Ehemaliges Pflegeheim direkt im Zentrum soll 200 Geflüchteten Platz geben. Doch der OB und die Stadträte sorgen sich um den sozialen Frieden
Am Dienstagabend demonstrierten weit mehr als 100 ältere Menschen vor dem Rathaus gegen ein Flüchtlingsheim in der Leonberger Stadtmitte. Einige Stunden später schlossen sich im Rathaus die Kommunalpolitiker der Meinung der Demonstranten an: Einstimmig sprach sich der Gemeinderat gegen das Vorhaben des Landratsamtes Böblingen aus, in einem ehemaligen Pflegeheim am Stadtpark rund 200 Flüchtlinge unterzubringen.
Die ehemalige „Seniorenresidenz am Parksee“ hatte einst dem Landkreis gehört, der das Heim auch betrieben hatte. 2017 verkaufte der Kreis das Haus an eine Investorengruppe, auch, so hieß es, um den Konflikt zwischen Heimaufsicht und Heimbetreiber zu beenden. Die früheren gut 100 Bewohner leben dort schon lange nicht mehr, in der Kommunalpolitik macht der Begriff „Entmietung“ die Runde. Das einstige Pflegeheim, direkt neben einer Wohnanlage für Senioren gelegen, die allerdings nicht der Pflege bedürfen, steht seither leer.
Senioren äußern Angstgefühle
Nachdem unsere Zeitung vor gut einer Woche über die Pläne des Landratsamtes berichtete, das Gebäude für fünf Jahre anzumieten, um dort an die 200 Geflüchtete unterzubringen, wird heftig das Für und Wider diskutiert. Dusan Minic, der Sozialdezernent der Kreisverwaltung, verweist auf die wachsenden Flüchtlingszahlen, die dem Kreis zugewiesen werden. Es gäbe einfach keinen Platz mehr. Die Chance, 200 Menschen auf einen Schlag unterzubringen, könne sich seine Behörde nicht entgehen lassen.
Kritiker bemängeln die Nähe zum Stadtpark, der als Szenetreff gilt und von vielen Älteren abends gemieden wird. Auch für das nahe gelegene Leo-Center sei ein Heim mit 200 Flüchtlingen nicht eben förderlich.
Dass die Bewohner der Senioren-Anlage regelrecht Angst vor der möglichen Nachbarschaft haben, die, so die Befürchtung, vornehmlich aus Männern bestehen werde, stellten sie am Dienstag bei der Kundgebung am Rathaus unmissverständlich klar.
Die Argumente der Gegner des Standorts fanden im Gemeinderat Gehör. Zwar war der Sozialdezernent des Kreises gleich zwei Mal von Böblingen nach Leonberg geeilt, um die Stadträte von der Notwendigkeit der Unterkunft am Stadtpark zu überzeugen. Doch die sorgen sich, genau wie Oberbürgermeister Martin Georg Cohn (SPD), mehr um den sozialen Frieden in der Stadt.
Kreis wird bei der Suche unterstützt
Der OB betont zwar, dass die Stadt Leonberg „natürlich bereit“ sei, ihren Beitrag zur Unterbringung von Geflüchteten im Landkreis zu leisten. Aber: „Ich erachte die Anmietung dieser Immobilie für kritisch“, sagt Cohn. „Insbesondere mit Blick auf die Akzeptanz der Bevölkerung für die Unterbringung geflüchteter Menschen.“ Er setzt auf eine weiterhin offene Kommunikation zwischen der Stadtverwaltung Leonberg und dem Landkreis Böblingen.
Deshalb hat der Gemeinderat zudem beschlossen, dass der Landkreis bei der Suche nach anderen Standorten unterstützt werden soll. Während aber der Ablehnungsbeschluss einmütig erfolgt ist, gab es bei der Zusatzpassage fünf Gegenstimmen und zwei Enthaltungen.
„Wir werden kurzfristig prüfen, ob es vergleichbare Alternativen gibt“, kommentierte Sozialdezernent Minic den Leonberger Ratsbeschluss. „Allerdings ist die Lage prekär. Nach den aktuellen Zuweisungszahlen haben wir Ende November keine freien Plätze mehr. Deshalb will Minic auch nicht ausschließen, dass es am Ende doch auf das Haus am Stadtparksee hinauslaufen könnte: „Wir werden auf jeden Fall mit den Menschen vor Ort ausführlich sprechen.“