Erfolgreicher Zusammenhalt beim VfB: Christian Gentner, Erik Thommy, Daniel Ginczek, Mario Gomez (v.li.) Foto: Baumann

Acht Deutsche in der Startelf, ein Großteil davon vor der Haustüre groß geworden. Die aktuelle VfB-Mannschaft bietet Identifikation pur. Doch der Funke will noch nicht so richtig zünden.

Stuttgart - Der VfB Stuttgart ist die Mannschaft der Stunde in der Fußball-Bundesliga. Drei Siege in Folge bedeuten Platz vier in der Rückrunden-Tabelle. Seit Tayfun Korkut das Zepter schwingt, können alle, die den Brustring im Herzen tragen, dem montäglichen Kantinenplausch wieder selbstbewusster entgegensehen.

In einem anderen Ranking steht der VfB aktuell ebenso weit vorne. In dem der eingesetzten Eigengewächse. Laut Uefa-Reglement handelt es sich dabei um einen selbst ausgebildeten Spieler, der mindestens drei Spielzeiten bei seinem aktuellen Club registriert war. Dritter war der VfB in dieser Tabelle mit 4150 Einsatzminuten nach Ablauf der Hinrunde. Nur Schalke 04 und der SC Freiburg setzten stärker auf die eigene Jugend. Durch die Rückkehr von Mario Gomez hat der VfB weiter zu dem Spitzenduo aufgeschlossen.

Man spricht Schwäbisch

Die Häufigkeit der eingesetzten Eigengewächse ist das eine – der Nationalitäten-Mix das andere. Beim 1:0 gegen Eintracht Frankfurt standen acht Deutsche in der Stuttgarter Startformation. Nur der SC Freiburg hatte mit neun Spielern noch mehr Schwarz-Rot-Gold auf dem Platz.

Man spricht Deutsch beim VfB. Man spricht sogar Schwäbisch. Neben Ron-Robert Zieler und Daniel Ginczek umfasste die Startelf in Christian Gentner, Mario Gomez und Timo Baumgartl drei waschechte Vertreter aus dem Stamm der Schaffer. Erik Thommy, geboren in Ulm und knapp hinter der Landesgrenze groß geworden, würde genauso den Einbürgerungstest bestehen wie Holger Badstuber, der Memminger. Andreas Beck wuchs auf der Ostalb auf. Nicht zu vergessen Tayfun Korkut, der Deutsch-Türke von den Fildern. „Bruddeln ist ein Teil von mir“, legt der Coach den schwäbischen Teil seiner Seele offen.

Eigentlich eine Mannschaft zum Verlieben. Schwäbisch und erfolgreich. Wünscht sich nicht jeder Fan Spieler, die nicht nur mit dem fußballerischen Einmaleins, sondern auch mit den Befindlichkeiten ihrer Region vertraut sind? So weit die Theorie. In der Praxis will der Funke aber noch nicht so recht auf den Anhang überspringen. Zu tief sind die Gräben, welche die jüngsten Turbulenzen mit der Trainerentlassung gerissen haben.

Die Zeiten haben sich geändert

Die Bindung zwischen Anhängern und Mannschaft war auf jeden Fall schon größer – zu Zeiten der „Jungen Wilden“ um An­dreas Hinkel, Kevin Kuranyi und später Mario Gomez sowieso, aber auch in der Aufstiegssaison. Als unter Jan Schindelmeiser und Hannes Wolf eher Multi-Kulti regierte. Was eines zeigt: Im Zweifel ist dem Fan das Hemd näher als die Hose. Ihm ist zweitrangig, ob jemand aus Timbuktu oder Trochtelfingen den Brustring trägt. Oder wie VfB-Marketingvorstand Jochen Röttgermann sagt: „Vor allem bei der jüngeren Zielgruppe wird ein bodenständiger, aufopferungsvoll kämpfender Typ wie Santiago Ascacibar genauso gefeiert wie zum Beispiel Timo Baumgartl.“

Die Zeiten haben sich geändert. Lange ist es her, als Energie Cottbus mit dem Einsatz von elf Ausländern für einen Aufschrei sorgte. Oder der VfB seine Bruddler mit einer Reihe mäßig begabter Balkan-Kicker zur Hochform trieb. Das war Ende der 90er Jahre, Söldnertruppe ein geflügelter Begriff. Heute schließen auch die Fans von Eintracht Frankfurt ihr auf Tabellenplatz vier stehendes Team ins Herz, obwohl darin nur zwei Deutsche spielen. Es erweckt vielmehr den Anschein, als ob Spieler aus dem eigenen Stall umso kritischer gesehen würden. Dazu genügt es, sich während eines VfB-Heimspiels die Haupttribünen-Kommentare in Richtung von Christian Gentner oder Andreas Beck anzuhören.

Sportlicher Erfolg steht über allem

„Letztlich ist in erster Linie der sportliche Erfolg von Bedeutung,“ sagt Röttgermann. Der Marketingexperte ergänzt: „Natürlich ist es aber immer auch schön, wenn Spieler aus der Region und vor allem aus unserem eigenen Nachwuchsleistungszentrum auf dem Platz stehen.“ Schließlich geht es jedem Club immer auch um die Entwicklung des deutschen Fußballs. Bayern München ist das beste Beispiel. Traditionell bindet der Branchenprimus die besten Spieler aus heimischen Landen an sich. Um als führender deutscher Club wahrgenommen zu werden: sportlich und als Marke.

Rein sportlich lässt sich beim VfB die Rückkehr zu den Eigengewächsen nur schwerlich als Strategie deuten. Ex-Sportvorstand Jan Schindelmeiser wollte eine neue Generation junger Brustring-Helden aufbauen und die Zeit mit entwicklungsfähigen Spielern aus aller Herren Länder überbrücken. Nachfolger Michael Reschke setzt im Kampf gegen den Abstieg auf Erfahrung. Beck, Gomez oder auch Dennis Aogo dienen als Soforthilfe. Geschult im harten Existenzkampf und deutschsprachig obendrein. Die gemeinsame VfB-Vergangenheit? Eher eine glückliche Fügung.

Auch Reschke würde die Nachfolger von Gentner, Gomez und Co. am liebsten gerne aus dem eigenen Stall heranzüchten. Im Zweifel gilt aber auch für ihn: Der sportliche Erfolg steht über allem.

VfB Stuttgart - Bundesliga

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