fan-Gruppierungen.
Eintracht Frankfurt will keine AfD-Mitglieder im Verein.
Wehrle: Unsere Satzung regelt, dass wir als Verein politisch neutral sind. Was aber nicht heißt, dass wir gegen extremistische Tendenzen gemäß unserer Vereins-Charta nicht auch klar Stellung beziehen. Das haben wir in der Vergangenheit immer wieder getan.
Veh: Die AfD sitzt demokratisch legitimiert im Bundestag, gewählt von Teilen des Volkes. Da wir politisch neutral sind, werden wir auf unserem Anmeldeformular auch künftig nicht die politische Gesinnung abfragen.
Wie lange hält noch die 50+1-Regel?
Wehrle: Sie ist Realität. Zurzeit sind unsere Ein- und Ausgabenströme stabil, das ist ein gesundes Fundament, wir sind wettbewerbsfähig. Wir könnten rein theoretisch 25 Prozent der Anteile an der der 1. FC Köln KGaA verkaufen und damit in unserer Wirtschaftskraft die nächste Stufe erreichen. Aber welcher Investor würde zu uns passen und Mehrwert garantieren? Klar ist, dass wir keine Anteile verkaufen würden, um kurzfristige Effekte zu erzielen, die nicht nachhaltig sind, also beispielsweise Transfers. Es ginge immer um strategische Projekte, bei denen wir auch unsere Mitglieder mitnehmen würden.
Veh: Man muss die 50+1-Regel vernünftig reformieren. Die Realität verlangt von uns, dass wir professionell arbeiten und konkurrenzfähig sind. Was nützt uns die Tradition, wenn wir irgendwann in der vierten oder fünften Liga sind?

Dicke Budgets, dünne Leistung

Überzeugt Sie die Argumentation: Weniger Geld bedeutet weniger internationale Konkurrenzfähigkeit?
Veh: Im Hinblick auf die absoluten Spitzenteams schon. Die Bayern müssen aufpassen, dass sie nicht von Manchester City oder Paris Saint-Germain abgehängt werden. Wenn ich auf die anderen Bundesliga-Teams mit hohen Budgets schaue, dann eher nicht. Denn die haben immer noch mehr Geld als schwedische, dänische oder serbische Clubs – gegen die sie sich in der Europa League nicht durchsetzen konnten. Das wird dann aber in der Diskussion verschwiegen.
Was bedeutet: In diesen Clubs wird nicht gut genug gearbeitet.
Veh: Ich stecke in diesen Vereinen aber nicht drin. Ich meine allerdings, das hohe Budget müsste sich im internationalen Wettbewerb deutlicher abbilden.
Wehrle: So weit will ich erst gar nicht gehen: Die Bundesliga ist für Clubs wie den 1. FC Köln Brot und Butter. Es darf doch nicht sein, dass der FC Bayern die nächsten hundert Jahre deutscher Meister wird.
Die Bayern haben ihr Geld nicht geklaut.
Wehrle: Kein Vorwurf, sie haben sich das erarbeitet. Vielleicht müssen wir in der Bundesliga deshalb offen die Frage diskutieren, ob die gut ausgestatteten Clubs andere Wege und Strategien wählen müssen, um wieder wettbewerbsfähiger zu werden.
Veh: Ich hoffe, die Konkurrenz wird es den Bayern in Zukunft auch mal wieder richtig schwer machen.
Was würde ein Abstieg für den 1. FC Köln bedeuten?
Wehrle: Es wäre so ähnlich wie 2016 beim VfB Stuttgart. Wir hätten ein Umsatzminus von rund 50 Millionen Euro. Aber anders als beim Abstieg 2012 haben wir ein positives Eigenkapital und genügend Liquidität. Wenn wir runtergehen sollten, sind wir auf jeden Fall wettbewerbsfähig und können den sofortigen Wiederaufstieg anpeilen.

Terodde, die Tormaschine

Veh: Er wird noch viele Tore für uns schießen. Ich habe nie verstanden, dass seine Erstligatauglichkeit infrage gestellt wurde. Mir war schnell klar, dass wir genau so einen Stürmertyp brauchen. Er kann vorne die Bälle halten und garantiert eine ordentliche Trefferquote.
Waren Sie nie skeptisch, weil es beim VfB für ihn nicht mehr lief?
Veh: Das habe ich mich nie gefragt. Ich kenne ihn schon aus der Zeit, als er noch bei Union Berlin war. Ich war schon immer von ihm überzeugt, im Übrigen genauso wie von Daniel Ginczek.
Am Sonntag stehen die beiden wohl als Gegner auf dem Platz.
Veh: Wenn Simons Erkältung nicht schlimmer wird. Und dazu kommt Mario Gomez. Mit ihm als jungem Spieler hatten wir damals eine sehr erfolgreiche Zeit – das war sein Durchbruch.
Wie schätzen Sie die Situation in Stuttgart ein?
Veh: Ich habe mich sehr über den Wiederaufstieg gefreut. Der VfB gehört genauso in die Bundesliga wie der 1. FC Köln. Der VfB wird mit dem Abstieg nichts mehr zu tun haben. Tayfun Korkut hat mit dem Team aus vier Spielen zehn Punkte geholt. Wenn er so weitermacht, ist er am Ende ganz oben (lacht). Diesen Punkteschnitt wird er natürlich nicht halten können. Trotzdem: Hut ab, der VfB hat alles richtig gemacht.
Wehrle: Der VfB ist durch, er braucht höchstens noch sechs Punkte aus zehn Spielen. Die wird er holen. Aber bitte erst nach dem Spiel bei uns.
Veh: Ich würde mich freuen, wenn es am Sonntag ein richtiges gutes Spiel wird. Da dürfen ruhig ein paar Tore fallen. Der VfB hat jetzt dreißig Punkte, er kommt als selbstbewusste Mannschaft, da darf er gern ein bisschen offensiver agieren.

Zur Person

Armin Veh wird am 1. Februar 1961 in Augsburg geboren.

Veh absolvierte 65 Bundesliga-Spiele für Borussia Mönchengladbach und stand mit dem Club 1980 im Uefa-Cup-Finale, zudem spielte er 60-mal in Liga zwei für Bayreuth und Augsburg. Als Trainer arbeitete Veh neben anderen beim SSV Reutlingen, VfL Wolfsburg, Hamburger SV, Eintracht Frankfurt und VfB Stuttgart. Sein größter Erfolg war der Titel mit dem VfB 2007.

Seit dem 11. Dezember 2017 ist er Geschäftsführer Sport beim 1. FC Köln. Er ist verheiratet, zwei Söhne.

Alexander Wehrle wird am 11. Februar 1975 in Bietigheim-Bissingen geboren.

Nach dem Studium (in Konstanz und Limerick) und dem Abschluss als Diplom-Verwaltungswissenschaftler ist er zehn Jahre lang als Referent des Vorstands um Präsident Erwin Staudt beim VfB Stuttgart tätig.

Am 17. Januar 2013 wechselt er als Geschäftsführer zum damaligen Zweitligisten 1. FC Köln, für dessen wirtschaftliche Konsolidierung er steht.

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