Schön rustikal: Handgefertigte Bürsten aus Schweden von Iris Hantverk Foto: Hersteller

Wer Nachhaltigkeit predigt, schmückt sich gerne mit Handgemachtem. Der Trend hat auch die wichtigste Messe für Konsumgüter, die Ambiente in Frankfurt, voll erfasst. Ökologie mit Stil, Design, das die Welt rettet – wie geht das?

Frankfurt am Main - Wer im Duden bei „Werkstatt“ nachschlägt, findet als typische Wort-Verbindungen unter anderem „hauseigen“ und „anerkannt“. Aber auch „klein“. Sie alle zeigen ganz gut, weshalb die CDU kürzlich nicht einfach in Klausur ging. Klausur bezeichnet den abgeschlossenen Teil eines Klosters, und „clausura“, Verschluss, das hat etwas Elitäres. Man traf sich stattdessen zu einem „Werkstattgespräch“. Thema: Migrationspolitik.

 

Zwar löst Werkstatt die Assoziation zu „Wo gehobelt wird, da fallen Späne“ aus, was an weniger geistvolle als grobmotorische Bearbeitung eines schwierigen Sujets denken lässt. Dennoch ist das Wort mit Bedacht gewählt. Eine Werkstatt ist überschaubar, die Abläufe sind verständlich, in einer Werkstatt wird „geschafft“, voller Tatkraft, zumindest wird repariert, wiedergutgemacht.

Und immer an die Enkel denken

Die Begrifflichkeit wendet sich an jene, die beim letzten Wahlgang womöglich eine einfacher gestrickte, volkstümelnder sich gerierende Partei bevorzugt haben. Zugleich ist alles, was selbst hergestellt, echt, werkstattmäßig angeschmutzt daherkommt, bei jenen beliebt, die sich in Nachhaltigkeit und ökologischem Bewusstsein üben. Da trifft sich im Werben um Kunden die Politik mit der Wirtschaft, zu sehen am selben Wochenende auf der „Weltleitmesse für Konsumgüter“, der Ambiente in Frankfurt am Main.

Wer in einer Welt lebt, die als konsumgesättigt gilt, war da zu erfahren, tut sich mit dem Verkaufen neuen eventuell unnützen Krimskramses schwer. Vor einigermaßen ratlos dreinblickenden Ladenbesitzern, Einkäufern, Verkäufern dastehend, erklärte Roxana Noll vom Zukunftsinstitut in Frankfurt, wie Produkte dennoch an den Mann und an die Frau gebracht werden. Kurz gefasst: Wenn ich schon etwas kaufe, dann will ich zumindest der Welt damit nicht schaden, am liebsten sogar etwas Gutes tun. Und mir etwas anschaffen, das ich meinen Enkeln vererben will. Neben Recyceltem und Zeug aus nachwachsenden Materialien verkauft sich vor allem alles Handgemachte aus kleinen Werkstätten.

Leider nur Drei minus

Seltsamerweise ist in jenen Hallen deutlich weniger Auftrieb, in denen Aussteller aus Ländern ihre Waren feilbieten, die „selbst gemacht“ nicht eigens als etwas Besonderes anpreisen. Hausschuhe aus der Mongolei etwa, Kissen aus Äthiopien und Schalen aus Uganda. Doch da, wo alles instagramtauglich und mit ein bisschen Industrieschick, Messing, Grünpflanzen und Samtsofas dekoriert ist, tummeln sich die Kauflustigen, zücken junge, internetaffine Designfans ihre Smartphonekameras.

Am Stand von Serax aus Dänemark etwa bei schief und schepp geformten Vasen, scheinbar nachlässig ungerade lackierten Töpfchen und Schälchen. All das kommt derart selbst geklöppelt daher, dass man sich fest vornimmt, die getöpferten Kistchen, für die man im Werkunterricht eine Drei minus erhielt, aus der Box voller Jugendsentimentalitäten herauszukramen.

„Wir stricken“

„It’s handmade! All handmade!“ Es ist alles handgemacht!, schreit einen eine vom Erfolgsdruck möglicherweise hysterisch gewordene Dame an einem Stand für japanische Erzeugnisse an. „Wir stricken!“, ruft zwei Gänge weiter ein junger Berliner Modedesigner namens Konstantin Laschkow. Er firmiert unter der englischsprachigen Homepage thecasestudies.com und entwirft neben Kleidern Kissen und Decken zum Einkuscheln auf dem Sofa. Mit Strickmaschinen hergestellt werden sie – Aufträge seien auf der Messe genügend eingegangen – in einem Familienbetrieb im Schwäbischen.

„Wir machen Wiener Zeitungshalter“, verkündet ein junger Mann mit charmierenden Marktschreierqualitäten. Thomas Poganitsch heißt er, und er glaubt offenbar fest an analog dargebrachte Neuigkeiten. Zumindest will er Kaffeehäuser und andere Institutionen mit den traditionellen Korbgeflechten am Stiel versorgen, an die Zeitungen und Zeitschriften geheftet werden können. Mit leuchtenden Augen berichtet er, wie er von einer traditionell arbeitenden „Korbflechterfamilie alte Schablonen und das Know-how“ übernommen habe.

Unkorrekte Lust auf Industrielles

Schön, das alles. Mit welch heiligem Ernst die Dinge aus Manufakturen und Werkstätten angepriesen werden, zerrt dann aber doch etwas an den Nerven. Man fühlt die Absicht, und man ist verstimmt. Es überkommt einen eine politisch unkorrekte Lust auf schlicht industriell Produziertes. So reizend und nachhaltig die geklöppelten, geschmiedeten, gesägten und geschraubten Sachen sind, seligmachend sind die nicht. Wirklich nachhaltig wäre wohl eher ein Gang über den Flohmarkt, wo es jede Menge ausrangierter Kerzenständer, Vasen, Tassen, Töpfe, Schalen gibt.

Was die naive und bisweilen bräsige Handwerksheldenverehrung betrifft, war man jedenfalls schon mal weiter und nahm’s mit Humor. Nachzulesen in Thomas Bernhards „Alte Meister“ aus dem Jahr 1985, wo die Handwerksphilosophiererei Martin Heideggers hopsgenommen wird – herrlich misslaunige Gedanken über den Philosophen, wie der auf der Hausbank seines Schwarzwaldhauses sitzt: „Neben sich seine Frau, die ihn zeitlebens total beherrscht und die ihm alle Strümpfe gestrickt und alle Hauben gehäkelt hat.“ Ein Bild, das in diesen Tagen wieder schwer in Mode gekommen ist.