Die Politprominenz am Schlossplatz aufgereiht Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Beim „Abend der Begegnung“ scheint so weit alles harmonisch in Stuttgart, aber die katholische Kirche in Deutschland befindet sich mittendrin in fundamentalen Auseinandersetzungen.

Gebhard Fürst, als Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart einer der Gastgeber des 102. Katholikentags, ist froh, als er das relative Wortungetüm heraus hat. Aber erwähnt haben wollte er es: St.-Martin-tiptoi-Rallye ist ein begehbares und interaktives Spiel um den Heiligen und Diözesanpatron aus Tours, der seinen Mantel teilte. Eine Aktion auf dem Schillerplatz, die das Leitwort der Veranstaltung umsetzt: „leben teilen“. Und wer wissen will, wie genau das theoretisch und praktisch im Rottenburger Modell funktioniert, geht hernach ins Stuttgarter Rathaus, wo eine Ausstellung wartet.

 

Alternativen gibt es natürlich eine Menge, denn der Katholikentag platzt seit Mittwochabend mit 1500 Veranstaltungen buchstäblich aus allen Themennähten. Zeitgleich zum Beispiel diskutiert im Haus der Wirtschaft am Donnerstagnachmittag ein Forum über „Neue (alte?!) Wege zur Bischofsordination“, während eine von fünf anderen Möglichkeiten auf der Kirchenmeile wartet, wo „Glaube und Vernunft im Religionsunterricht“ in Rede steht. Wohin also? Und essen müssen die Leute ja schließlich auch.

Rückblick auf den Katholikentag 1964

Im Jahr 1964, als der Katholikentag zum letzten Mal in Stuttgart zu Gast war, sah das alles sehr viel anders aus, wie man jetzt noch einmal auf den alten Bildern sehen kann, die der SWR anlassgemäß aus dem Archiv geholt hat. Die Welt war, nicht nur im körnigen Film, schon sehr schwarz-weiß. Die Männer, und es sind fast nur Männer und fast nur Kleriker zu sehen, wirken wie versteinert. Gefangen in einem Panzer, der Gewand heißt und Gewalt bedeuten konnte. Verborgen hinter Visieren, wie man sie seinerzeit in der heiligen Messe aufsetzte.

Gebhard Fürst war damals 16 Jahre alt und hat Bibeln verteilt, wie er kurz vor Beginn des Katholikentags erzählt. Es schwingt ein bisschen Sentimentalität mit, aber auch ein wenig Stolz, wenn er redet. Er möchte, dass sich die Dinge jetzt doch einigermaßen runden (was sie nicht können, nach Lage der Dinge). Fürst wird in naher Zukunft aufhören, der Katholikentag auf jeden Fall die größte Herausforderung der verbleibenden Zeit sein. Er hat erst mal Glück gehabt, wie es aussieht. Anders als der letzte ökumenische Kirchentag in Frankfurt muss der Katholikentag nicht nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit digital stattfinden. Knapp 30 000 Gäste werden wohl bis Sonntag nach Stuttgart kommen. Und auch das Wetter spielt ganz ordentlich mit.

Alles leuchtete und sang – im Jahr 2015

Dass der Geist nicht ganz so beschwingt weht wie beim letzten spirituellen Großereignis, dem Evangelischen Kirchentag von 2015, ist freilich unübersehbar. Damals waren dreimal mehr Menschen in der Stadt und die Probleme, allkirchlicherseits, geringer. Alles leuchtete und sang seinerzeit, selbst die Straßenbahnen. Jetzt geht es, selbst auf Katholisch, wo die Gesten und Riten ja oft größer sind, eine Nummer kleiner zu – auch auf dem Schlossplatz. An Christi Himmelfahrt spielt dort die Musik vor dem Neuen Schloss auf der Bühne, während die Messe an sich auf der ebenen Erde stattfindet. Volk und Klerus sind gleichauf, während Gebhard Fürst in der Predigt davon redet, dass der Himmel aufgehen möge über der „Hölle dieser Welt“. 1100 Stoffstücke, 240 Quadratmeter Stoff eines kollektiv angefertigten Martinsmantels liegen hinter ihm. Die katholische Kirche, sagt Fürst, müsse „den Blick wenden“.

Noch deutlicher ist diesbezüglich Ministerpräsident Winfried Kretschmann geworden: „Reinigen“ (durch Gott) müsse sich die Kirche, sagt Kretschmann. Denn so heiße es in Händels Oratorium „Messias“: „Er wird die Kinder Levis reinigen.“ Und die Kinder Levis, setzte Kretschmann fort, der auch beim Katholikentag eine Exegesestunde übernehmen wird, seien „natürlich die Priester“. Kretschmann sitzt am Donnerstagmorgen auf dem Schlossplatz neben dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und dem Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper. Er weiß, was Krisen sind. Und er weiß auch, dass es manchmal eben nichts nutzt, wenn „Gesellschaft und Verfassungsordnung christlich imprägniert“ sind, wie er sagt. Etwa wenn, kaum dass ein bisschen Gras gewachsen scheint in Sachen Missbrauch, sich schon wieder „Abgründe“ auftun, wie Irme Stetter-Karp ergänzt.

Gelungene Eröffnungsveranstaltung

Als der Katholikentag am Mittwochabend im Schlossgarten von der Präsidentin des ZdK (Zentralkomitee der deutschen Katholiken) eröffnet wird, ist natürlich auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz da, Georg Bätzing. Er gibt sich alle Mühe, so zu wirken, als sehe es in ihm aus, wie die Veranstaltung selbst ist, nämlich tendenziell locker, aber Bätzing ist mit schwerem Gepäck gekommen. Es gibt neue Vorwürfe wegen einer alten Geschichte: Bätzing soll einen Priester befördert haben, der übergriffig geworden war, aber offenbar nicht im strafrechtlichen Sinn. Das kommt natürlich zur Unzeit, und obwohl sich Bätzing verteidigt (der Priester sei bis heute in Supervision, die Abwägung „sorgsam“), steht schon wieder zumindest eine Wolke über dem Katholikentag. Da sei er „perplex“, antwortet der Bischofskollege Gebhard Fürst, zur Sache befragt, und schiebt eilig nach: „So etwas würde ich in meiner Diözese nicht tun.“

In einem anderen Zusammenhang lässt Fürst dann einen Satz fallen, der im Wesentlichen umreißt, um was es in diesen Tagen in Stuttgart auch gehen wird, was die katholische Kirche in Deutschland und vor allem ihr Selbstverständnis bei den Laien anbetrifft. Fürst sagt: „Wir sind ja eine Einrichtung, die nicht gegründet worden ist, um Macht auszuüben“ – und die neue ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp, neben Fürst auf dem Podium, hat die Aussage sehr wohl gehört. Stetter-Karp weiß, dass die Bischofskonferenz, auf deren Mitglieder die Laien bei der Gestaltung des Synodalen Wegs nun einmal angewiesen sind, sich in einem äußerst fragilen Zustand befindet.

Und dann wieder ein „Fall“ Bätzing

Zum einen ist da Georg Bätzing, der im Großen und Ganzen bisher eher positiv agiert hat – und es sogar auf Konfrontationen mit Rom ankommen ließ. Papst Franziskus ist nicht gut auf Bätzing zu sprechen, wie er ja überhaupt nicht viel vom deutschen synodalen Sonderweg hält. Die deutschen Bischöfe und natürlich das ZdK finden es umgedreht nicht glücklich, dass die Causa Woelki in Köln nach wie vor schwelt. In Stuttgart fehlt Woelki, was Stetter-Karp bedauert. Er pilgert lieber nach Neviges zum Hardenberger Gnadenbild, obwohl man ihm dort, anlässlich einer Weihe, bereits im vergangenen Jahr zu verstehen gegeben hat, dass die Wertschätzung allenfalls noch marginal ist: „Das Dach ist dicht, die Kirche nicht . . .“, hieß es damals am Rand von Düsseldorf.

Irme Stetter-Karp aus Ellwangen, in Baden-Württemberg unter anderem als Stuttgarter Caritas-Direktorin, dem Rest der Republik wegen des Amtsbeginns zu heftigsten Coronazeiten Ende 2021 noch nicht so sehr bekannt, formuliert diese Protestformel im Prinzip nur um, als sie unter allerlautestem Beifall bei der Eröffnung im Schlossgarten sagt: „Wir müssen die Kirche vom Kopf auf die Füße stellen!“ Sie scheint bereit, Stuttgart nicht nur als Semi-Wohlfühlkatholikentag abzuhaken, bei dem alle einigermaßen froh sind, dass überhaupt wieder viele Menschen gleichen Glaubens einander treffen können, um etwas zu bewegen. Aus den Zumutungen, die Christinnen und Christen erwarten könnten, macht Stetter-Karp keinen Hehl: „Wir müssen unseren Lebensstil ändern“, sagt sie. Und setzt hinzu: „Und es ist nicht leicht.“ Wie schwer es ist, sieht man auch an den Kosten für den Katholikentag, der hauptsächlich von Stadt und Land getragen wird. Eine gewisse Kulinarik, auch in der optischen Präsentation, kostet. Zehn Millionen Euro kommen zusammen.

Erneuerung unter den Laien

Stetter-Karp spricht wie auch der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier deutlich vom Missbrauchsskandal und vom Oben-und-unten-Denken in der Kirche, von „Konflikten und Konfusionen“. Steinmeier hat es wohl leichter: Es reicht, wenn er, jovial-präsidial, die „Ermutigung zur Erneuerung“ anmahnt. Stetter-Karp hat es schwer: Sie muss ebendiese Erneuerung unter den Laien in Gang bringen, aber wenn Beifall ein Gradmesser ist, dann hat Stetter-Karp, der Offensive nicht fremd ist, auch und gerade als es darum geht, den Stuttgarter Katholikentag als „politischen“ (nicht nur in der Ukraine-Debatte) zu deklarieren, wohl ziemlichen Rückhalt. Erst später aber, gibt sie zu bedenken, werde sich weisen, ob Stuttgart zum „Beginn einer neuen Aufwärtsspirale“ für den Katholizismus hierzulande tauge oder nicht. Vor dem Katholikentag hat die Vollversammlung des ZdK im Stuttgarter Hospitalhof getagt. Nach wie vor fehlt es an einem Nachfolger für den Missbrauchsbeauftragten der Bischofskonferenz, Stephan Ackermann, der nur noch bis September amtiert. „Was können sich die Bischöfe noch leisten?“, fragt Irme Stetter-Karp.