Geschafft! Die deutschen Handballer bejubeln ihre Olympiateilnahme. Foto: AFP/Michael Hundt

Die drei Spiele in Berlin bringen mit Blick auf die Olympischen Spiele wertvolle Erkenntnisse. Wir wagen eine Prognose wie der Kader der deutschen Handball-Nationalmannschaft für Tokio aussehen könnte.

Berlin - Auf dem großen Banner stand „Ticket to Tokio“. Und als das 34:26 (17:14) gegen Algerien perfekt war und die letzten Zweifel an der Qualifikation für die Olympischen Spielen ausgeräumt waren, versammelten sich die deutschen Handballer sinnigerweise genau dahinter. Die Spieler jubelten, der Druck fiel ab – und mittendrin stand der erleichterte Bundestrainer. „Es bestand in diesem letzten Spiel die Möglichkeit, uns zu blamieren, doch Mitte der zweiten Hälfte konnten wir uns absetzen“, sagte Alfred Gislason, „jetzt sind wir alle sehr glücklich, dass wir erreicht haben, was wir uns vorgenommen haben.“ Das Wochenende in Berlin brachte einige Erkenntnisse mit Blick auf die Sommerspiele vom 23. Juli bis 8. August.

 

Starke Abwehrkräfte Die Erfahrung und die Siegermentalität der Spieler von Champions-League-Sieger THW Kiel tat der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) wie erwartet sehr gut. Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler und Steffen Weinhold verliehen vor allem der Deckung mehr Sicherheit. Dieser Kieler Stabilitätspakt ist für Gislason unverzichtbar. Die Drei müssen nicht immer gleichzeitig auf dem Feld stehen. Schon einer aus dem Trio an der Seite des jungen Johannes Golla kann den Unterschied ausmachen. Bei der WM bildete der 23-Jährige mit dem unerfahrenen Sebastian Firnhaber den Innenblock – was schiefgegangen war.

Wolffs Revier Die „menschliche Mauer“ mit dem eingespielten Innenblock vor ihm verhalf auch Andreas Wolff im Schlüsselspiel gegen Slowenien (36:27) zur Rückkehr zu alter Glanzform. Dass er das Auftaktspiel gegen Schweden (25:25) von der Tribüne aus betrachten musste, hatte seinen Ehrgeiz zusätzlich angestachelt. Bei aller Wertschätzung für Silvio Heinevetter (36) und Johannes Bitter (38): Um ihr Ziel Olympia-Gold in Tokio zu erreichen, braucht die DHB-Auswahl einen Wolff in Weltklasse-Verfassung.

Wachablösung auf Linksaußen Mit seinem Ausgleichstor fünf Sekunden vor Schluss gegen Schweden sorgte Marcel Schiller für den entscheidenden Schub fürs Team. Seinen insgesamt fünf Treffern im Auftaktspiel ließ er sieben weitere folgen gegen Slowenien. Der Göppinger zählt zu den persönlichen Gewinnern des Turniers. Viele Jahre wartete der 29-Jährige auf seine Chance im Nationalteam, nun hat er sogar Kapitän Uwe Gensheimer den Rang abgelaufen. Zumal Schiller auch schon bei der WM in Ägypten seinen prominenten Positionspartner mit 21 Turniertreffern (Gensheimer 14) in den Schatten gestellt hatte. Sein Verein Frisch Auf ist froh, dass er seinen Vertrag bereits im Dezember bis 2023 verlängert hat.

Alfred Gislason Schon bei der WMwaren Fortschritte erkennbar, in den engen Spielen auf Augenhöhe gegen Ungarn und Spanien gaben Kleinigkeiten den Ausschlag, dass es am Ende nicht reichte. Durch die reibungslose Integration der Rückkehrer hat der Bundestrainer diese Defizite bereinigt. Nach Ballgewinnen wird mit höherem Tempo gespielt, im Positionsangriff mehr über den Kreis und die Außen versucht zum Erfolg zu kommen. Und auch die Ansprachen des Isländers fruchten. Sein Vorgänger Christian Prokop hatte die Spieler oftmals in Auszeiten mit komplizierten Inhalten überfrachtet, Gislasons Ansprache ist klar, direkt, unmissverständlich und spricht die Emotionen der Spieler an. „Durch seinen riesigen Erfahrungsschatz trifft Alfred im Coaching die richtigen Bauchentscheidungen“, stellt Ex-Bundesligatrainer Rolf Brack fest. „Kraft seiner Aura und seiner Erfolge ist ihm die Gefolgschaft des Teams sicher.“

Ausblick Der Kampf um die Olympiakaderplätze wird spannend. Zumal im Vergleich zu einer EM oder WM keine 16 Spieler nominiert werden können, sondern lediglich 14. Zusätzlich darf ein Akteur bestimmt werden, der im Falle einer Verletzung auch während des Turniers zur Mannschaft stoßen kann. Nach den jüngsten Erkenntnissen aus dem Olympia-Qualifikationsturnier ist folgender Kader denkbar: Andreas Wolff, Silvio Heinevetter, Uwe Gensheimer, Marcel Schiller, Julius Kühn, Sebastian Heymann, Philipp Weber, Steffen Weinhold, Kai Häfner, Fabian Wiede, Timo Kastening, Patrick Groetzki, Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek, Johannes Golla.

In der Bundesliga geht es am kommenden Mittwoch weiter. Frisch Auf spielt mit seinen Nationalspielern Schiller und Sebastian Heymann bei der HSG Wetzlar. Der TVB Stuttgart empfängt den HBW Balingen-Weilstetten – und bangt um Johannes Bitter. Der Torwart erlitt gegen Schweden eine Rückenverletzung, musste sich zur Diagnostik und Beobachtung in die Berliner Charité begeben und hat aufgrund des Hygienekonzepts auch die Nacht von Samstag auf Sonntag dort verbracht. Bitter soll an diesem Montag in Stuttgart nochmals untersucht werden.

Tore für Deutschland in Berlin Kühn (16), Schiller (13/4), Kastening (9/1), Gensheimer (9/3), Golla (8), Häfner (7), Wiencek (7), Pekeler (6), Weinhold (6), Weber (5), Heymann (4), Wiede (3), Groetzki (2).