Jörg Alber und sein Pappaufsteller im Rewe in Sielmingen: Er wurde dort zum Gesicht für Regionalität auserkoren. Foto: Jacqueline Fritsch

Die Verbraucher legen bei ihrem Einkauf immer mehr Wert darauf, dass die Produkte aus der Region kommen. Doch inwieweit profitieren die Landwirte von dem Trend?

Filder - „Regional“ oder „aus der Heimat“ – wer im Supermarkt einkauft, findet diese Schlagworte auf vielen Produkten. Äpfel aus Neuseeland, Salat aus Holland – sie werden zwar nach wie vor angeboten, aber mehr und mehr von heimischem Gemüse aus dem Regal gedrängt. Scheinbar wächst die Sehnsucht der Kunden nach Kartoffeln, die der Bauer von nebenan aus dem Acker gezogen hat. Der Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft von 2018 untermauert diesen Eindruck mit Zahlen: Demnach legen mehr als drei Viertel der Verbraucher (78 Prozent) Wert darauf, dass die Lebensmittel, die sie einkaufen, aus ihrer Region stammen.

Diese Hinwendung zu heimischem Obst und Gemüse hat sich vor allem in den vergangenen sechs, sieben Jahren immer stärker etabliert, sagt Tobias Briem, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Esslingen mit eigenem Betrieb in Bernhausen. „Bio und regional sind gerade die zwei Trends, die den Kunden wichtig sind.“

Was bringt Verbraucher zum Umdenken? Tobias Briem nennt einige Gründe, die beim Einkauf eine Rolle spielen mögen: Zum einen sei für den Kunden der Markt transparenter, wenn er wisse, wo seine Produkte herkommen. Durch kurze Transportwege seien die Produkte frischer, und die Umwelt werde geschont. „Außerdem erkennt der Kunde, was gerade Saison hat“, sagt Briem. Und: Wer regionale Produkte kaufe, unterstütze die Betriebe vor Ort, tue der Region somit was Gutes. „Insgesamt ist es ein gutes Gefühl, das der Kunde beim Kauf von regionalen Produkten mit erwirbt.“

Rund 50 Millionen Salatköpfe im Jahr

Tobias Briem selbst hat in einer Kooperation mit zwei anderen Filderbauern einen Direktvertrag mit der Supermarktkette Rewe abgeschlossen. Drei bis vier Millionen Salatköpfe, die auf ihren Filderfeldern wachsen, verkaufen sie im Jahr an Rewe. Auf der gesamten Filderfläche wachsen laut Briem rund 50 Millionen Salatköpfe pro Jahr. Wer im süddeutschen Raum auf die Verpackung eines Salatkopfs schaue, habe gute Chancen, dort einen Filderbauern als Produzenten aufgedruckt zu finden.

„Für uns Filderbauern ist die Hinwendung zu regionalen Produkten eine gute Entwicklung“, sagt Briem. Zwar hätten die Bauern nicht mehr Macht gegenüber den Supermarktketten: „Der Handel gibt immer noch die Preise vor und sitzt am längeren Hebel.“ Regionale Produkte würden in den Läden oft teurer angeboten, beim Landwirt komme davon aber nichts an. Dennoch gebe es einen positiven Effekt: „Die Landwirte profitieren durch die höhere Menge, die sie verkaufen können“, sagt der Bernhäuser Bauer. Während früher das meiste Gemüse aus Rheinland-Pfalz kam, hätten nun auch Landwirte aus der Region eine Chance, mit Supermarktketten Verträge abzuschließen. „Der Gemüseanbau auf den Fildern hat sich dadurch deutlich gesteigert. Gemüse von den Fildern findet man inzwischen in ganz Süddeutschland im Einzelhandel.“

Es geht auch um Nachhaltigkeit

Die großen Supermarktketten beugen sich dem Wunsch der Verbraucher nach Regionalität: Längst konkurrieren sie nicht mehr nur darum, wer die kleinsten Preise anbietet, sondern auch um Nachhaltigkeit. Regionale Produkte stehen für Tradition, Ursprünglichkeit und vertrauenswürdige Herkunft. Mit klangvollen Eigenmarken wie „Aus Liebe zur Heimat“ wird ein gutes Gefühl erzeugt.

Bei der Pressestelle von Edeka heißt es, Regionalität sei „von höchster Bedeutung“. Allerdings wird die Region recht weit gefasst: Die Regionalmarke „Unsere Heimat – echt und gut“ stammt aus dem Absatzgebiet Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Saarland und Teilen von Hessen und Bayern. Die Anzahl der angebotenen Regionalartikel steige stetig, ebenso die abgesetzte Menge, heißt es bei der Pressestelle.

Rewe bestätigt auch die wachsende Bedeutung regionaler Produkte. Neben der Eigenmarke „Rewe Regional“ würden mittlerweile 1300 lokale Erzeuger rund 20 000 Produkte unter eigenem Logo in den Rewe-Märkten vermarkten. „Diese Produkte finden sich dann nur in wenigen Märkten im direkten Umfeld der Produzenten“, so Sprecherin Sabine Stachorski. „Sie werden unter der Verpackung des Bauern oder des Herstellers verkauft. Der Radius ist in diesen Fällen selten größer als 30 Kilometer.“

Jörg Alber aus Filderstadt-Sielmingen verkauft Salate

Jörg Alber lächelt bisweilen von Litfaßsäulen, von Stadtbahn-Haltestellen oder von einem lebensgroßen Pappaufsteller im Supermarkt. Der Sielminger Bauer wurde vor etwa drei Jahren von der Supermarktkette Rewe dazu auserkoren, ihrer Produktlinie „Rewe Regional“ ein Gesicht zu geben. Seither ist Alber somit zumindest in Abbildungen häufig jenseits seines Hofes oder seiner Felder anzutreffen. Ihm selber ist das gar nicht so recht, „ich kümmere mich da nicht drum, ich habe einen arbeitsreichen Alltag“. Aber seine Töchter erzählen ihm immer wieder, wo sie ihn gerade mal wieder entdeckt haben.

Alber baut vor allem Eissalat an, aber auch andere Salatsorten sowie Chinakohl, Weiß- oder Rotkraut. Rewe beliefert er bereits seit 30 Jahren, und nicht erst seit dem recht jungen Trend, regionale Produkte im Supermarktregal anzupreisen. Dass den Salaten nun auch sichtbar der Stempel „regional“ aufgedrückt wird, sei für die Bauern gut, meint Alber – auch wenn sie dadurch keinen Cent mehr verdienen würden. „Aber man kann eine größere Stückzahl an Rewe abgeben als vorher, das ist für uns schon ein Vorteil“, sagt Alber. Außerdem habe er die Garantie, kontinuierlich an das Zentrallager in Rottenburg-Bondorf liefern zu können und den Salat nicht zu einem Abnehmer weit weg fahren zu müssen. „Für uns Landwirte ist die Regionalität in jedem Fall gut. Und auch der Verbraucher sieht, woher die Ware kommt.“

Matthias Brodbeck aus Stuttgart-Möhringen verkauft Beeren

Auf dem Hof von Matthias Brodbeck und seiner Familie dreht sich alles um Beeren. Den Großteil seiner Ernte verkauft er über Direktvermarktung im Hofladen, am Hofautomaten, an Verkaufsständen oder an Selbstpflücker. Etwa 15 Prozent seiner Erdbeeren verkauft er aber auch an zwei Edeka-Märkte in Plieningen und Musberg sowie an zwei Rewe-Märkte in Möhringen und Vaihingen. „Was wir machen, ist nicht regional, sondern lokal“, sagt der Beeren-Bauer, und fügt lachend hinzu: „Kürzere Transportwege darf mir gerne jemand vormachen.“ Er beliefert keine Zentrallager, sondern steht mit den Marktleitern in direktem Kontakt. Abends wird abgesprochen, welche Menge der Supermarkt braucht, am nächsten Morgen ab 4.30 Uhr wird frisch gepflückt und direkt geliefert.

Dass die Ware frisch und von guter Qualität ist, ist Brodbeck wichtig – schließlich steht sein Name auf jeder Erdbeerschale. Und auf Aufstellern präsentieren die Supermärkte sogar ein Bild der Brodbecks, das zeigt: Von diesem örtlichen Bauern beziehen wir die Erdbeeren.

Auch wenn der Verkauf an Supermärkte für Brodbeck nur ein kleiner Absatzmarkt ist, ist er ihm doch wichtig. Denn: „Es ist ein Vermarktungsweg, bei dem ich wenig Aufwand betreiben muss. Ich brauche kein Verkaufspersonal und muss keinen Laden einrichten.“ Außerdem sei es auch Werbung, die vielleicht den ein oder anderen Kunden auf seinen Hof nach Möhringen locke.

Uwe Beck aus Echterdingen verkauft Milch

Etwa 50 Kühe stehen bei Uwe Beck im Stall. Sie geben rund 1000 Liter Milch pro Tag. Eine kleine Menge verkauft Beck direkt am Hof, der Rest wird alle zwei, drei Tage von der Firma Friesland Campina (ehemals Südmilch) abgeholt und nach Heilbronn gefahren. Dort wird die Milch vieler Bauern aus der Region zusammengekippt und daraus Joghurt und Desserts unter der Marke „Landliebe“ hergestellt. Beck betont, dass nicht die Milch sämtlicher Bauern, die Friesland Campina anfährt, zusammengemischt wird. „Landliebe achtet strikt auf gewisse Kriterien“, erklärt er. Dazu gehöre zum Beispiel, dass die Kühe sich im Stall frei bewegen können und das Futter frei von gentechnisch veränderten Organismen sein muss. Stattdessen kämen nur Raps und andere Futterkomponenten aus heimischer Produktion in Frage, und „kein Soja, für das Wälder abgeholzt werden muss“.

Ob der Landliebe-Joghurt im nächstgelegenen Supermarkt die Milch seiner Kühe enthält, weiß aber auch Uwe Beck nicht genau. Schließlich taucht sein Name auf keinem Becher auf. „Bei verarbeiteten Produkten ist das auch schwer“, sagt Beck. Denn in den Joghurt kämen ja die Komponenten unterschiedlicher Produzenten, zum Beispiel Früchte, Zucker oder Aromen. Jeder Erzeuger könne da gar nicht genannt werden. Inwieweit ein verarbeitetes Produkt somit Regionalität erfüllen könne, sei schwer zu sagen.

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