Adel verpflichtet heute zu nichts mehr. Außer man lässt sich darauf ein, das Weingut der Familie zu betreiben und Burg Schaubeck zu erhalten. Doch Felix Graf Adelmann macht so viel mehr als das. Wer ist er wirklich?
Kleinbottwar - Eigentlich, sagt Felix Adelmann gleich zur Begrüßung, sei er doch kein Würden-, sondern ein Bürdenträger. Der Adelstitel. Die Klischees. Die Burg Schaubeck, aus der der Graf zum Empfang des Gastes herabsteigt. Felix Maximilian Raban August Graf Adelmann von Adelmannsfelden spielt ein bisschen mit dem Bild von der Last, die blaues Blut, ein mehr als 700 Jahre altes Schloss, das von ihm geleitete Weingut und nicht zuletzt sein Lebensstil ihm aufbürden. Aber er ist eben auch der Graf Adelmann, und der hat etwas darzustellen. Nur was?
Für die Suche nach einer Antwort lädt der 38-Jährige in den dritten Stock seines Anwesens an den ausladenden hölzernen Speisetisch. Hier halte er sich nur höchst selten auf, betont er. Die bei Kleinbottwar gelegene Burg Schaubeck hat zwar drei Geschosse à 300 Quadratmeter, den Dachboden und den ebenerdigen Bereich nicht mitgerechnet. Dauerhaft halte er es aber nur in der Küche aus und im Büro sei er natürlich auf häufig. Weil man jetzt aber eben im historischen Speisesaal sitzt, mit sehr alten und sehr massiven Kommoden und Schränken und Blick auf den symmetrischen Renaissancegarten, beginnt die Suche nach der Identität des Grafen in der Vergangenheit.
Das Geschlecht der Adelmann von Adelmannsfelden stammt aus dem Raum Ellwangen, wie unter anderem auf Wikipedia nachzulesen ist. Felix Adelmann macht keinen Hehl daraus, dass er sich selbst shcon ebendort informiert hat, wenn ihm mal ein Detail aus mehr als 900 Jahren dokumentierter Familiengeschichte fehlte. Einerseits mache er sich nicht so viel wie manch andere aus der adligen Tradition, weil es „bescheuert ist, sich was auf etwas einzubilden, das man irgendwann mal hatte“. Andererseits seien die Adelmannsfelden „allesamt entspannte Vertreter der Adelszunft, dem Leben zugewandt, viele Genießer“. Oder, wie die Imagebroschüre zusammenfasst: „Glücksspiel und schöne Frauen, Pioniergeist und Wertebewusstsein, nah an der Weltpolitik und nah an schwäbischer Sparsamkeit.“ Man tut Felix Adelmann sicherlich nicht Unrecht, wenn man ihn in dieser Linie verortet.
Wie viel ist so eine Burg schon wert?
Familie Adelmann residiert erst seit 1914 auf Burg Schaubeck. Damals starb der Lebemann, Eigentümer und Königlich Württembergische Oberzeremonienmeister Felix Brusselle kinderlos. Seine Schwester Sophie, seit 1877 mit Heinrich Adelmann verheiratet, beerbte ihn. „Freundliche Übernahme“, kommentiert Felix Adelmann den Einzug seiner Vorfahren in Burg Schaubeck. Seither hängt das Adelmann’sche Wappen, ein blauer Löwe, im steinernen Treppenhaus ganz oben. Schreitet man die Wendeltreppe Richtung Erdgeschoss hinab, folgen chronologisch aufgereiht neben dem Signets der Familie Brusselle noch einige weitere Embleme jener Adelsgeschlechter, denen Burg Schaubeck im Lauf der Jahrhunderte gehörte. Wer dazu mehr wissen will, den verweist der Graf wiederum auf Wikipedia.
Fühlt er sich wohl auf der Burg? Als Kind sehr, die ersten elf Jahre seines Lebens hat er hier verbracht. Aus seinen Schul-, Studien- und Wanderjahren kam er vor acht Jahren zurück. „Hier wurden schon so viele wilde Partys gefeiert“, sagt Felix Adelmann, „dieses Haus ist eine coole Socke.“ Und eine Bürde? „Mein Vater und ich wohnen hier vor allem, um die Burg zu erhalten. Ich finde sie gemütlich.“ Das Finanzamt habe zehn Jahre gebraucht, um den Wert des Anwesens zu bestimmen, das Felix Adelmann von seinem Vater überschrieben bekommen hat. Am Ende ist eine gar nicht mal so große Steuerschuld herausgekommen. Jedenfalls: „Wenn du eines nicht brauchst, um guten Wein zu machen, dann eine Burg. Um dieses Ensemble zu erhalten, ist jedes Ergebnis außer sehr erfolgreich eine rote Null.“
Zu Tisch mit Adenauer
Sind die antiken Möbel, die Adligenporträts an den Wänden, der Konzertflügel im Salon nicht erdrückend viel Tradition? Der Graf dreht sich um, er zeigt auf ein von ihm geschaffenes großformatiges Kunstfoto an der Wand, eine bewusst zerstörtes, dann auf Übergröße gezogenes Polaroid. Er hat die Wände rot streichen lassen. „Außerdem sind die Antiquitätenpreise so im Keller. Ich würde es nicht übers Herz bringen, für 500 Euro Großelterns schönen alten Esstisch zu verhökern. Einen Tisch, an dem Adenauer saß, unter anderem.“
Es sind diese eingestreuten Selbstverständlichkeiten, die den Adligen Felix Adelmann ausmachen. Da ist schon ein gewisser Stolz auf die eigene Familie und die Leistungen der Vorfahren. Aber da ist eben auch noch mehr. Zum Beweis steigt der Graf auf den Dachboden. Dort hat er sich ein Tonstudio eingerichtet, in dem viele schöne alte Tasteninstrumente und noch mehr alte Gitarren stehen, dazu die passenden Verstärker. Aus seiner Studienzeit in Hamburg, Betriebswirtschaft, hat er einige Musikerbekanntschaften in sein Leben mitgenommen. Der aktuell von der Kritik gefeierte Nils Frahm zählt zu seinen Freunden und war schon für eine Session hier.
Der Graf als Rockstar
Als Jugendlicher in den neunziger Jahren war Felix Adelmann Grunge-Fan, also ein Anhänger der depressiven Gitarrenmusik von Bands wie Nirvana, deren Songs er dann auch gleich auf Gitarre nachgespielt hat. Der Graf als Rockstar? In Hamburg dachte er kurz daran, sein Glück im Musikgeschäft zu versuchen, beließ es aber bei der Leidenschaft. Aktuell bereitet Adelmann eine Videoserie vor, in der er den Geschmack von Weinen vertonen will: „Für einen Tropfen mit pfeffrigem Oberton zum Beispiel mit dem Marshall-Verstärker aus den späten Sechzigern“, Adelmann zeigt auf das wuchtige Gerät, das vor einer historischen Tapisserie steht. „In mir sind der Graf Adelmann und der Rock ’n’ Roller“, sagt er.
Seit 2012 ist der Weinmacher dazugekommen, da übernahm er das Weingut von seinem Vater. Und das heißt weit mehr, als Traubensaft zu vergären. Zumal man anders als Vater Michael Adelmann in dessen Sturm-und-Drang-Zeiten nicht mehr mit Barrique-Ausbau oder Cuvées provozieren kann. Der hatte mit der Gründung des Deutschen Barrique-Forums auf Burg Schaubeck anno 1990 Weitblick bewiesen. Felix Adelmann lebt in Zeiten der Selbstvermarkter, und da ist „jeder Winzer zum Teil Entertainer“. Guten Wein machen fast alle, Qualität ist selbstverständlich. Deshalb zählen längst auch andere Faktoren, um einen Wein und seine Trinker zusammenzubringen.
Vor zwei Jahren sagte Felix Adelmann einem Fachblatt, dass er als Wengerter eine „Menschen-Marke“ werden wolle. Praktischerweise verhandelt auch seine Diplomarbeit dieses Thema. Dass ihm solche Auftritte alles andere als schwerfallen und der Adelstitel und die Burg da nicht nur schaden, gibt der Graf gerne zu. Bei Dutzenden Verkostungen, Messen und Events pro Jahr wolle er dem Adelmann-Wein „eine emotionale Ebene hinzufügen“, weil eben nicht nur das Auge mittrinkt, sondern auch das Bild, das man von dem Schöpfer des Weins hat, den man gerade im Glas schwenkt.
Pendler zwischen Luxushotel und Campingplatz
Es ist also ein Teil seiner Arbeit, darüber nachzudenken, was er darstellt. Er tut das, oft sogar, und ist doch zerrissen. Adelmann sagt: „Ich genieße es, zwischen Luxushotel und Campingplatz zu wechseln, zwischen Maßanzug und löchriger Jeans.“ Beim Rundgang durch die Burg erklärt er, er habe keine Ahnung, wer die Menschen sind, die goldgerahmt an der Wand hängen. Stattdessen könne er über alte Tonstudiotechnik referieren. Er hat diverse Oldtimer in der Garage und lässt sich doch gern nach einer Nacht in Stuttgart mit den Kumpels vom Taxi nach Kleinbottwar bringen. Er kann alles sein, ach was: er ist alles, was er will. Gibt es ein größeres Privileg?
Natürlich nicht. Adelmann ist mit dieser Art zu leben ganz bei sich selbst. Und doch arbeitet da etwas in ihm, das man möglicherweise nicht ergründen kann, wenn man als Bürgerlicher aufgewachsen ist. Der Adel ist in Europa weitestgehend entmachtet. Adelmanns Großvater Raban, Sohn des Kölner Regierungspräsidenten Sigmund Graf Adelmann, war wie viele seiner Generation noch in der Politik, als Bundestagsabgeordneter und Diplomat. Aber auch das ist mittlerweile unüblich. Aus den Herrschern von einst sind Unternehmer geworden, die ihre Wälder, Weinhänge oder manchmal nur ihre blaublütige Tradition bewirtschaften. Adel verpflichtet heute zu nichts mehr. Trotzdem sind Adlige immer noch etwas Besonderes, und sei es nur in den Köpfen der Nichtadligen. Das macht etwas mit einem. Und es macht erst recht etwas mit einem Jugendlichen, der gegen Konventionen rebelliert.
Aufgewachsen mit Bankern und Punkern
Seine Schulzeit hat Felix Adelmann in Frankfurt verbracht, auf der privaten Anna-Schmidt-Schule und, nach der Rückkehr aus einem Auslandsjahr in Amerika, an der staatlichen Bettinaschule im Westend, wo man allerdings „die Hauptbahnhof-Nähe schon gespürt hat“, wie er sagt. Während der gesamten Schulzeit inmitten von Banker- und Punkernachwuchs hat er seinen Adelstitel geheim gehalten. Erst beim Abiball flog alles auf. Später hat er überlegt, was er auf seine erste Visitenkarte schreibt. „Aber das ist doch auch falsch, sich dafür zu schämen!“, ruft er.
Er muss das immer irgendwie zusammenbringen, den Rock ’n’ Roller und den Graf. Die Aussicht, das in den kommenden 25 Jahren auf Burg Schaubeck zu tun, schaudert den Burgherrn nach eigener Aussage nicht. „Es geht ja nicht darum, wo man lebt, sondern wie man lebt“, sagt er dann. Klar vermisse er ab und an das Stadtleben, „aber ich habe das ja schon ausgiebig gehabt“. Andere Burgen seien außerdem viel weiter weg von der nächsten Großstadt.
Derzeit wohnt Adelmann mit seinem Vater auf Burg Schaubeck. Eine Freundin hat er, aber die ist nicht immer da. „Es wäre eine verdammte Schande, hier nicht mit Hund und Kindern zu leben“, findet er. Zum jungen Familienvater reicht es ihm mit seinen 38 Jahren nicht mehr, hat er kürzlich realisiert. Aber es würde einen nicht wundern, wenn Felix Adelmann eines Tages nicht nur Graf, Winzer, Musiker und Oldtimersammler wäre, sondern auch Familienmensch.